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    Die Macht der Mystik

    Rom (DT) Mystik und Politik. Schon zu seinen Lebzeiten hat man versucht, die Ausstrahlung und inhaltliche Tiefe Johannes Pauls II. mit diesen beiden Polen zu umgreifen. Dass der Papst aus Polen auf seine Weise auch Politik zu machen verstand, hat er in den letzten Jahren des Kalten Kriegs zur Genüge bewiesen. Niemand Geringerer als Michail Gorbatschow hat in seinen Memoiren geschrieben, dass die Geschehnisse in den Ostblockstaaten bis zum Fall der Mauer ohne Johannes Paul II. nicht denkbar gewesen wären. Für viele noch beeindruckender war jedoch die mystische Ausstrahlungskraft, die von dem vor drei Jahren verstorbenen Papst ausging. Sein stilles Gebet an Gräbern und in Heiligtümern, das unbeirrte Vertrauen in die göttliche Vorsehung, die Konzentration, mit der er das Messopfer feierte, und seine demütige Verehrung Mariens waren das Kennzeichen eines Mannes, der völlig aus dem Glauben heraus lebte, der vor seinen Zuhörern nicht argumentierte, sondern Wahrheiten verkündigte, die er mit seinem geistigen Auge gesehen zu haben schien. Nur zu verständlich ist es deshalb, dass man nach seinem Tod diesem spirituellen Pontifikat einen mystischen Rahmen, einen geistlichen roten Faden geben wollte.

    Rom (DT) Mystik und Politik. Schon zu seinen Lebzeiten hat man versucht, die Ausstrahlung und inhaltliche Tiefe Johannes Pauls II. mit diesen beiden Polen zu umgreifen. Dass der Papst aus Polen auf seine Weise auch Politik zu machen verstand, hat er in den letzten Jahren des Kalten Kriegs zur Genüge bewiesen. Niemand Geringerer als Michail Gorbatschow hat in seinen Memoiren geschrieben, dass die Geschehnisse in den Ostblockstaaten bis zum Fall der Mauer ohne Johannes Paul II. nicht denkbar gewesen wären. Für viele noch beeindruckender war jedoch die mystische Ausstrahlungskraft, die von dem vor drei Jahren verstorbenen Papst ausging. Sein stilles Gebet an Gräbern und in Heiligtümern, das unbeirrte Vertrauen in die göttliche Vorsehung, die Konzentration, mit der er das Messopfer feierte, und seine demütige Verehrung Mariens waren das Kennzeichen eines Mannes, der völlig aus dem Glauben heraus lebte, der vor seinen Zuhörern nicht argumentierte, sondern Wahrheiten verkündigte, die er mit seinem geistigen Auge gesehen zu haben schien. Nur zu verständlich ist es deshalb, dass man nach seinem Tod diesem spirituellen Pontifikat einen mystischen Rahmen, einen geistlichen roten Faden geben wollte.

    Fernsehbeiträge und Artikelserien haben das dann auch geliefert – unter tätiger Mitwirkung etwa seines Privatsekretärs Stanislaw Dziwisz oder des ehemaligen Vatikansprechers Joaquin Navarro-Valls. Das Attentat von 1981, die Muttergottes von Fatima, an deren Erscheinungstag, dem 13. Mai, die Schüsse des Attentäters den Papst zwar trafen, aber nicht töten konnten, das dritte Geheimnis von Fatima, das sich Johannes Paul II. an sein Krankenbett bringen ließ und in dem er sich selbst erkannte, schließlich das Wirken Papst Wojtylas bis zum Fall des Eisernen Vorhangs, der dann auch Russland, das „Sorgenkind“ der Muttergottes vom Kommunismus befreite: All das bot nach dem Tod von Johannes Paul II. den Stoff für eine Art übernatürlicher Klammer, die sein Pontifikat zum heilsgeschichtlichen Ereignis machte. Der verstorbene Papst selber hat sie besiegelt, als er die Kugel, die am 13. Mai 1981 seine Därme durchschlug, in die Krone der Muttergottes-Statue von Fatima einfügen ließ. Denn sie habe, so war Papst Wojtyla überzeugt, das Projektil auf seinem Flug abgelenkt.

    Doch das Pontifikat dieses Papstes ist so reich, dass es auch an weiteren Mystifizierungen nicht mangelt. Da sind die Berichte von Heilungswundern, die Johannes Paul Ii. zu Lebzeiten gewirkt haben soll. Und während die Nachrichten vom schnellen Fortschritt des Seligsprechungsprozesses für Johannes Paul II. nicht abreißen, hat am Wochenende ein Internationaler Kongress in Rom mit über dreitausend Teilnehmern einen weiteren Aspekt seines Vermächtnisses ins Licht gestellt: Seine Verehrung der polnischen Mystikerin Schwester Faustyna Kowalska (1905–1938), einer Sendbotin der göttlichen Barmherzigkeit, auf deren Visionen das Gnadenbild vom barmherzigen Jesus zurückgeht, das heute von vielen Gläubigen verehrt wird. Initiator des Weltkongresses der Barmherzigkeit, der am Sonntag in Rom zu Ende gegangen ist, war Kardinal Christoph Schönborn. Aber auch der russisch-orthodoxe Bischof Hilarion, Kardinal Philippe Barbarin von Lyon, Kurienkardinal Francis Arinze sowie der Krakauer Kardinal und ehemalige Papstsekretär Dziwisz wirkten mit. Zu Beginn des Kongresses hatte Kardinal Schönborn daran erinnert, dass Papst Johannes Paul II. 1997 in Krakau-£agiewniki, dem Ort, wo Schwester Faustyna gelebt hat und begraben ist, den Satz gesprochen hat: „Die Botschaft von der Göttlichen Barmherzigkeit hat in gewisser Weise das Bild meines Pontifikates geprägt.“

    Im Heiligen Jahr 2000 hat Papst Wojtyla dann die Seherin Faustyna heiliggesprochen und verfügt, dass der Weiße Sonntag, der erste Sonntag nach Ostern, in Zukunft als Barmherzigkeits-Sonntag begangen werden soll. Am Vorabend dieses Barmherzigkeits-Sonntags 2005, am 2. April, ist er fünf Jahre später verstorben. Ein Zeichen des Himmels, wie Schönborn meinte.

    Schon früh, im November 1980, hatte Papst Johannes Paul II. seine Enzyklika über die göttliche Barmherzigkeit, „Dives in misericordia“, veröffentlicht, in der er bekräftigte, dass die Kirche für das Erbarmen Gottes, das Christus in seiner gesamten messianischen Sendung offenbart hat, Zeugnis ablegen müsse, „indem sie es zunächst als Heil bringende Glaubenswahrheit bekennt, die zugleich für ein Leben notwendig ist, das mit dem Glauben übereinstimmen soll, und dann sucht, dieses Erbarmen sowohl in das Leben ihrer Gläubigen als auch nach Möglichkeit in das aller Menschen guten Willens einzuführen und dort Fleisch werden zu lassen.“

    Ähnlich formulierte es Kardinal Schönborn während der abschließenden Messe des Kongresses am Sonntag im Petersdom: Er rief die Teilnehmer dazu auf, im täglichen Leben Zeugen der Barmherzigkeit Gottes zu sein. Dies sei der „Auftrag, den wir in uns tragen“, sagte der Wiener Erzbischof. Nicht nach den Worten, sondern nach den Taten „werden wir beurteilt“. Die Kraft dazu erwachse aus der Tatsache, dass jeder Mensch selbst Gottes Barmherzigkeit erfahren habe. Allerdings warnte Schönborn davor, Erfolg nur in dieser Welt zu suchen. Dies bedeutete, die Botschaft Jesu misszuverstehen. Mit Blick auf anhaltende soziale Ungerechtigkeit und Armut in der Welt hob der Kardinal hervor, dass viele Menschen enttäuscht von Gott und der Kirche seien. Es sei schwer zu begreifen, aber auch Leid und Schmerz gehörten zu Gottes Barmherzigkeit. Es gebe auch heute – vergleichbar mit den Emmaus-Jüngern von damals – „viele Enttäuschte, die Jerusalem verlassen, die Christus und seine Kirche verlassen. Sie suchen etwas anderes.“ „Wie schwer es uns doch auch heute fällt,“ sagte Schönborn, „Ja zu Seinem Leiden zu sagen – und zu unsrem Leiden. Wir können kaum akzeptieren, dass das der Weg der Göttlichen Weisheit sein soll, dass uns seine Barmherzigkeit am Kreuz gegeben wird.“

    Viel Aufmerksamkeit war dem Kongress in den Medien nicht beschieden – dafür ging es zu sehr um Wahrheiten des Glaubens, in die sich jeder Einzelne im Gebet vertieft, als dass es als Botschaft an die säkulare Welt hätte für Zündstoff sorgen können. Deutlich war aber die Absicht der Veranstalter, mit dem Stichwort von der göttlichen Barmherzigkeit einen weiteren Aspekt des Lebenswerks von Johannes Paul II. zu erhellen beziehungsweise sein Wirken in dieser Hinsicht zu verklären.

    Wer an der Römischen Kurie im vatikanischen Alltag mit Papst Wojtyla zu tun hatte, dem wird die Barmherzigkeit, etwa bei den jährlichen Begegnungen mit den Kurienkardinälen, nicht als hervorstechendste Eigenschaft des polnischen Papstes aufgefallen sein. Aber im Nachhinein, als Mystifizierung dieses großartigen Pontifikats, ist sie von einer hohen – und mit Blick auf den Todestag Johannes Pauls II. sehr eindrücklichen – Aussagekraft, um den Spannungsbogen der geistigen Hinterlassenschaft des polnischen Papstes zwischen den Polen Mystik und Politik zu verdeutlichen.

    Von Guido Horst