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    „Die Moral der Christen ist am Boden“

    Bagdad (DT/poi) Die Ablösung von autoritären Regierungen im Nahen Osten durch islamistische Regime hat alles nur schlimmer gemacht, sagte der chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphael I. Sako laut katholischer Nachrichtenagentur CNS. Diese Regime würden Christen wegen ihres Religionsbekenntnisses als „Bürger zweiter Klasse“ betrachtet, erinnerte der Patriarch. Die moderaten Muslime sollten sich dessen bewusst sein und den Christen die Zusicherung geben, dass sie als gleichberechtigte Bürger respektiert würden. Unter den Christen wächst die Angst, sagte Sako in Hinblick auf die jüngste Welle der Gewalt im Irak. Bei Explosionen von Autobomben und Schießereien waren in den letzten Tagen mindestens 54 Menschen ums Leben gekommen. Wegen der Gewalt nehme auch die Auswanderungsbewegung unter den Christen weiter zu. „Die Moral der Christen ist am Boden“, sagte der Patriarch. Die Leute seien in tiefer Sorge über die Zukunft.

    Die an die Macht gekommenen islamistischen Regime in Nahost betrachten nach Ansicht des chaldäisch-katholischen Patriarc... Foto: sb

    Bagdad (DT/poi) Die Ablösung von autoritären Regierungen im Nahen Osten durch islamistische Regime hat alles nur schlimmer gemacht, sagte der chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphael I. Sako laut katholischer Nachrichtenagentur CNS. Diese Regime würden Christen wegen ihres Religionsbekenntnisses als „Bürger zweiter Klasse“ betrachtet, erinnerte der Patriarch. Die moderaten Muslime sollten sich dessen bewusst sein und den Christen die Zusicherung geben, dass sie als gleichberechtigte Bürger respektiert würden. Unter den Christen wächst die Angst, sagte Sako in Hinblick auf die jüngste Welle der Gewalt im Irak. Bei Explosionen von Autobomben und Schießereien waren in den letzten Tagen mindestens 54 Menschen ums Leben gekommen. Wegen der Gewalt nehme auch die Auswanderungsbewegung unter den Christen weiter zu. „Die Moral der Christen ist am Boden“, sagte der Patriarch. Die Leute seien in tiefer Sorge über die Zukunft.

    Man müsse sich die Frage stellen, was die „Motive und Überlegungen“ hinter den Regimewechseln im Nahen Osten waren, sagte der chaldäisch-katholische Patriarch. Das gelte im Hinblick auf Ägypten und Libyen, aber auch angesichts der sich ständig verschlechternden Situation in Syrien. Wenn man wirklich die Demokratie und eine „Kultur der Freiheit“ aufbauen wolle, brauche es eine profunde Erziehung und eine gefestigte Langzeitstrategie.

    Der Patriarch ist derzeit – wenige Tage vor der ersten Synodalversammlung der chaldäischen Kirche unter seiner Leitung – mit einem zusätzlichen Problem belastet: Einem neuen „Nationalismus“ unter den Christen der mesopotamischen Tradition, auch unter dem Klerus. Nach diesen – weitgehend ahistorischen Vorstellungen – wäre die chaldäisch-katholische Kirche Erbin des alten Babylon, die Apostolische Kirche des Ostens dagegen Erbin des einstigen assyrischen Reiches. Während das Patriarchat angesichts der Krisensituation im Irak auf die Gemeinsamkeit mit den anderen christlichen Kirchen, vor allem mit der (assyrischen) Apostolischen Kirche des Ostens, setzt, betonen die chaldäischen Diözesen in den USA eine strikte Trennung. Offenbar wurde in dieser Hinsicht Druck auf das Patriarchat ausgeübt. Louis Raphael I. Sako hat daher am Sonntag – wie die katholische Nachrichtenagentur „AsiaNews“ berichtet – einen Brief an den chaldäischen Klerus in aller Welt gerichtet, in dem er unterstreicht, dass die Kirche zu allen Nationen gesandt sei, weil ihr Christus aufgetragen habe, das Evangelium allen Menschen zu predigen. Wörtlich betont der Patriarch: „Wir als Kleriker dürfen unsere evangelische Mission nicht aufgeben, um uns in Unterstützer nationalistischer Politikentwürfe zu verwandeln.“

    Man müsse für die Einheit der Kirche des Orients arbeiten, weil jede Trennung „eine Sünde“ sei, unterstreicht Louis Raphael I. Sako: „Wir haben bei unserem jüngsten Pastoralbesuch in Australien von 2. bis 16. Mai Begegnungen mit der (assyrischen) Kirche des Ostens erlebt, die in unserem Gedächtnis und in unserem Herzen eingeschrieben bleiben.“ Diese Begegnungen seien ein Impuls, um vertrauensvoll auf dem ökumenischen Weg voranzuschreiten. Der chaldäisch-katholische Patriarch war in Australien offiziell mit einer Delegation der Kirche des Ostens unter Leitung von Mar Meelis Zaia, Metropolit von Australien und Neuseeland, zusammengetroffen. Bei der Begegnung wurde unterstrichen, dass die chaldäisch-katholische Kirche und die assyrische Kirche „den Glauben, die Sprache, die Liturgie und die kirchliche Tradition“ teilen. Ebenso waren sich der Patriarch und der Metropolit einig, dass die Kirchen die Situation der Christen im Nahen Osten mit „einer Stimme“ ansprechen müssen. Auch bei der Weihe einer neuen chaldäischen Kirche in Fairfield im australischen Bundesstaat New South Wales war Mar Meelis Zaia mit einer Delegation anwesend.

    Politik sei eine Sache der Laien, so der Patriarch in seinem Rundbrief an die Priester. Der Klerus habe dabei die Aufgabe, die Laien zu ermutigen, Schulen zu eröffnen, in denen die aramäische Sprache unterrichtet wird, aber auch Kultur- und Sozialzentren zu schaffen, die sich mit der kulturellen Tradition und der Kunst befassen, sowie politische Parteien, die die Rechte der Minderheiten verteidigen. Die „rote Linie“ bestehe aber darin, dass die Priester sich nicht direkt in diese politischen Initiativen einlassen dürften: „Wir müssen unserer priesterlichen Berufung treu bleiben – im Dienst aller Leute ohne Ausnahme.“

    Die chaldäisch-katholische Kirche sei „verletzt“, sie leide aus vielen Gründen, unterstreicht der Patriarch: „Die Destabilisierung des Landes ab 2003, das Fehlen einer Vision für Gegenwart und Zukunft, die Auswanderungsbewegung der Christen, die Flucht einiger Priester in den Westen, der Mangel an Autorität in der Kirche.“ Es handle sich um ein „schweres Erbe“, es brauche eine „kontemplative Pause“, um über die aktuelle Situation und über die Zukunft der chaldäischen Kirche nachzudenken.