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    „Die Kirche ist voll“

    Schwester Annie Demerjian lebt und arbeitet als Projektpartnerin von Kirche in Not in Syrien – ein Interview über die Schwierigkeiten und Hoffnungen christlichen Lebens nach acht Jahren Krieg. Von Barbara Stühlmeyer

    Schwester Annie Demerjian
    Konkrete Projekte sollen den Menschen nachhaltig helfen.s: Kirche in Not Foto: Foto

    Schwester Annie, können Sie uns ein wenig über die Umstände erzählen, in denen Sie zurzeit leben und arbeiten?

    In vielen Teilen Syriens ist der Krieg nun zu Ende. In einigen Teilen wird noch gekämpft, aber an den meisten Orten ist die Sicherheitslage nun weit besser. Die ökonomische Situation in Syrien ist jedoch sehr problematisch. Die Menschen leben unter wirklich schwierigen Umständen. Besonders die internationalen Sanktionen erschweren das Leben der Mensch sehr.

    Sie sind Projektleiterin bei Kirche in Not und Syrien ist ein priorisiertes Land für die Organisation. Können Sie die Arbeit einiger ihrer Projekte für uns beschreiben?

    In 2013 haben wir in Aleppo damit begonnen, mit Kirche in Not zu kooperieren und unsere Arbeit hat sich auf den Bezirk Hasakah ausgeweitet. Wir versuchen, Hilfe zu leisten und haben mit Essenszuteilungen begonnen. Diese Essenkörbe bieten wir nicht mehr an, denn wir versuchen, auch den Menschen in den Ladengeschäften Arbeit zu geben. Deshalb arbeiten wir mit Lebensmittelmärkten zusammen und die Menschen können mit ihren Lebensmittelkarten dorthin gehen und das aussuchen, was sie möchten. Wir helfen auch bei der Finanzierung von Elektrizität und Mieten. Viele Familien möchten Häuser mieten, aber das ist schwierig, wenn sie keine Arbeit haben. Also versuchen wir, sie zu unterstützen, indem wir die Mieten oder die medizinische Versorgung bezahlen. An Weihnachten hatten wir eine besondere Situation. Wir haben Geschenke für 18 100 Kinder in ganz Syrien organisiert – mit besonderer Unterstützung von Kirche in Not. Zugleich waren wir in der Lage, die kleinen Betriebe zu fördern, die immer noch in der Stadt sind, und ihnen Arbeit zu geben. So haben mehr als 200 Arbeiter die Chance gehabt, ebenfalls von diesem Projekt zu profitieren und das ist großartig. Auf diese Weise sind wir durch viele Projekte von Kirche in Not in der Lage, den Menschen hier zu helfen.

    Eine persönliche Frage: Wann haben Sie die Berufung gespürt, als Schwester zu leben?

    Ich bin 1996 in die Kongregation von Jesus und Maria eingetreten. Damals war ich 28 Jahre alt, hatte mein Studium beendet, ein Jahr lang als Ingenieurin und fünf Jahre in einer armenischen Schule gearbeitet. Dann begann meine Suche, denn ich habe einen tiefgehenden Ruf in meinem Herzen gespürt. 1996 habe ich mich dann entschlossen, alles zu verlassen und bin in die Kongregation eingetreten.

    Sie sind in Damaskus geboren und ihre Familie hat armenische Wurzeln. Gibt es in Ihrer Familie Erinnerungen an die Christenverfolgung?

    Ja. Ich denke, die Geschichte wiederholt sich. Der Großvater und die Großmutter meines Vaters sind aus Armenien nach Syrien geflohen und nun haben einige Mitglieder meiner Familie Syrien in Richtung Europa verlassen. Es ist keine einfache Erfahrung, deine Heimat und deine Geschichte zu verlassen und wegzugehen.

    Sie sind auch während des Krieges bei den Menschen in Syrien geblieben. Was hat Ihnen die Stärke gegeben, dies zu tun?

    Wissen Sie, das war sehr schwer. Zu dieser Zeit waren wir sieben Schwestern. Zwei britische Schwestern waren in Damaskus und wir waren fünf in Aleppo. Wir erhielten einen Brief von unserer Provinzoberen, die uns bat, die richtige Entscheidung zu treffen. Sie stellte uns frei, zu bleiben oder zu gehen. Ich erinnere mich ganz besonders an diesen Tag. Wir hatten ein Treffen und unsere britischen Schwestern sagten noch vor uns: Das ist unser Land. Wir werden es nicht verlassen. Wir alle haben uns entschieden, bei unseren Leuten zu bleiben, nicht nur in den guten Zeiten, sondern auch in den schweren. In diesen Zeiten ist es noch wichtiger da zu sein, als in den guten Zeiten. Und Dank sei Gott – ich denke es ist eine gegenseitige Unterstützung. Unsere Schwestern aus aller Welt unterstützen uns und die Leute selbst geben uns den Mut zu bleiben und ihnen zu dienen. Sie zu sehen, wie sie Tag für Tag kämpfen und was für einen tiefen Glauben sie haben, lässt uns weitermachen. Und ich denke, Gott gibt uns die Gnade in diesem Augenblick. Jeder Augenblick hat seine eigene Gnade. Das ist es, was wir erfahren.

    Wie verarbeiten die Menschen die traumatisierenden Ereignisse, den Alltag in konstanter Furcht vor dem Tod?

    Das ist der nächste Schritt. Die Traumata anzuschauen, die die Folgen des Krieges sind. Das ist die große Herausforderung nach dem Krieg, Projekte zu entwickeln, die den Menschen zu helfen, die Erinnerung und ihre Wunden zu heilen. Das wird Zeit brauchen. Es gibt keine Magie, die alles ausradiert. Es wird Zeit brauchen, vielleicht Jahre, vielleicht Monate, wir wissen es nicht. Und wir brauchen die Zusammenarbeit mit guten Menschen.

    Während eines Besuches in London zeigten sie Bilder von syrischen Kindern. Wie drücken sie ihre Erfahrungen in einer Stadt des Todes wie Aleppo aus?

    Wenn man daran denkt, was sie in all diesen Jahren gesehen haben, was sie erlebt haben, unsere Kinder… Sie nehmen die Geräusche der Bomben, der Geschosse wahr. Und sie sind so clever darin, sie zu unterscheiden. Sie sagen: O, mach dir keine Sorgen, das kommt aus jener Gegend, das ist eine Bombe, das eine Schießerei. Sie sagen uns das, wissen Sie. Wenn man daran denkt, was in ihren Köpfen vor sich geht… Selbst wenn sie spielen, wird die Gewalt in ihren Spielen sichtbar, denn das ist es, was sie im Fernsehen und in der Realität erleben. Und es ist, wie ich sagte, es wird Zeit brauchen. Sie haben die wichtigsten Jahre verloren. Acht Jahre Krieg, das bedeutet, wenn wir einen Teenager vor uns haben, er hat sein halbes Leben durch die Gewalt und den Krieg verloren. Und das ist sehr hart für diese Generation. Die Statistiken sagen, dass drei Millionen Menschen während des Krieges geboren wurden, da können Sie sich vorstellen, welche Erfahrungen diese Kinder haben.

    Können Sie uns etwas über das Leben in den Pfarreien in Aleppo oder Damaskus erzählen? Wie ist es, dort beispielsweise Ostern zu feiern?

    Während des Krieges und der Bombenangriffe war es schwierig, zur Kirche zu gehen. Aber wenn es möglich ist, gehen die Menschen überall in die verschiedenen Kirchen zum Gebet oder um die heilige Messe zu feiern. Manchmal werden die Kirchen während der Gottesdienste von Raketen oder Bomben getroffen und man könnte denken, dass die Kirche dann am nächsten Tag leer ist. Aber wir sind überrascht, dass die Kirche voll ist und die Menschen wiederkommen und beten und sich an den verschiedenen Aktivitäten beteiligen, wenn es irgendwie möglich ist. Nun ist es, Dank sei Gott, ruhig und die Menschen können ihr alltägliches Leben wieder aufnehmen. In der Fastenzeit haben wir jeden Tag einen Gottesdienst. Und er ist voll von Menschen, die beten. Es ist wunderbar, zu sehen, wie die Menschen Gott verehren und ihm wirklich vertrauen. Für uns ist das ein echtes Zeichen der Hoffnung

    Was denken Sie, wie die Situation in Syrien sich in den nächsten fünf Jahren ändern wird?

    Wir träumen immer und hoffen immer auf Besserung. Was kommen wird, weiß Gott allein. Aber wir brauchen den guten Willen der Menschen. Wir beten für die politischen Führer der Welt, dass sie immer, wenn sie über Syrien sprechen, die richtigen Entscheidungen für den Frieden fällen. Mit dem guten Willen unserer Freunde und der Menschen vor Ort wird der Frieden gefestigt werden. Wir brauchen Zeit, um unser Land wieder aufzubauen. Aber wenn wir auf die Kirchen hier in Deutschland schauen und die verschiedenen Bilder aus dem Krieg und nach dem Krieg sehen, gibt uns das Hoffnung, dass auch unser Land wieder genau so aufgebaut werden kann. Es ist ein gutes Bild. Wir brauchen Hoffnung und die Kraft, zu sagen: ja, wir werden weitermachen und unser Land wieder aufbauen.

    Wie kann die lange Tradition christlichen Lebens in Syrien dabei helfen, das Land und die Gesellschaft wieder aufzubauen?

    Sie ist sehr wichtig, weil sie unseren Leuten dabei hilft, sich für das Bleiben zu entscheiden. Sie bleiben in ihrem Land und bauen dabei auf diese sehr reiche Tradition. Wir müssen sie bewahren und versuchen, sie an die nächste Generation weiterzugeben. Das ist nicht leicht, vor allem angesichts all der Gewalt und der Zerstörung vieler Zeichen dieser Tradition und unserer Kultur. Aber ich denke, die Kirchen und andere Organisationen geben ihr Bestes, die Traditionen nicht nur zu bewahren, sondern sie zu leben. Wir müssen sie leben. Wir müssen unsere Traditionen leben und die Zeugen der alten Tradition unseres Landes sein.

    Denken Sie, dass man wieder an die Situation vor dem Krieg anknüpfen kann, in der Muslime und Christen in Frieden zusammenleben?

    Ja. Denn wir haben es vor dem Krieg getan. Wir hatten keine Probleme damit, Seite an Seite mit Muslimen zu leben. In der Zeit, die ich in Syrien erlebt habe, hat nie jemand gesagt: Dies ist ein Moslem, das ist ein Christ. Wir lebten miteinander, jeder nach seiner Berufung, überall, und haben miteinander gearbeitet. Ich denke, es braucht Zeit, denn es sind Verletzungen entstanden. Wir brauchen Zeit für Versöhnung und Heilung. Aber es ist möglich, unser Land wieder aufzubauen. Wir brauchen unsere Brüder und Schwestern. Und die Art und Weise, in der sie sich uns verbunden fühlen, ist wunderbar. Ich denke nicht, dass es ein Problem sein wird, wieder miteinander zu leben.

    Was können wir in Deutschland tun, um den Menschen in Aleppo und den anderen Städten Syriens zu helfen und Ihre Arbeit dort zu unterstützen?

    Nun ich muss sagen, dass die Menschen im Westen wirklich ihre Solidarität und ihre Sorge für ihre Brüder und Schwestern in Syrien zeigen. Das ist ein großes Zeichen der Unterstützung. Ich verwende immer gerne das Bild des heiligen Paulus: Wenn ein Teil des Körpers leidet, leidet der ganze Leib der Kirche und das ist es, was wir erleben. Zunächst bitte ich immer darum, uns durch das Gebet zu helfen. Denn wir glauben, dass das Gebet in dieser Situation die größte Wirkung erzielt und zeigt, dass Sie an der Seite der Menschen bei uns in Syrien stehen.

    Gibt es noch etwas, dass Sie uns mit auf den Weg geben möchten?

    Das Bild von Simon, der für Jesus das Kreuz trägt, kommt mir in den Sinn. Ich denke, wir müssen füreinander einstehen und das Leid der anderen und ihr Kreuz tragen, damit es leichter wird. Und wir müssen für die Welt beten, besonders für jene, die Gott an die Seite stellen. Denn Krieg ist die Folge, wenn Menschen Gott keinen Raum geben. Und wir beten, dass wir die Zeugen der Güte Gottes für unsere Zeit sind.

     

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