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    PATER JERZY TOMZIÑSKI.

    „Die Reformen mit Bedacht eingeleitet“

    Der Paulanerpater Jerzy Tomziñski (94) ist der letzte noch lebende polnische Konzilsteilnehmer. Im Interview mit der Tagespost im Kloster Jasna Góra in Tschenstochau spricht er über das Zweite Vatikanum, seinen Werdegang vom Hirtenjungen zum Generaloberen des Ordens und seinen jüngeren Freund Karol Wojty³a.

    Der Paulanerpater Jerzy Tomziñski (94) ist der letzte noch lebende polnische Konzilsteilnehmer. Im Interview mit der Tagespost im Kloster Jasna Góra in Tschenstochau spricht er über das Zweite Vatikanum, seinen Werdegang vom Hirtenjungen zum Generaloberen des Ordens und seinen jüngeren Freund Karol Wojty³a.

     

     

     

    Sie sind das letzte noch lebende Mitglied der polnischen Delegation, die ab 1962 am Konzil teilnahm. Wie fühlt man sich als lebende Legende?

    Wie es aussieht, sind tatsächlich alle anderen gestorben. Abgesehen von den Leuten, die im Hintergrund geholfen haben, die all die Bücher und Dokumente organisieren mussten. Doch die Konzilsväter im eigentlichen Sinne, also Bischöfe, Kardinäle und Generäle von religiösen Orden, leben nicht mehr. Nur ich.

    Wie kam es, dass Sie an dem Konzil teilnahmen? Es war die Zeit des Kalten Krieges. Polen befand sich hinter dem Eisernen Vorhang.

    Ich kam bereits im Jahre 1958 nach Rom, also kurz vor dem Konzil. In der ersten Konzilssitzung fungierte ich noch als Beobachter, später dann als offizieller Repräsentant der religiösen Orden in Polen. Es waren in der Tat schwierige politische Zeiten damals. Nach der ersten Sitzung taten die polnischen Kommunisten alles, um meine weitere Teilnahme am Konzil zu behindern. Drohten mit Moskau. Ohne Erfolg. Ich nahm daran teil. Ich erinnere mich noch gut an die Sitzungsaula und an die internen Beratungen der verschiedenen nationalen Delegationen. Ein Vertreter jeder dieser Gruppen fasste die Ergebnisse zusammen.

    Waren Sie sehr überrascht, dass dieses Konzil stattfand?

    Ja und Nein. Wir hatten bereits früher über Probleme in der Kirche gesprochen und wussten, dass Reformen nötig waren. Bereits Pius XII., mein Lieblingspapst, hatte eine Liturgie-Reform angestoßen, weil damals viele Fehler gemacht wurden. Man fing im Geheimen an, die Messe in neuer Form zu zelebrieren. Als Papst Johannes XXIII. am Ende eines feierlichen Gottesdienstes in der Basilika des Hl. Paulus vor den Mauern das Konzil ankündigte, hatte aber doch jeder große Augen. Auch ich konnte meinen Ohren nicht trauen.

    Auf den Schock folgte die Euphorie?

    Die Arbeit! Ich erinnere mich, dass während einer Sitzung einer der anwesenden Kardinäle hundert Fehler der Messe präsentierte. Dagegen musste man etwas tun!

    Außerdem gab es zu Beginn eine große Verwirrung über die Rolle der Mutter Gottes. Der Leiter der Päpstlichen Marianischen Akademie, der kroatische Pater Baliæ, wollte das Dogma von Maria als Miterlöserin einführen.

    Welche Rolle spielten die polnischen Bischöfe, ihre Delegation, bei dem Konzil?

    Na ja, am Anfang gab es bei einigen Konzilsteilnehmern eine gewisse Distanz. Gerade die Italiener konnten mit uns nicht viel anfangen. Sie dachten, in Polen gäbe es nur Eisbären und keine Theologen. Doch den Eindruck haben Kardinal Stefan Wyszyñski und Karol Wojty³a schnell revidiert.

    Wyszyñski nutzte das Konzil, um Kontakte zu der französischen und deutschen Bischofskonferenz aufzubauen. Das berühmte gegenseitige Schuldbekenntnis und Versöhnungsangebot der polnischen und deutschen Bischöfe wurde in Rom während des Konzils vorbereitet. Auch die Idee von Maria als Mutter der Kirche würde ich komplett als Verdienst Wyszyñskis und Wojty³as anrechnen.

    Ich erinnere mich, wie Wyszyñski zu mir sagte, dass er Paul VI. um diesen Ehrentitel der Gottesmutter bitten werde. Der Papst stimmte zu, die polnische Delegation begann ein Marienlied zu singen. Ein sehr emotionaler Moment. Bezüglich der Haltung von Pater Baliæ und seinem Wunsch, Maria in einem separaten Dokument zur Miterlöserin zu erklären, leistete Wyszyñski Widerstand. Beide bildeten sozusagen zwei Lager. Wyszyñski setzte sich durch.

    Sie haben bereits Karol Wojty³a erwähnt. Welche Rolle spielte er bei dem Konzil?

    Ich kannte ihn von früher. Als junger Priester kam er manchmal in Zivilkleidung mit Wallfahrern zu uns nach Tschenstochau, was der damalige Prior des Klosters überhaupt nicht mochte. Was ist das denn für ein komischer Priester?, fragte er. In der Tat: Wojtyla war als junger Mann unkonventionell, herrlich frech. Wir haben damals zusammen manchmal Cowboylieder gesungen. Auf dem Konzil machte Wojty³a eine grandiose Figur. Er war um einiges jünger als die anwesenden Kardinäle, er stand aufrecht, sprach Latein mit der sorgfältigen Diktion eines Schauspielers. Man kann sagen, dass er einen sehr großen Beitrag an der pastoralen Konstitution „Gaudium et spes“ hat und man kann meines Erachtens auch sagen, dass Wojty³a dank des Konzils Papst geworden ist. Dort wurde er international bekannt, dort prägte er sich den Vertretern der Weltkirche ein.

    Wie war Ihr Eindruck von den Konzilspäpsten Johannes XXIII. und Paul VI.?

    Wie gesagt: Mein Lieblingspapst ist Pius XII. Er nahm während einer privaten Audienz meine Hände und sagte: „Erzähl mir von Kardinal Wyszyñski!“ Zehn Minuten hörte er mir zu. Er war ein überwältigender Mystiker, ein großer Heiliger.

    Ich verdanke ihm im Prinzip meine theologische Ausbildung, denn die theologischen Lehrbücher meines Jahrgangs stammen von ihm. Er sandte sie an die Adresse der Nuntiatur. Johannes XXIII. war ein sehr lustiger Mensch, er scherzte gern, war aber auch ein Experte des Gnadenbildes von Tschenstochau. Darüber wusste er alles. Die ganze Geschichte von Jasna Góra war ihm geläufig.

    Paul VI. war ein ganz anderer Mensch. Ich hatte mir für eine Begegnung mit ihm vier Punkte auf einem Zettel notiert. Er antwortete Punkt für Punkt. Als ich dachte, er sei fertig, erinnerte er mich daran, dass noch ein Punkt fehle. Was für ein Geist! So kann man sagen: Alle Päpste, die mir in meinem Leben begegnet sind, waren große Männer und ich bin dankbar, dass ich ihnen begegnen durfte.

    Ihr schönstes Erlebnis während des Konzils?

    Wissen Sie, ich bin mit vierzehn Jahren in Tschenstochau in den Orden eingetreten. Davor war ich ein einfacher Hirtenjunge. Irgendwann während des Konzils wurde gesagt: Pater Tomziñski wird die heilige Messe zelebrieren. Das war eine Überraschung für mich. Eine Messe im Angesicht so vieler religiöser Persönlichkeiten. Schön war es auch, als wir Polen 1965 in Venedig kleine Bildchen des Gnadenbildes von Tschenstochau druckten, um damit die Konzilsteilnehmer zur Millenniumsfeier der Taufe Polens 1966 einzuladen. Jeder Konzilsteilnehmer nahm ein solches Bildchen dankend an. Nur einer nicht: Lefebvre.

    War aus Ihrer Sicht das Konzil für die Kirche in Polen nötig oder war das mehr ein Konzil für die Kirche des Westens?

    Reformen waren, wie gesagt, in jedem Fall notwendig, auch in der polnischen Kirche. Ich denke aber, dass es gut war, dass sich die polnischen Bischöfe mit der Umsetzung dieser Reformen etwas Zeit gelassen haben. Sie haben, auch auf die Gefahr hin, als rückständig verspottet zu werden, die Reformen mit Bedacht eingeleitet. Deshalb gab es bei uns weniger Schock-Erlebnisse.

    Einmal kam ein Kommissar des Vatikans nach Jasna Góra, um zu prüfen, wie wir die Reformen des Konzils umsetzen. Da sah er, dass der Pater, der zelebrierte, dies mit dem Rücken zur Gemeinde tat. Also sozusagen vorkonziliar. Er sah mich fragend an, worauf ich ihm erklärte, nur wegen des Konzils könnten wir jetzt nicht einfach eine 500 Jahre alte Wand verschieben oder einreißen. Das verstand er und sagte: „Also hier läuft alles anders.“ Genauso war es. Sehr zum Ärger der französischen Bischöfe, die die kirchlichen Reformen im nachkonziliaren Polen sehr kritisch verfolgten, weil sie ihnen nicht weit genug gingen. Heute muss man sagen: Die Franzosen haben Lefebvre und wir die vollen Seminare.

    Vermissen Sie nicht auch ein wenig den Stil der Kirche vor dem Konzil?

    Ja, aber natürlich spielt bei mir auch ein bisschen Nostalgie mit. Doch nicht nur die Liturgie ist wichtig, auch die Einstellung der Priester. Früher konnten sie einen Geistlichen schon daran erkennen, wie er die Hände faltete. Er strahlte durch seine Haltung eine gewisse Würde aus. Heute sieht man Priester, die in der Nase bohren und nicht besonders viel Vertrauen erwecken. Vielleicht haben wir einen Zustand erreicht, in dem es zu viel Freiheit gibt. Ich hoffe sehr, dass Polen sich fernhält von dieser schlechten Entwicklung. Es gibt hier immer noch sehr viele Berufungen. Priester und Ordensleute.