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    „Die Mutter gibt es nur einmal“

    Kevelaer (DT) „Wir wollen, dass der Weltfrieden ausbricht“, ruft Rupert Neudeck, der Begründer von Cap Anamur, den mehr als 200 Menschen zu, die sich am Freitagnachmittag auf dem Kapellenplatz in Kevelaer eingefunden haben. Der niederrheinische Wallfahrtsort passt wie kaum ein anderer, um sich über Religionsunterschiede hinweg für den Frieden einzusetzen. Das macht der Rektor der Wallfahrt, Domkapitular Rolf Lohmann, gleich zu Beginn in seiner Begrüßung deutlich: „Lassen wir uns von diesem Ort inspirieren.“ Hier, wo nach den Wirren des 30-jährigen Krieges der Bilderstock mit der Trösterin der Betrübten entstanden sei, solle Maria als Königin des Friedens die Menschen ermutigen, den „Frieden in die Welt zu tragen“.

    Eine Erinnerung an den „Kuss der Versöhnung“ nach dem Zweiten Weltkrieg: Aus Lourdes kam 1949 das Friedenslicht nach Kev... Foto: Wullhorst

    Kevelaer (DT) „Wir wollen, dass der Weltfrieden ausbricht“, ruft Rupert Neudeck, der Begründer von Cap Anamur, den mehr als 200 Menschen zu, die sich am Freitagnachmittag auf dem Kapellenplatz in Kevelaer eingefunden haben. Der niederrheinische Wallfahrtsort passt wie kaum ein anderer, um sich über Religionsunterschiede hinweg für den Frieden einzusetzen. Das macht der Rektor der Wallfahrt, Domkapitular Rolf Lohmann, gleich zu Beginn in seiner Begrüßung deutlich: „Lassen wir uns von diesem Ort inspirieren.“ Hier, wo nach den Wirren des 30-jährigen Krieges der Bilderstock mit der Trösterin der Betrübten entstanden sei, solle Maria als Königin des Friedens die Menschen ermutigen, den „Frieden in die Welt zu tragen“.

    Der 28. August, der Tag, an dem die Wallfahrt stattfindet, ist ein besonderer Tag. Am 28. August 1963 hielt der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King, seine historische ,I have a dream‘-Rede. Er sprach von dem Traum, den er habe, dass alle Menschen einmal friedlich miteinander leben würden, unabhängig von Hautfarben oder von Religionen. Als gegen Ende der Veranstaltung auf dem Platz vor dem Forum Pax-Christi die Rede noch einmal im Original vorgespielt wird, kann man vielen Menschen die Rührung über die aufrüttelnden Worte ansehen. Bei vielen vielleicht auch verbunden mit der Erkenntnis, wenn wir uns die aktuellen Bilder in den Medien und den weltweiten Schrecken von Flucht und Vertreibung, von Hass und Gewalt ansehen, sind wir noch sehr weit von diesem Traum entfernt.

    Auch Rupert Neudeck hat diesen Traum. Für ihn engagiert sich der gläubige Katholik bereits seit Jahrzehnten. Ihn, der als Kind im Jahre 1945 selbst mit seiner Mutter und drei Brüdern aus Danzig fliehen musste, hat das Schicksal von Menschen in Not und auf der Flucht schon immer bewegt. 1979 wird der Journalist weltweit bekannt, als er damit beginnt, mit dem Schiff Cap Anamur tausende vietnamesische Flüchtlinge, die sogenannten „boat people“, im Chinesischen Meer zu retten. Derzeit engagiert er sich auch als Vorsitzender des Friedenskorps der „Grünhelme“. Neudeck hat eine klare Vorstellung von dieser Friedenswallfahrt in Kevelaer. Sie soll ein Anfang sein: „Der Tag soll ein enthusiastisches Zeichen setzen“, unterstreicht Rupert Neudeck daher bereits seit dem Beginn der Planungen. Die Menschen, die sich in Kevelaer versammeln, sollen das gemeinsame Denken und Streben mit in ihren Alltag nehmen.

    Die zweihundert Menschen an diesem Tag sind ein Anfang. Wichtig ist der Versuch, der Blick zu weiten. Das Schicksal der Flüchtlinge ist keine Frage des Gebetsbuchs. So ist die Botschaft der Wallfahrt für Neudeck auch politisch. „Gegnerschaft und Hass müssen durch Gemeinsames überwunden werden.“ Das gelte besonders für die drei abrahamitischen Weltreligionen. „Wir, die wir an den einen Gott glauben, müssen erkennen, dass wir etwas dafür tun müssen, wenn wir den Frieden wollen“, ergänzte Neudeck. Dazu ist, das macht Neudeck eindrucksvoll deutlich, der persönliche Einsatz eines jeden Einzelnen gefragt: „Wir können in einer Notsituation nicht immer erst nach dem Zuständigen rufen, wir müssen selber tätig werden.“

    So versammeln sich Christen, Juden und Muslime auf dem Kapellenplatz und unternehmen den Versuch, sich gegenseitig im Wunsch nach Frieden zu „inspirieren, ohne zu missionieren oder zu dominieren“, wie es in dem zum Abschluss der Wallfahrt vorgestellten „Kevelaerer Friedens-Appell“ heißt. Schon in der Vorbereitungsphase hat Domkapitular Rolf Lohmann deutlich gemacht, dass es ein gemeinsames Gebet nicht geben wird. Jede Religionsgruppe betet an diesem Nachmittag für sich. Es gehe darum, „zusammen zu sein, den jeweils Anderen in seinem Tun hörend und schauend wahrnehmen, kennenzulernen, zu respektieren und zu achten“.

    Ahmad Aweimer ist der Dialog- und Kirchenbeauftragte des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Er ist aus Köln zusammen mit Glaubensschwestern und -brüdern an den Niederrhein gekommen. Seinen musizierenden Sohn und einen Freund hat er mitgebracht. Durch den Vortrag der beiden jungen Leute wird deutlich, wo die Verbindung über Trennendes hinweg liegen kann. Es ist die Besinnung auf gemeinsame und für ein gesellschaftliches Zusammenleben unverzichtbare Werte wie Familie, Frieden und Freiheit. In ihrem selbst geschriebenen Lied über die Bedeutung der Mutter bringen sie es zum Ausdruck: „Vieles im Leben ist ersetzbar, aber die Mutter gibt es nur einmal.“ So schlagen sie in arabischer, deutscher und türkischer Sprache eine Brücke zur Mutter Gottes und den Müttern, die in Kriegen um ihre Kinder bangen. Im Anschluss singen sie auf den Stufen der Wallfahrtsbasilika eine Sure aus dem Koran. Für viele sicher ein ungewohntes Bild, aber ein Symbol für die vielen Ausdrucksformen des Glaubens an den Gott Abrahams.

    Wichtig ist dabei vor allem auch, ein gemeinsames Denken deutlich zu machen. Ahmad Aweimer erläutert den Text der Sure: Er handelt von den Söhnen Adams und dem von Anbeginn tobenden Kampf zwischen Gewalt und Frieden. In der Auseinandersetzung von Kain und Abel siege aus Allahs Sicht der, der friedfertig bleibe. Die klare Botschaft Gottes an die Menschen sei: „Ich kann nicht mit Krieg und Gewalt gewinnen.“ Aweimer spricht seinen Wunsch nach einer umfassenden Friedensinitiative für den Nahen Osten deutlich aus. „Möge Gott der Erhabene allen Menschen den Frieden bringen“, ist der Wunsch des Muslims.

    Musikalisch begleitet wird das von Rupert Neudeck moderierte Programm, unter anderem von der Sängerin Graziella Schazad. Die 32-jährige Berlinerin ist die Tochter einer deutsch-polnischen Mutter und eines afghanischen Vaters. Sie zeigt sich berührt von dem aufmerksamen Zuhören der Menschen. „Solange wir fühlen, solange wir unser Inneres zeigen können, ist alles gut“, stellt sie unter dem Beifall der Zuhörer fest.

    Auf dem Kapellenplatz ist auch eine Flüchtlingsgruppe, die zurzeit in einer Turnhalle des Wallfahrtsortes untergebracht ist. Die jungen Menschen aus Pakistan und Bangladesch freuen sich über die große Unterstützung aus der Bevölkerung und die Hilfsbereitschaft der Menschen, die sie erfahren. Als sie hörten, dass sich heute Menschen in Kevelaer treffen, um für den Frieden zu beten, wollten auch sie dabei sein. Monika Behrens, die die Flüchtlinge begleitet, unterstreicht die große Bereitschaft zur Hilfe. „Wir haben bei Facebook eine Gruppe gegründet, bei der es um die Unterstützung der Menschen geht, die zu uns nach Kevelaer kommen und waren überwältigt von der positiven Resonanz.“ Eine Wahrnehmung, die man in diesen Tagen an vielen Orten machen kann. Während in vielen Medien zumeist nur die Schattenseite mit den Flüchtlingen entgegengebrachter Ablehnung und Hass gezeigt wird, arbeiten die Menschen dort, wo die Not in der persönlichen Begegnung spürbar wird, an dem Traum vom Frieden. „Kleine Gesten können dabei schon so viel bewirken“, macht Monika Behrens deutlich. Es sei wichtig, aufeinander zuzugehen und miteinander ins Gespräch zu kommen.“

    Diesen Traum hat auch David Caspi. Er gehört der jüdischen Gemeinde in Duisburg an und bringt den Wallfahrtsteilnehmern die jüdischen Glaubenstraditionen nahe. Der gebürtige Israeli redet und singt auf Hebräisch und Deutsch. Am Vorabend des Sabbats nimmt er diesen von Gott gegebenen Ruhetag in den Blick: „Der Sabbat schafft einen Moment der Ruhe und des Friedens in einer unfriedlichen Zeit.“ Solche Momente brauche die Gesellschaft. Die Besinnung auf Gott helfe, zu sich selbst zu finden. „Insoweit ist der Sabbat eine großartige Tradition.“ Wenn man Frieden schaffen wolle, müsse man Ängste und Vorurteile beseitigen. Dazu brauche man eben jene Zeiten der Ruhe. „Gottes Friede und Freude sollen in unsere Wohnungen und Häuser kommen“, wünschte Caspi. Mit „Amen und Shalom“ beendet er unter dem Beifall der Teilnehmer seinen Vortrag. „Jetzt hätte ich doch beinahe die Christen vergessen“, bekennt Rupert Neudeck, freut sich aber natürlich, dass auch die an diesem Tage stärkste Gruppe ihren Beitrag zu dem Programm auf den Basilikastufen leistet. Der Familienchor der Wallfahrtskirche singt Lieder, in denen es um den Frieden geht, Menschen verschiedenen Alters tragen die Seligpreisungen der Bergpredigt vor, und eine Ordensschwester zitiert das dem Heiligen Franziskus zugeschriebene Gebet „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens“. Danach lassen die Wallfahrer gemeinsam den Kanon „Herr gib uns einen Frieden“ erklingen und alle singen bei diesem symbolträchtigen Lied mit.

    Zu einem der Höhepunkte des Nachmittages wird der Auftritt von Basilika-Organist Elmar Lehnen. Ihm gelingt es, verschiedene Kulturen und Traditionen musikalisch zusammenzubringen. Begleitet von Graziella Schazad an der Geige, spielt er auf einem Kotamo, einem indischen Saiteninstrument, das drei Instrumente aus drei Kulturkreisen in einem Klangkörper vereinigt. Den beruhigenden, meditativen Klängen stellt Lehnen eine Urform des christlichen Gesangs entgegen, den Choral. In diesem Moment wird im Zentrum Kevelaers noch einmal die Idee des Tages deutlich: Religionen und Kulturen zusammen- und bei aller Verschiedenheit gemeinsam für den Frieden zum Klingen bringen.

    Im Anschluss an das Programm auf dem Kapellenplatz gibt Domkapitular Rolf Lohmann das Friedenslicht aus der Gnadenkapelle an die Repräsentanten der Religionen weiter. Es brennt dort seit dem Jahre 1949. Das Licht wurde auf Initiative des französichen Bischofs Pierre-Marie Théas aus Lourdes über Altötting nach Kevelaer gebracht. Es soll das Symbol an den „Kuss der Versöhnung“ zwischen Franzosen und Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg sein. An diesem Abend ziehen die Vertreter von Judentum, Christentum und Islam mit dem Licht zur neu errichteten Friedensstele vor dem Pilgerzentrum, dem Forum Pax Christi. Die Stele ist gegründet auf Steinen aus der ganzen Welt und zeigt Hände, die sich aus einer Weltkugel nach oben strecken und den Schutzmantel der Muttergottes berühren. „Diese Stele soll die vielen Menschen, die täglich zu uns nach Kevelaer pilgern, stets an den Wunsch nach Frieden erinnern“, macht Domkapitular Rolf Lohmann deutlich.

    Zum Ende der Veranstaltung präsentieren die Religionsvertreter dann den zuvor untereinander abgestimmten „Kevelaerer Friedens-Appell“. Er erinnert an die Menschen, die weltweit Verfolgung und Terror erleiden, und formuliert die Sehnsucht nach einem friedlichen Miteinander. „Wir wollen einstehen für eine friedlichere, respektvollere und mitmenschlichere Zukunft“, heißt es in dem Papier. Es endet mit dem Wunsch, der die Menschen an diesem Tag in Kevelaer einte: „Möge Gott unserer Welt durch sein Wirken in uns wirklich das wunderbare Geschenk des Friedens machen. Damit der Traum Wirklichkeit unseres Alltags in allen Kontinenten und Religionen wird.“