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    „Die Neuevangelisierung bleibt eine wesentliche Aufgabe“

    Die Charismatische Erneuerung feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Woraus schöpfen sie ihre Kraft und welche geistliche Grundhaltung, welches Engagement erwächst daraus? Die Kraft schöpfen wir vor allem aus dem Gebet, aus dem Lobpreis.

    Einhellige Begeisterung für den Glauben, aber uniform sind die Anhänger der Charismatischen Bewegung dennoch nicht. Foto: dpa

    Die Charismatische Erneuerung feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Woraus schöpfen sie ihre Kraft und welche geistliche Grundhaltung, welches Engagement erwächst daraus?

    Die Kraft schöpfen wir vor allem aus dem Gebet, aus dem Lobpreis. Es gibt eine schöne Präfation in der Eucharistiefeier, in der es heißt: „Unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren, doch uns bringt er Segen und Heil.“ Das ist die Erfahrung, die wir machen: Wenn wir Gott die Ehre geben, ihm den ersten Platz in unserem Leben zusprechen und ihn loben und preisen, dann erfahren wir Gottes Kraft. Doch Gebet ist dabei nicht nur viele Worte machen oder plappern, es bedeutet auch Hören, Horchen auf die Stimme Gottes, die in unseren Herzen erklingt. Quelle dafür ist zu allerst das Wort Gottes, die Heilige Schrift. Es gibt eine schöne Stelle in der Apostelgeschichte, in der berichtet wird, dass Petrus zu den Menschen spricht und die frohe Botschaft verkündet. Während er redete, wurde die Menge vom Heiligen Geist erfüllt (vgl. Apg 10, 34–44). Ohne die Kraft des Heiligen Geistes geht es nicht, könnte auch ich mein Leben, meinen Alltag nicht bestehen. Er ist das „Feuer“, das uns belebt. Das ist das Gegenteil vom gesellschaftlichen Phänomen des Burnout, bedingt durch diesen ständigen Druck, alles leisten und schaffen zu müssen und der Versuchung zu erliegen, es aus eigener Kraft zu schaffen.

    Das ist die geistliche Grundhaltung. Nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Kraft des Heiligen Geistes. Er ist es, der in uns die Gottes- und Nächstenliebe nährt. Und auch die Liebe zu uns selbst. Aus dieser bedingungslosen Annahme heraus als Kinder Gottes zu leben, das ist das große Geschenk.

    Und wer das erfahren hat, der kann es auch nicht für sich selbst behalten. „Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.“ Und ich möchte ergänzen: Er zeigt es auch in seinen Taten, in seinem Engagement. Nicht im Aktionismus, aber doch auch ganz konkret. Ich glaube, der Heilige Geist führt uns dann auch in unserem Alltagsleben, im Beruf, im gesellschaftlichen Engagement, in unserem Umgang mit den Nachbarn, den Fremden etcetera. Da, wo Gott uns hingestellt hat, soll ein jeder es zeigen und bezeugen, „damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (vgl. Matthäus 5, 16), wie Jesus sagt.

    Wie sind Sie zu dieser Bewegung gestoßen, was treibt Sie an?

    Ich bin aufgewachsen in einer gläubigen und praktizierenden katholischen Familie. Und ich hatte immer schon einen „Draht“ zu Gott, verspürte manchmal seine Nähe sehr konkret. Und auch charismatische Elemente, wie das Erheben der Hände beim Gebet, das freie Gebet habe ich in meiner Jugendzeit „erlernt“, aber doch immer in einer gewissen Verhaltenheit praktiziert. Auch das Wort Gottes als belebende Kraft durfte ich früh erfahren. Ich würde sagen, Gott hat mich geführt. In einer mir vom Bischof gewährten Zeit habe ich in der Gemeinschaft der Seligpreisungen gelebt, eine ganze Zeit auch in Frankreich. Dort gehörten das Sprachengebet, das Singen in Sprachen und die Ausübung anderer Charismen dazu. Ich erlebte wirklich eine charismatische Gemeinschaft. Ich kehrte dann zurück ins Bistum und wurde bald darauf von einer Frau aus Hamburg, die im Vorstand der CE war, angesprochen, ob ich nicht Sprecher der CE im Bistum Osnabrück werden möchte. Sie hatte den Hinweis von einem Domkapitular erhalten. Die Erneuerung der Kirche lag mir am Herzen, so habe ich diesen Dienst übernommen, kam dadurch zu der Ratsversammlung der CE, bei der sich zweimal jährlich die Vertreter der Diözesen, Gemeinschaften, Werke und Initiativen treffen, die zur CE gehören. Dort wurde ich dann auch recht schnell in den Vorstand gewählt und bin nun seit November letzten Jahres als Nachfolger von Diakon Helmut Hanusch zum Vorsitzenden gewählt. Die CE ist mein Platz, das ist meine Inspiration und ich bin dankbar, die Unterstützung meines Bischofs dafür zu haben. Diese wunderbare Erfahrung der Liebe Gottes, die uns mit dem Heiligen Geist geschenkt ist, treibt mich an, anderen Menschen davon Zeugnis zu geben. Das ist die Flamme in meinem Herzen, die mich antreibt.

    Sie sprechen von unterschiedlichen charismatischen Realitäten innerhalb der Charismatischen Erneuerung. Wie entfalten sie sich und was verbindet sie?

    Mit unterschiedlichen Realitäten meine ich, dass die Charismatische Erneuerung kein Einheitsbrei ist, sondern auch verschiedene Nuancen aufzeigt. Da gibt es katholische Charismatiker mit einer größeren Affinität zu den Freikirchen und Pfingstlern. Es gibt welche, die eine eher marianische Note prägt. Dann gibt es die Gebetshausbewegung, und die unterschiedlichen Charismatischen Gemeinschaften. Es gibt die Alten, die schon lange dabei sind. Es gibt die Jugendlichen in ihrem Elan. Bei all dem ist man herausgefordert, immer wieder die Einheit zu suchen, das zu sehen, was uns gemeinsam gegeben ist. Wir sind eine CE. Und doch ist es gut, dass es keine Uniformität gibt. Die gemeinsame Erfahrung ist die der unbegreiflichen Liebe Gottes, die uns ganz persönlich meint, die uns ruft zur Antwort und zur Hingabe unseres Lebens an Gott. Das sich Ausstrecken und das Leben der Charismen bleibt eine unaufhebbare Aufgabe.

    Der pfingstlich-charismatische Aufbruch ist eine weltweite Bewegung, der sich mittlerweile rund 25 Prozent aller Christen zuordnen. Welches Profil entfaltet die katholische Charismatische Erneuerung innerhalb dieser Bewegung?

    Das katholische Profil zeigt sich zum Beispiel darin, dass die Feier der Sakramente ein wesentliches Element unseres Christseins ist. Vor allem auch die Feier der Eucharistie und auch das wunderbare Geschenk des Versöhnungssakramentes und auch der Krankensalbung, die die Kirche zu den Sakramenten der Heilung zählt. Die letzten Päpste haben das große Geschenk der Charismatischen Erneuerung bestätigt. In letzter Zeit gibt uns Papst Franziskus viel Ermutigung, diesen Weg weiter zu beschreiten. Er sagt, die Charismatische Erneuerung ist ein „Strom der Gnade für die ganze Kirche“ und er ermutigte uns insgesamt, aber auch uns Priester bei den internationalen Priesterexerzitien in Rom, dieses Geschenk der Kirche und den Menschen nicht vorzuenthalten, sondern „Leben-im-Geist-Seminare“ auch in den Gemeinden durchzuführen, die „Taufe im Heiligen Geist“ bekannt zu machen. Es war für mich eine wunderbare Erfahrung, an diesen Exerzitien teilnehmen zu können und eine solche Ermutigung aus den Worten des Papstes zu schöpfen. Franziskus hat uns aber auch die Notwendigkeit der Ökumene mit aufs Herz geschrieben. Er hat die Charismatische Erneuerung anlässlich des Jubiläums zu Pfingsten nach Rom eingeladen. Auch das wird sicherlich einen ökumenischen Akzent haben.

    Wer kann bei der Charismatischen Erneuerung mitmachen? Wen ziehen Sie an?

    Jede und jeder, der Gott sucht, sich öffnen möchte für seine Liebe, seinen Anruf. Gott ruft uns dabei immer auch zur Umkehr und zu einer Lebensentscheidung, mit ihm als Herrn unseres Lebens unser Leben zu gestalten.

    Wie würden Sie die Wirkung der besonderen Gabe Ihrer Bewegung innerhalb der Kirche beschreiben?

    Paulus schreibt „Löscht den Geist nicht aus!“ Das müssen wir wach halten. Bei aller auch notwendigen Institution oder wichtigen Struktur bleibt die Institution und Struktur saft- und kraftlos, wenn sie nicht vom Geist Gottes beseelt ist. Ich denke, die Aufgabe der CE ist es, das immer wieder zu bezeugen und somit die Kirche wach zu halten für das Wirken des Heiligen Geistes. Den haben wir natürlich nicht für uns gepachtet, er wirkt, wo er will. Aber mein Eindruck ist schon, dass Papst Franziskus mit dem Stichwort „Strom der Gnade“ unseren Ruf gut beschreibt.

    Welche Wege beschreiten Sie in der Neuevangelisierung?

    Grundbestandteil unserer Evangelisation sind die „Leben-im-Geist-Seminare“, ein Glaubenskurs, der uns hinführen möchte zu einer lebendigen Beziehung zu Gott und zu einer Lebensentscheidung für ihn, der uns öffnen möchte für das Wirken des Heiligen Geistes und die Charismen. Des weiteren finden auch durch die vielen Lobpreis- und Segnungsgottesdienste immer wieder Menschen zu Gott und lassen sich von ihm berühren. Es gibt Gruppen, die Alphakurse durchführen oder in die Gefängnisse gehen, Gemeindemissionen durchführen und vieles mehr. Die Neuevangelisierung bleibt eine wesentliche Aufgabe, die uns zu Kreativität und Mut einlädt. Auch diesbezüglich können wir der Kirche dienen – und vor allem den Menschen.