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    Die Schwierigkeit, nach dem Evangelium zu leben

    Keiner kann behaupten, dass die Demut heute eine allgemein anerkannte oder hochgepriesene Tugend sei. Schon in Vorstellungsgesprächen bei der Bewerbung um eine Arbeitsstelle sieht sich der junge Mensch unter dem Druck, mehr aus seinen Fähigkeiten zu „machen“, als sie eigentlich beinhalten: So sieht er sich nicht nur gezwungen, seine Qualifikation in ein möglichst strahlendes Licht zu heben, seine Vorzüge plakativ darzustellen, sondern auch fast dazu getrieben, sein Können unwahrhaftig als dermaßen bedeutend zu schildern, dass er die ersehnte Stelle bekommt.

    Demut in den praktischen Umständen klösterlichen Alltagslebens: Stille Andacht vor der Kathedrale Santiago de Compostela... Foto: IN

    Keiner kann behaupten, dass die Demut heute eine allgemein anerkannte oder hochgepriesene Tugend sei. Schon in Vorstellungsgesprächen bei der Bewerbung um eine Arbeitsstelle sieht sich der junge Mensch unter dem Druck, mehr aus seinen Fähigkeiten zu „machen“, als sie eigentlich beinhalten: So sieht er sich nicht nur gezwungen, seine Qualifikation in ein möglichst strahlendes Licht zu heben, seine Vorzüge plakativ darzustellen, sondern auch fast dazu getrieben, sein Können unwahrhaftig als dermaßen bedeutend zu schildern, dass er die ersehnte Stelle bekommt.

    Die altpreußische Haltung, mehr sein zu wollen als zu scheinen, ist längst außer Kurs. Sie war ohnehin nur eine auf bürgerliche Wohlanständigkeit getrimmte, säkularisierte Verkürzung der Forderung Jesu nach der in Wahrheit erhöhenden Selbsterniedrigung in der Nachfolge des Opferweges Jesu Christi. Aber erst diese, die biblische Demut im vollen, umfassenden Sinne? Nein danke, sagen viele, und wenden sich irritiert und mit einem leisen Schaudern ab, das ist nichts für mich autonomen Menschen des 21. Jahrhunderts. Demut scheint nicht lebenstauglich.

    Wer glaubt, er habe es bei Michael Caseys hier zu besprechendem Werk über die Demut mit einer einfachen Abhandlung, einem frommen Traktat gar, zu tun, dem steht eine herbe Enttäuschung oder – je nachdem – eine erfreuliche Überraschung bevor. Grundlage der Überlegungen des Autors ist das siebte Kapitel der Regel des heiligen Benedikt, welches sich mit der Demut beschäftigt.

    Casey, Mönch der Abtei Tarrawarra, der viele Jahre mit diesem Kapitel umging, bekennt im Vorwort freimütig: „Bis heute kommt es mir noch recht schwierig vor“ und er ist sich bewusst, darüber nichts „Endgültiges“ sagen zu können.

    Ist also schon die Materie dieses Buches keine einfache oder eingängige, so stellt sich auch die Art, wie Casey sie mit dem Leser zusammen zu durchdringen versucht, als eine gedanklich fordernde dar. Wer reine Erbauung sucht (auch diese hat ja ihren Wert) kommt sicher nicht auf seine Kosten.

    Als seine Intention nennt der Verfasser, die „Leserinnen und Leser auf den Weg kritischen und praktischen Nachdenkens über einen wichtigen Grundsatz des Evangeliums mit(zu)nehmen“ (Vorwort).

    Casey ist sich der Schwierigkeiten einer heutigen Rede von der Demut durchaus bewusst. In vielen, so sagt er, wecke die Nennung dieser Tugend „das Bild einer moralischen Unterdrückung, die nur in Angst, Schuldgefühle und ein ständiges Gefühl des Versagens führe. Sie biete keinerlei Ermutigung oder Wärme, sondern betone lediglich vorwurfsvoll die Sündhaftigkeit des Menschen.“ Ausdruck echter Ehrlichkeit ist es, wenn Casey in diesem Zusammenhang betont, dass es bezüglich der Demut durchaus „grobe Übertreibungen“ geistlicher Schriftsteller der Vergangenheit gegeben habe.

    Der Rezensent erinnert sich einmal bezüglich der „Soeurs de la Charité“, der Schwesterngemeinschaft, der die heilige Bernadette Soubirous beitrat, folgendes gelesen zu haben, was dort gängige Praxis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen zu sein scheint: Hatte eine Schwester einen noch so kleinen Verstoß gegen die Ordensregeln oder die Anordnungen der Oberen begangen, hatte sie auf der Stelle niederzuknien und den Boden zu küssen. Eine von ihnen sagte später, als sie eines der Häuser besuchte, in dem sie in ihrer Ordensjugend stationiert gewesen war: „Hier gibt es wohl keinen Quadratzentimeter Boden, den ich nicht geküsst hätte!“

    Die Schwester hat das mit Humor erzählt, doch man kann sich schon vorstellen, wie eine solche Praxis, die sicher nicht auf die „Soeurs de la Charité“ beschränkt war, dazu angetan war, dass die davon Betroffenen allen Humor verlieren konnten.

    Dergleichen „zu Tode gerittene“, veräußerlichte Demutsübung wird heute mit Recht abgelehnt, ebenso geistliche Autoren, die sie wohl fast zum Prinzip erhoben haben. Casey ist es demgegenüber um eine gute, tiefe Auseinandersetzung mit dem Demutsideal des Evangeliums gleichsam in benediktinischer Lesart zu tun, so wie sie der Heilige von Nursia für jene formulierte, die den Weg der Ganznachfolge gewählt haben.

    Wer die einzelnen Stichworte anschaut, unter denen Casey die Demut reflektiert, und seine dazugehörigen Aussagen liest, begreift sehr schnell, wie aktuell die Demut gerade heute ist, und dass es für unsere Lebenszusammenhänge in hohem Maße heilsam wäre, wenn es gelänge, sie in stärkerem Maße zu üben: „Ernsthaft sein“, „Gottes Willen tun“, „Radikale Ehrlichkeit gegenüber sich selbst“ und „Zurückhaltung im Sprechen“ – Facetten der Demut, deren Aktualität geradezu mit Händen zu greifen ist.

    Casey kommt zu dem Fazit: „Demut ist nicht unbedingt etwas Schlechtes und nicht einmal Belangloses, sondern eine Einstellung, die sowohl das Menschsein als auch das spirituelle Unternehmen fördert“.

    Und er schließt später an: „Selbst falls wir der Überzeugung sein sollten, für heutige Menschen seien Benedikts Vorstellungen vom spirituellen Leben unzureichend, denke ich, dass es sich trotzdem lohnt, ihm zuzuhören.

    Wenn er von einer anderen kulturellen Sicht her über die tiefen Wirklichkeiten der spirituellen Entwicklung zu uns spricht, stößt er uns vielleicht auf etwas, was wir aus unserer heutigen Sicht kaum mehr zu sehen vermögen. Wir wissen nie, welche blinden Flecken wir haben. Wenn uns jemand mit anderen blinden Flecken begegnet, bemerken wir vielleicht die unsrigen.“ Freilich gilt auch: „So wie Benedikt die Demut vorstellt, ist sie im Wesentlichen die Übersetzung der Werte des Evangeliums in die praktischen Umstände des klösterlichen Alltagslebens.“

    Die Worte des Evangeliums selbst weisen keine blinden Flecken auf. Casey hat ein interessantes Buch verfasst, mit dem man sich in guter Weise auseinandersetzen kann und das sicher anregend wirkt. Weniger erfreuen werden freilich allzu plakative und populistische Sentenzen des Verfassers auf den Seiten 10 und 11.

    Da heißt es zum Beispiel: „Die Inquisition und der Index wurden zwar offiziell abgeschafft, aber es gibt immer noch viel moralischen Druck, damit die Menschen mit früheren und derzeitigen Praktiken konform bleiben. Nicht selten gehen Ermahnungen zu Demut und Gehorsam mit einer Missachtung der Persönlichkeitsrechte und der praktischen Leugnung von Strukturen aktiver Mitgestaltung innerhalb der Kirche einher.“

    Hier zeigt Casey keinen klaren Blick auf die Realitäten und betet einfach sattsam bekannte, ständig wiederholte, aber dadurch nicht „wahrer“ werdende Schlagworte nach. Oder sollte er die Wirklichkeit in seinem eigenen Kloster vor Augen haben? Die aber dürfte nicht verallgemeinert werden!

    Ferner ist für eine Neuauflage dringend eine Neufassung der Anmerkung 3 auf Seite 155 des Buches zu empfehlen. Da heißt es: „Auf dem Gebiet des Machtmissbrauchs ist ein geheimes Einverständnis erforderlich. Genau wie ein Angreifer ein Opfer braucht, sonst würde er ins Leere stoßen, braucht jemand, der unbewusst die Selbsterniedrigung sucht, als Gegenüber jemanden, der die Gebiete besetzt, aus denen er sich zurückzieht.“

    Was immer Casey damit 2001 sagen wollte – damals war sein Werk in englischer Sprache vollendet – nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals ist eine höhere Sorgfalt in der Wortwahl notwendig, um keinesfalls einem äußerst peinlichen Missverständnis solcher zu unterliegen, die das ganze Buch nicht von vorne bis hinten im Zusammenhang lesen, sondern nur einzelne Passagen davon rezipieren!

    Michael Casey, Wahrhaftig leben. Die Lehre des heiligen Benedikt über die Demut. Eos-Verlag, St. Ottilien 2012, 214 Seiten, ISBN 978-3-8306-7528; EUR 24,80