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    Die Liebe Gottes konkretisiert sich in der Eucharistie

    P. Stephan Otto Horn aus dem Salvatorianerorden ist bekannt als Sprecher des sogenannten Schülerkreises von Joseph Ratzinger, dessen Universitätsassistent er fünf Jahre lang war. Der gebürtige Allgäuer ist aber vor allem auch ein Dogmatiker aus eigenem Recht, dessen wissenschaftlicher Schwerpunkt seit der Dissertation in besonderer Weise das Papstamt ist. Zu seinem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr erschien eine gehaltvolle Festschrift, deren Beiträge sich mit dem Papsttum in ökumenischer, näherhin orthodoxer Perspektive befassen.

    P. Stephan Otto Horn aus dem Salvatorianerorden ist bekannt als Sprecher des sogenannten Schülerkreises von Joseph Ratzinger, dessen Universitätsassistent er fünf Jahre lang war. Der gebürtige Allgäuer ist aber vor allem auch ein Dogmatiker aus eigenem Recht, dessen wissenschaftlicher Schwerpunkt seit der Dissertation in besonderer Weise das Papstamt ist. Zu seinem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr erschien eine gehaltvolle Festschrift, deren Beiträge sich mit dem Papsttum in ökumenischer, näherhin orthodoxer Perspektive befassen.

    Das Petrusamt, darauf verweist Kurt Kardinal Koch, ist im Fokus der ökumenischen Diskussion: „Denn auf der einen Seite ist der Primat des Bischofs von Rom, wie bereits Papst Paul VI. eindringlich betont hat, das Haupthindernis bei der Wiederherstellung der Einheit der Christen, auf der anderen Seite erweist sich der Primat des Bischofs von Rom aber auch als Hauptmöglichkeit für dasselbe Anliegen, insofern, wie vor allem der hl. Papst Johannes Paul II. überzeugt gewesen ist, dass das Amt, das dem Nachfolger des Petrus aufgetragen ist, auch das Amt der Einheit ist.“ Joseph Ratzinger hob bei der Frage der biblischen Fundierung besonders die Erstnennung des Petrus auf der Liste der Auferstehungszeugen im Ersten Korintherbrief und die bei Johannes spürbare starke Präsenz des Petrusthemas im Kontrapunkt zur Gestaltung des Lieblingsjüngers hervor. Bei den Synoptikern wiederum trete Petrus als Wortführer sowohl in der Gemeinschaft der Zwölf als auch in der eigens erwähnten Dreiergruppe auf. Auch verweise Ratzinger auf die Stellung Petri in den Jünger-Listen und auf den besonderen, durch Jesus verliehenen Namen. „Erst in diesem größeren Kontext geht Ratzinger dann auf das im Matthäus-Evangelium überlieferte Auftragswort Jesu an Petrus ein, das als klassischer Primatstext gilt, um darzutun, dass sich die Substanz des in diesem Auftragswort Gesagten in allen neutestamentlichen Traditionsschichten reflektiert“, so Koch. „Typisch Ratzingerische“ Primatstheologie, in der Sicht des vom ihm zum Chef des Einheits-Sekretariats berufenen Schweizer Theologen, sei auch die Akzentuierung der Vorgängigkeit der Universalkirche zu den einzelnen Ortskirchen. Das bestätige und verwirkliche sich vor allem in den grundlegenden Sakramenten, besonders in der Taufe, die nicht die Sozialisierung in eine bestimmte Gemeinde, vielmehr die Aufnahme in die universale Kirche sei. In gleicher Weise habe auch das universal ausgerichtete Amt den Vorrang vor den lokalen Ämtern. Diese Sicht der Dinge hat Ratzinger aber nicht davon abgehalten, den Orthodoxen als ökumenische Perspektive Lehre und Praxis des Primats im ersten Jahrtausend als Kriterium für eine Wiedervereinigung anzubieten. Die Ostkirchen sehe er als „echte Teilkirchen“ an, obwohl sie nicht mit dem Papst in Verbindung sind.

    Maximilian Heim, Zisterzienser-Abt in Österreich, macht auf eine weitere Facette der Papst-Theologie Ratzingers aufmerksam, seine Betonung des martyrologischen Charakters des Primats. Joseph Ratzinger hatte den letzten katholischen Erzbischof von Canterbury, Reginald Kardinal Pole (1500–1558), dem im Konklave von 1549/50 nur ein paar Stimmen fehlten, als Inhaber eines kirchlichen Führungsamtes gepriesen, der bereit gewesen sei, sein Leben für seine Überzeugungen zu opfern. Für Pole war in der Auseinandersetzung mit seinem Vetter König Heinrich VIII. klar, dass eine Leugnung des primatialen Prinzips faktisch die neutestamentliche Struktur der Kirche aufhebe und als Staatskirchentum – zu dem es sich in Großbritannien entwickelte – durch die weltliche Herrschaft über die Kirche den Wegfall des Martyriums bewirke. Nach Pole konnten aber nur die Märtyrer den Glauben in der universalen Kirche garantieren und so die gesamtkirchliche Überlieferung dem national-königlichen Christentum gegenüberstellen. Heim arbeitet des weiteren heraus, dass Ratzingers Einschätzung zum „theologischen Ort“ von Bischofskonferenzen sich von einer noch zu Konzilszeiten weitherzigeren Auslegung, die in diesen Instrumente der bischöflichen Kollegialität sah, zu einer zurückhaltenderen Einstellung wandelte, die sich fortan an der Frage der persönlichen Verantwortung des einzelnen Bischofs orientierte. Wie sogar rote Schuhe zum Mittel päpstlichen Zeugnis-Gebens werden können, behandelt Josef Zöhrer in seinem Beitrag. „Nur selten dürfte es zuvor einen Papst gegeben haben, der so umfassend mit den verschiedensten Aspekten dieses Amtes vertraut war.“ Für Ratzinger war im Blick auf den apostolischen Dienst immer klar, dass sich die Person des Amtsträgers ganz in die Sendungsgemeinschaft mit Christus hineinziehen lassen müsse. Daraus folgt für ihn unmittelbar, dass sich die Person völlig zugunsten des bezeugten Wortes zurückzunehmen habe. Und dann gibt es noch das „Kreuz des Zeugen“. So wie der Herr am Kreuz, im „Verbrauchtwerden“ der eigenen Person, für das Wort eingetreten sei, so könne dies auch kirchliche Hirten treffen. Oder, wie es einmal Papst Benedikts lombardischer Schuhmacher bündig zusammenfasste: „Das päpstliche Schuhwerk ist seit Jahrhunderten rot. Die Farbe soll an die Kreuzigung und das Blut Christi erinnern.“

    P. Sven Leo Conrad, Petrusbruderschaft, beleuchtet das Väterwort Praesidet Caritati – der Vorsitz in der Liebe – das vom Zweiten Vatikanum zur Deutung des päpstlichen Primats herangezogen wurde. Er sieht es als Leitwort für das Verhältnis Papst Benedikts zur Liturgie. Die Liebe Gottes konkretisiere und aktualisiere sich in der Sicht des früheren Papstes besonders in der Eucharistie, wo der „Logos wirklich Speise (...) als Liebe“ werde. Liturgie und Kirche seien für Ratzinger geradezu identisch, weil die Kirche ihrem Wesen nach gottesdienstliche Versammlung sei. Vor diesem Hintergrund deutet Conrad das Motu proprio Summorum pontificium von 2007, das die fortbestehende Gültigkeit des Missale von 1962 in Erinnerung rief, als erneute Eröffnung eines Aktes göttlicher Liebe. Denn die „außerordentliche Form“ des römischen Ritus – was nicht so zu verstehen sei, als wäre die ältere Form die kirchenrechtliche Ausnahme – richte sich nicht an bestimmte Gruppen, sondern sei ein Angebot an alle Gläubige. Beide Formen sollen sich gegenseitig befruchten; angezielt sei die Versöhnung der kirchlichen Wirklichkeit von heute mit ihrer eigenen Tradition. Es war Robert Spaemann, der als letzte Intention von Summorum pontificium die volle Akzeptanz der alten Liturgieformen und der mit ihnen verbundenen Priester und Gläubigen und damit die Herstellung kirchlicher Normalität sah und dies einen Akt der Liebe nannte. Bis das aber in das Bewusstsein aller Ober- und sonstigen Hirten eingesickert ist, wird noch viel Wasser Tiber, Rhein und Donau hinabfließen. Conrad stellt dar, wie weitere liturgisch bedeutsame Entscheidungen des Papstes, aber auch die konkrete Feiergestalt der päpstlichen Liturgien Benedikts XVI. dessen tiefe Liebe zur Liturgie, aber auch die eingehende Kenntnis ihrer Genese und ihres schlussendlichen Sinnes bezeugen. Dazu zählt auch die wohlbegründete Änderung der Wandlungsworte und die noch von Benedikt in Auftrag gegebene Einbeziehung des Hl. Josef in alle gängigen Hochgebete, was aus unerfindlichen Gründen im deutschen Sprachraum bisher nicht umgesetzt wurde.

    Nach dem Gelingen christlicher Einheit fragt Ralph Weimann, ein Thema, das in der Kirche spätestens seit 1916, als Papst Benedikt XV. die Gebetswoche für die Wiedervereinigung im Glauben einführte, als drängend empfunden wird. Er warnt vor falschem Irenismus, der immer dann ins Spiel kommt, wenn die gründliche Kenntnis des eigenen theologischen Fundaments fehlt. Dies ist aber nur eine Seite der Medaille, deren andere Seite die eigene Bekehrung sei. Wenn die Einheit von Gott ausgeht, muss sie in der persönlichen Gotteserfahrung ihren bedeutendsten Ausdruck finden: Wenn das eigene Glaubenszeugnis aus einer Spiritualität der Gottesverbundenheit erwächst, kann, ja wird es für die Einheit fruchtbar sein. In Anlehnung an Pseudo-Dionysios Areopagites will Weimann zunächst die via purgativa beschreiten, die zur via illuminativa und schließlich zur via unitiva führe. Der Jubilar Stephan O. Horn hat diesen Vorgang als „Preisgabe der Autonomie“ bezeichnet, der folgerichtig zu einem Subjektwechsel führe und das Ich in ein neues Subjekt, niemand anderen als Christus, einfüge. Eine so verstandene via unitiva sei Teilhabe am Leben der Dreifaltigkeit.

    Diese im besten Sinn des Wortes überzeitliche, supranaturale Perspektive zeichnet auch orthodoxe Theologie aus. Mehrere Beiträge des Sammelbandes zeichnen aus orthodoxer Sicht die Schwierigkeiten nach, die für die getrennten Brüder und Schwestern im Osten das Petrusamt in seiner jetzigen Form bereitet. Dabei ist man mehr als einmal überrascht, wie viele Vorurteile, wie viel Nichtwissen, aber auch Nicht-Wissen-Wollen dort gegenüber „westlicher“ Theologie besteht. Ein aufschlussreicher Beitrag von Christoph Ohly zum geltenden, zuletzt von Benedikt XVI. geänderten Papstwahlrecht und so noch nicht gelesene Erkenntnisse von Michaela C. Hastetter zu Mendelssohn-Bartholdys Nähe zum Petrusamt, dem dieser ein eigenes, dann aber doch nicht geschriebenes Petrus-Oratorium widmen wollte, runden die Festschrift ab.

    Michaela C. Hastetter/ Christoph Ohly (Hrsg.): Dienst und Einheit – Festschrift für Stephan Otto Horn zum 80. Geburtstag. EOS-Verlag, St. Ottilien, 2014, 352 S., ISBN 978-3-8306-7673-6, EUR 29,95