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    Die Königin des protestantischen Mainstreams

    Nahezu hymnisch erscholl das Lob in den Medien, als in der letzten Woche die Hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann zur neuen EKD-Ratsvorsitzenden gewählt wurde. Kommentatoren schwärmten vom „Charisma“, der „Ausstrahlung“ der ersten Frau an die Spitze dieses evangelischen Kirchengremiums mit weitgehend repräsentativer Funktion. Sensationell wirkte das Wahlergebnis von über neunzig Prozent der Delegierten, weil die Kirchenlandschaft der Protestanten traditionell uneinig ist. Wer Wahlergebnis und Medienresonanz erklären will, wird nach dem Profil Käßmanns fragen.

    Nahezu hymnisch erscholl das Lob in den Medien, als in der letzten Woche die Hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann zur neuen EKD-Ratsvorsitzenden gewählt wurde. Kommentatoren schwärmten vom „Charisma“, der „Ausstrahlung“ der ersten Frau an die Spitze dieses evangelischen Kirchengremiums mit weitgehend repräsentativer Funktion. Sensationell wirkte das Wahlergebnis von über neunzig Prozent der Delegierten, weil die Kirchenlandschaft der Protestanten traditionell uneinig ist. Wer Wahlergebnis und Medienresonanz erklären will, wird nach dem Profil Käßmanns fragen.

    Ihr Profil ist zunächst schwer zu erkennen, wie das bei allen Personen ist, die sich im sogenannten Mainstream bewegen. Das hat sie mit Angela Merkel gemeinsam, mit der sie am gleichen Tag in ein Spitzenamt gewählt wurde. Beide bedienen konsequent den jeweiligen Zeitgeist, bleiben in gewisser Weise in der Mitte; beide besitzen einen ausgeprägten Machtinstinkt und spüren, was „dran“ ist; sie erkennen auch die verschlungenen Wege zur Macht und beschreiten diese konsequent und zielstrebig.

    Im Jahr 2007 schien allerdings das Ziel „EKD-Ratsvorsitz“ für Margot Käßmann in weite Ferne gerückt zu sein. Nach ihrer Krebserkrankung 2006 folgte die Scheidung. Ein Pastorenehepaar mit vier Kindern hatte sich auseinandergelebt. Doch Käßmann schaffte es mit der ihr eigenen Offenheit, Sympathien zu wecken. Viele Kranke und Geschiedene können sich in ihr wiedererkennen. Und so sahen die Synodalen über die Frage hinweg, ob eine Geschiedene diesem Amt dienlich sein würde. „Mir ist eine lebenslange Ehe nicht geschenkt worden“, formulierte sie elegant bei ihrer Vorstellungsrede vor der Synode. Ihre Kirchenleitung überzeugte sie mit ihrem Wunsch nach „Wahrhaftigkeit“ und dem Satz, sie wolle „24 Stunden am Tag Bischöfin“ sein – eine vielleicht unbeabsichtigte Werbung für den zölibatären Lebensweg.

    Der Titel einer „Pop-Bischöfin“ (Financial Times) passt auf Käßmann. Sie gibt sich modern, aufgeschlossen, offen, ehrlich und wirkt damit auf viele zustimmungswürdig, kurz: populär. Käßmann erzählt immer wieder Geschichten von sich und anderen. Dabei gibt sie sich fromm, vermeidet dogmatische Themen und redet von „evangelischer Spiritualität“. Da weiß keiner so genau, was sie damit meint, aber viele fühlen sich in ihrem Glauben oder Unglauben bestätigt. Es ist die Gefühlsebene, deren Klaviatur Margot Käßmann virtuos beherrscht. Und so ist sie für die linken, konservativen, feministischen, evangelikalen, lutherischen, reformierten oder liberalen Protestanten wählbar.

    Ein zweites Merkmal ihres Profils ist die theologische Unschärfe, ihr ethischer Relativismus. Geschickt wehrt sie sich gegen „Denkverbote“ hinsichtlich theologischer, besonders dogmatischer Fragen, solange nur „die Bibel, Jesus Christus, das Gesangbuch und das Vaterunser als Zentrum“ erhalten blieben. Es sucht eine Theologie des kleinsten gemeinsamen Nenners, wobei dieser immer kleiner zu werden droht.

    So war sie in den letzten Jahren eine der treibenden Kräfte, die den Bibeltext an den gegenwärtigen Zeitgeist anpassen wollte. Mit dem Projekt der „Bibel in gerechter Sprache“ wetzte sie das Messer gegen eine der letzten heiligen Kühe der Protestanten, das Sola-Scriptura-Prinzip Luthers. Den Bibeltext müsse man so „stehen lassen“, wie er nun einmal ist, hatte der Reformator einst gefordert. Doch die neue Bibelausgabe schreibt bestimmte Bibeltexte einfach um, um vermeintlich anstößige Formulierungen gegenüber Frauen oder Homosexuellen aus der Bibel zu tilgen. Ausführlich begründete der evangelische Neutestamentler und Alt-Landesbischof Ulrich Wilkens in einem Gutachten, wie verfälschend die Autoren dieser Bibelausgabe gearbeitet haben.

    Wandlungsfähig gibt sich Käßmann auch bei ethischen Maßstäben. Hatten ihre Vorgänger den ethischen Konsens mit anderen christlichen Konfessionen bereits bei der Genforschung und der Abtreibung aufgekündigt, so wird dies demnächst bei der Euthanasie-Frage geschehen. Mit Hilfe der bei Protestanten beliebten Einerseits-Andererseits-Ethik sagte sie kürzlich der „Welt“: „Wir müssen da noch einmal neu nachdenken. Der Wunsch der Menschen nach einem selbstbestimmten Tod ist so groß, dass wir da nicht durchweg und kategorisch Nein sagen können – was an meiner strikten Ablehnung der aktiven Sterbehilfe nichts ändert.“

    Gespanntes Verhältnis zu orthodoxen Kirchenführern

    Käßmanns Verhältnis zur Ökumene gilt als belastet, seit sie mit einem lauten Knall aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen 2002 ausschied. Hier hatte sie fast 20 Jahre lang an führender Stelle, vor allen Dingen in politischen Programmen zur Förderung von Frieden, Gerechtigkeit, Emanzipation und Bewahrung der Schöpfung mitgearbeitet. Doch als die orthodoxen Kirchenführer ihr erklärten, sie nicht als „Bischöfin“ und ihre Landeskirche nicht als „Kirche“ anerkennen zu können, war es mit der Freundschaft vorbei. Positiver ist ihr Verhältnis zur sogenannten katholischen Basis-Ökumene. Gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ bekannte sie vor vier Tagen, dass sie Hans Küng bereits „seit ihrem ersten Semester 1977“ kenne und schätze. Sie fügte hinzu: „Natürlich stimmen wir in vielen theologischen Grundfragen überein, weil er (Küng) das Zölibat in Frage stellt und für Priesterinnen plädiert.“ Sie wolle sich „nicht nach Rom orientieren“, sondern mit Erzbischof Zollitsch das Gespräch suchen.

    Ob Papst Benedikt diese Äußerung zum Anlass nehmen wird, sie nicht zu einer Privataudienz einzuladen, mag man abwarten. Klar ist jedoch, dass sie eine der Vertreter des Ökumenismus ist, der damit primär sozialistische, soziale und feministische Optionen verbindet. Auf dieser Linie liegt auch das Thema ihrer Doktorarbeit, die sie bei dem ÖRK-Theologen Konrad Raiser geschrieben hat und lautete: „Armut und Reichtum als Anfrage an die Einheit der Kirche“. Als Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages von 1995 bis 1999 sorgte sie konsequent für eine Politisierung dieser Veranstaltung im Sinne dieser Optionen.

    Die Wiedervereinigung der Kirchen unter dem Primat des Papstes ist nicht das Programm Käßmanns. Als ökumenisches Denkmodell dient ihr vielmehr die Formel von der „Einheit in der Vielfalt“. Als sie auf ihrer Wahl-Pressekonferenz gefragt wurde, was sie von der massenhaften Aufnahme von Anglikanern in die katholische Kirche durch die neue Apostolische Konstitution von Papst Benedikt halte, war offenbar ihr ökumenischer Horizont gesprengt. Ihre Antwort, „Dazu sage ich nichts“, hinterließ Fassungslosigkeit bei anwesenden Journalisten.

    Von Hinrich E. Bues