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    Die Peripherie als Zielort der Kirche

    Jeder Christ und jede Gemeinschaft soll unterscheiden, welches der Weg ist, den der Herr verlangt, doch alle sind wir aufgefordert, diesen Ruf anzunehmen: hinauszugehen aus der eigenen Bequemlichkeit und den Mut zu haben, alle Randgebiete zu erreichen, die das Licht des Evangeliums brauchen.“ Mit diesen Worten bringt Papst Franziskus in seinem apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ die Peripherie markant ins Spiel. Was Franziskus hier für jeden einzelnen Christen fordert, das hat er seit Beginn seines Pontifikates oft genug selbst vollzogen. Nicht die andauernde Beschäftigung mit dem Zentrum prägt den Papst aus Argentinien, sondern sein bewusstes Aufsuchen von Randgebieten, sein Zugehen auf Menschen, die sich an den Grenzen des Lebens befinden. Lampedusa steht wohl beispielhaft für den Papst, der sich nicht scheut, an die Peripherie zu gehen und sich den Menschen mit ihren existenziellen Nöten zuzuwenden.

    Pope Francis Opens Holy Door At Mass In Bangui Cathedral
    An der Peripherie der Kirche, in der Hauptstadt Bangui in der Zentralafrikanischen Republik, hat Papst Franziskus am 29.... Foto: dpa

    Jeder Christ und jede Gemeinschaft soll unterscheiden, welches der Weg ist, den der Herr verlangt, doch alle sind wir aufgefordert, diesen Ruf anzunehmen: hinauszugehen aus der eigenen Bequemlichkeit und den Mut zu haben, alle Randgebiete zu erreichen, die das Licht des Evangeliums brauchen.“ Mit diesen Worten bringt Papst Franziskus in seinem apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ die Peripherie markant ins Spiel. Was Franziskus hier für jeden einzelnen Christen fordert, das hat er seit Beginn seines Pontifikates oft genug selbst vollzogen. Nicht die andauernde Beschäftigung mit dem Zentrum prägt den Papst aus Argentinien, sondern sein bewusstes Aufsuchen von Randgebieten, sein Zugehen auf Menschen, die sich an den Grenzen des Lebens befinden. Lampedusa steht wohl beispielhaft für den Papst, der sich nicht scheut, an die Peripherie zu gehen und sich den Menschen mit ihren existenziellen Nöten zuzuwenden.

    Andrea Riccardi, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Rom, beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit dem Phänomen der Peripherie, die für Papst Franziskus so wichtig ist. Dabei zeigt er auf, dass wir es eigentlich mit einem Begriff zu tun haben, der bereits biblisch grundgelegt ist. Denn die Jesus-Bewegung beginnt in Galiläa, einem kleinen und eigentlich unscheinbaren Fleckchen im damaligen römischen Reich. Doch dieser Randbezirk wird durch das Auftreten des Jesus von Nazareth zum Zentrum für die christliche Welt und die, deren Heimat jene Peripherie ist, sie werden zu den Hauptpersonen der Geschichten, die man fortan über Jesus erzählt.

    Diese bewusste Absetzung von einem Zentrum setzt sich auch in den ersten christlichen Jahrhunderten fort: Das christliche Mönchtum entsteht, weil Männer die Städte und Dörfer verlassen, und zurückgezogen in der Wüste ein Leben in der Abgeschiedenheit verbringen. Der heilige Mönchsvater Antonius beispielsweise, der gemäß dem Wort Jesu seinen ganzen Besitz verschenkt und in der Einsamkeit der Wüste ein durch und durch asketisches Leben wagt. Die Wüstenväter sagen dieser Welt ab und begeben sich in die Wüste, die eine wirkliche Peripherie darstellt.

    Doch auch heute gibt es sie noch, die Randlagen, die nach Riccardi besonders im Zuge der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Dazu verschärfend hat auch eine Verstädterung beigetragen, in der sich eindeutige Randbezirke ausmachen lassen: Armenviertel, sozial schwache Milieus, Arbeiterklassen. Gerade in diesen Prozessen hat die katholische Kirche wichtige Arbeit geleistet, indem sie mit ihrem Seelsorgekonzept auch in den Randbezirken der Städte und Gesellschaft Pfarrkirchen errichtete. Die Stadtviertel, die eigentlich eine Randlage einnehmen, werden so zum Zentrum. Kirchliches Leben spielt sich nicht nur im Stadtzentrum ab, dort, wo sich vielleicht die Kathedrale befindet, sondern in besonderer Weise an jedem Ort und in besonderer Weise in der Peripherie. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Kirche lange Zeit besonders mit der Arbeiterklasse schwergetan hat. Zwei verschiedene Welten schienen hier aufeinanderzuprallen und der Kirche ist es lange nicht gelungen, die Arbeiterklasse anzusprechen und zu integrieren.

    Die Peripherie kann ein Ort des Aufbruchs für die Kirche sein. Anhand einiger Erzählungen aus dem Leben der Ränder zeigt Riccardi, welch wichtige Einsichten die Kirche dort, an den oft so verachteten Orten, gewinnen kann. Die Grenzen des menschlichen Lebens liegen nirgends so offen wie an den Rändern unserer Gesellschaft, die so häufig verschwiegen werden. Die Kirche muss an die Ränder gehen, um sich immer wieder ihres Auftrags bewusst zu werden. Wenn das Christentum von Anfang an untrennbar mit den Rändern verbunden ist, dann reicht es nicht aus, von diesen Rändern zu reden – sie müssen auch je neu in das Blickfeld rücken und somit selbst zum Zentrum werden. Denn nur wenn die Kirche an die Ränder geht, kann sie ihren eigenen Auftrag verstehen. Dort muss sie aufmerksam auf das hören, was die Menschen zu sagen haben und freimütig das Wort des Evangeliums verkünden.

    Wenn Papst Franziskus an die Ränder geht, dann weist er die Kirche auf diesen ihren Auftrag hin, sich nicht zu sehr an die Zentren zu binden, sondern den wichtigen Schritt in die Peripherie zu wagen. Das ist gut so. Andrea Riccardi trägt mit seinem Buch ebenso dazu bei, wenn er auf die Orte hinweist, an denen die Kirche präsent sein muss: die Orte, an denen „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“ (GS 1) konkret werden.

    Andrea Riccardi: Die Peripherie. Ort der Krise und des Aufbruchs für die Kirche. Echter-Verlag, Würzburg 2017, ISBN 978-3-429-04321-6, EUR 14,90

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