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    Die Päpste im Mittelalter

    Was macht „katholische Kirche“ aus? Die Antwort gibt die Erklärung „Dominus Iesus“ von 2000: der gültige Episkopat, erkennbar an der apostolischen Sukzession der Bischöfe, die gültige Eucharistie und der Primat, den der Bischof von Rom innehat. Das Papstamt und die Päpste sind demnach so wichtig, dass es ohne sie keine katholische Kirche gäbe. Das erklärt – neben touristischen Interessen, hinter denen heute die traditionellen Pilgerziele oft zurücktreten – die Tatsache, dass Jahr für Jahr Hunderttausende von Katholiken an den Sitz des Papsttums nach Rom strömen, deren Zahl sich bei besonderen Ereignissen wie dem Tod Papst Johannes Pauls II. 2005 oder seiner Seligsprechung 2011 binnen weniger Tage zu Millionen addieren. Das erklärt auch den Erfolg populärer Papstlexika oder von Büchern über das Papsttum und seine Geschichte, die zumeist reich illustriert sind und mit bunten Bildern auf Kunstdruckpapier auf sich aufmerksam machen.

    Grabmal von Innozenz VI. in der Kartause von Villeneuve-les-Avignon.
    Steingewordenes Zeugnis der wechselvollen Geschichte des Papsttums im Mittelalter. Grabmal von Innozenz VI. (1352–1362) ... Foto: KNA

    Was macht „katholische Kirche“ aus? Die Antwort gibt die Erklärung „Dominus Iesus“ von 2000: der gültige Episkopat, erkennbar an der apostolischen Sukzession der Bischöfe, die gültige Eucharistie und der Primat, den der Bischof von Rom innehat. Das Papstamt und die Päpste sind demnach so wichtig, dass es ohne sie keine katholische Kirche gäbe. Das erklärt – neben touristischen Interessen, hinter denen heute die traditionellen Pilgerziele oft zurücktreten – die Tatsache, dass Jahr für Jahr Hunderttausende von Katholiken an den Sitz des Papsttums nach Rom strömen, deren Zahl sich bei besonderen Ereignissen wie dem Tod Papst Johannes Pauls II. 2005 oder seiner Seligsprechung 2011 binnen weniger Tage zu Millionen addieren. Das erklärt auch den Erfolg populärer Papstlexika oder von Büchern über das Papsttum und seine Geschichte, die zumeist reich illustriert sind und mit bunten Bildern auf Kunstdruckpapier auf sich aufmerksam machen.

    Ein schmales Bändchen über das Papsttum im Mittelalter

    Ganz anders kommt ein schmales Bändchen über das Papsttum im Mittelalter daher. Es ist ein Taschenbuch ohne farbige Abbildungen, nur mit einigen Grundrissen – Alt-St. Peter mit den Stationen der Kaiserkrönung, der Lateran mit der Lateranbasilika zur Zeit von Innozenz III., der Papstpalast in Avignon, der Palazzo della Cancelleria in Rom um 1500, Karten: der Kirchenstaat zur Zeit Karls des Großen, Innozenz‘ III. und im 14./15. Jahrhundert, Avignon und die Grafschaft Venaissain an der Rhône in der Provence, Pilgerziele in Rom in den Heiligen Jahren, der Weg der Päpste vom Vatikan zur Possesso (Inbesitznahme) des Lateran, Aufenthaltsorte der Päpste im Kirchenstaat außerhalb Roms im 13. Jahrhundert, die Titelkirchen in Rom zur Zeit Alexanders III. im 12. Jahrhundert. Deren Inhaber, die Kardinalpriester, feierten die heilige Messe in den vier Basiliken San Pietro, San Paolo fuori le Mura, San Lorenzo fuori le Mura und Santa Maria Maggiore. Hinzu kommen Schwarz-Weiß-Abbildungen unter anderem der Anfang des Registers Gregors VII. von 1073 mit der Wahlmitteilung, protestantische antipäpstliche Flugblätter aus dem 16. Jahrhundert, Innozenz III. auf dem Apsismosaik von Alt-St. Peter sowie eine Nachzeichnung des Freskos aus dem Triclinium des Lateran: der Apostel Petrus übergibt Leo III. das Pallium, das auch vom Papst getragene liturgische Amtszeichen der Metropoliten, während Karl der Große dem Papst das Banner überreicht, die Bronzetür des Filarete (Antonio Averlino) für St. Peter mit der Darstellung, wie Petrus Papst Eugen IV. die Schlüssel übergibt, oder die Bleibulle bzw. das Bleisiegel Innozenz‘ III. Der Leser findet auch Listen und Tabellen, darunter eine Papstliste und eine Liste der Konzilien, eine Auswahlbibliografie und ein Register, das auch Sachbegriffe wie „Kreuzzugszehnten“, „legatus de latere“ oder „vestararius“ – das um 640 erstmals nachweisbare Kurienamt eines für liturgische Gegenstände zuständigen Amtsinhabers – ausweist.

    Thomas Frenz behandelt die die Epochen der mittelalterlichen Papstgeschichte

    Thomas Frenz ist Mittelalterhistoriker und Professor für Historische Hilfswissenschaften an der Universität Passau. Er behandelt im ersten Teil seines Buches die Epochen der mittelalterlichen Papstgeschichte. Dabei erweist sich die Mitte des 11. Jahrhunderts als bedeutsamer Einschnitt zwischen dem nach der „Konstantinischen Wende“ mit dem Ende des Weströmischen Reiches beginnenden ersten Abschnitt, in dem „die Päpste nur in Zusammenarbeit mit den weltlichen Mächten überregional tätig werden konnten“, und dem zweiten Abschnitt, in dem „sie gegen beziehungsweise ohne die weltlichen Instanzen agierten“. In dieser Zeit begannen der Investiturstreit und die Kirchenreform, die sich mit dem Namen des 1073 auf den Papstthron gelangten Papstes Gregor VII. verbindet. Was folgt, ist die Auseinandersetzung des Papsttums mit den Stauferherrschern, das Papsttum in Avignon seit 1309 und im Großen abendländischen Schisma seit 1378 und das „Papsttum zur Zeit der Renaissance“ – man könnte auch vom Papsttum in der Zeit der Reformkonzilien des 15. Jahrhunderts sprechen –, woran sich ein Ausblick auf das „Papsttum in der Zeit von europäischer Expansion, Glaubensspaltung und Atheismus“ anschließt.

    Papsttum und Politik

    Andere Kapitel beschäftigen sich mit Papsttum und Politik – hier ist unter anderem die Rede vom Verhältnis der Päpste zum Kaiser, zum Königreich Sizilien, zu Byzanz oder zu den Kreuzfahrerstaaten –, mit Papst und Kirche, mit dem Papst als Bischof von Rom und mit der römischen Kurie. Man erfährt viel über Papstwahl und Papstkrönung, über den freiwilligen Rücktritt und die Absetzung von Päpsten, über die religiösen Funktionen der Päpste wie Mission, Ketzerbekämpfung, Heiligsprechungen – „Die erste Heiligsprechung durch den Papst ist diejenige Bischof Ulrichs von Augsburg durch Johannes XV. 993. Erst das vierte Laterankonzil macht 1215 den Kult eines neuen Heiligen von der päpstlichen Erlaubnis abhängig“; nichts anderes als diese Erlaubnis ist die Heiligsprechung – oder Ablässe, über die liturgischen Funktionen der Päpste des Mittelalters, über den Jurisdiktionsprimat und über die Papsttitel – „servus servorum Dei“ (Diener der Diener Gottes) schon seit Gregor I. (590–614), „vicarius Christi“ erst seit Innozenz III. (1198–1216), zuvor „vicarius Petri“ –, über den päpstlichen Hof und die kurialen Finanzen sowie über die apostolische Kanzlei und die aus ihr hervorgegangenen Behörden, aber auch über die Kardinäle, deren Amtsbezeichnung seit dem Ende des siebten Jahrhunderts vorkommt, und über das Kardinalskollegium, von dem man erst seit dem 11./12. Jahrhunderts sprechen kann – seit dem Papstwahldekret von 1059 und der Papstwahlordnung von 1179. „Die Bestimmungen der Papstwahlordnung von 1179 gelten im Prinzip heute noch“.

    Das Buch ist als Studienbuch für Geschichtsstudenten konzipiert. Aber es leistet weit mehr. Man wünscht es sich in der Hand der vielen Katholiken, die aus deutschsprachigen Ländern nach Rom reisen, weil Rom für sie in erster Linie der Sitz des Papsttums ist.

    Thomas Frenz: Das Papsttum im Mittelalter. Böhlau Verlag, Wien/Weimar, 2010, UTB 3351, 251 Seiten, ISBN 978-3-8252-3351-8, EUR 14,90