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    Die Hand von jenseits des Tibers

    Rom (DT) Mit einem Schreiben an den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano, das Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone bereits am Mittwoch überbracht hatte, hat Benedikt XVI. das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und italienischem Staat gewürdigt. Anlass war der außerordentliche Feiertag am vergangenen Donnerstag, mit dem das Land der Ausrufung des ersten italienischen Königs am 16. März 1861 in Turin und dem Beginn der politischen Einheit des Stiefelstaats gedachte. Das Verhältnis zwischen dem Staat Italien und Rom war am Anfang überaus schwierig, besser gesagt gestört. Von starken antikatholischen und antichristlichen Gedanken getragen, vollendete das junge Italien 1870 die Eroberung des Kirchenstaats mit der gewaltsamen Einnahme Rom, die Päpste zogen sich als „Gefangene“ in den Vatikan zurück, erst mit den Lateranverträgen von 1929 begann die Aussöhnung zwischen dem Staat und dem Heiligen Stuhl.

    Ein Brief als Zeichen der Harmonie zwischen Staat und Kirche: Benedikt XVI. reicht dem italienischen Staatsoberhaupt Nap... Foto: dpa

    Rom (DT) Mit einem Schreiben an den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano, das Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone bereits am Mittwoch überbracht hatte, hat Benedikt XVI. das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und italienischem Staat gewürdigt. Anlass war der außerordentliche Feiertag am vergangenen Donnerstag, mit dem das Land der Ausrufung des ersten italienischen Königs am 16. März 1861 in Turin und dem Beginn der politischen Einheit des Stiefelstaats gedachte. Das Verhältnis zwischen dem Staat Italien und Rom war am Anfang überaus schwierig, besser gesagt gestört. Von starken antikatholischen und antichristlichen Gedanken getragen, vollendete das junge Italien 1870 die Eroberung des Kirchenstaats mit der gewaltsamen Einnahme Rom, die Päpste zogen sich als „Gefangene“ in den Vatikan zurück, erst mit den Lateranverträgen von 1929 begann die Aussöhnung zwischen dem Staat und dem Heiligen Stuhl.

    Der Brief des Papstes an das italienische Staatsoberhaupt wurde deshalb sowohl als Würdigung der Fähigkeit des anfänglich ausgesprochen kirchenfeindlich geprägten Staates Italien gewertet, die Katholiken zu integrieren, als auch als Ausdruck der Fähigkeit der Kirche, in einem säkularen Staat heimisch zu werden. Es gab Misstöne am Festtag der Einheit Italiens, die meisten Abgeordneten der norditalienischen Lega Nord blieben dem Festakt im italienischen Parlament fern. Da war dieses Zeichen der Harmonie zwischen den beiden Ufern des Tibers überaus willkommen. Unterstrichen wurde diese Gemeinsamkeit durch einen festlichen Gottesdienst, den der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, in Anwesenheit der Spitzenvertreter des Staates in der römischen Kirche Santa Maria degli Angeli feierte. Nicht der oberste Vertreter des italienischen Episkopats, sondern Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi wurde von der wartenden Menge ausgepfiffen.

    In seinem Schreiben an Napolitano über „dieses geliebte Land“ und seine Hauptstadt Rom, die „die Vorsehung Gottes zum Sitz des Nachfolgers des Apostels Petrus“ gemacht habe, wies Papst Benedikt zugleich zu Beginn darauf hin, dass der Prozess der politischen Einswerdung Italiens nicht erst im neunzehnten Jahrhundert, sondern sehr viel früher begonnen habe. Bevor es zur politischen Einheit gekommen sei, habe es schon im Mittelalter ein kulturelles, sprachliches und gefühlsmäßiges Zusammenwachsen der unterschiedlichen politischen Gemeinwesen auf der Halbinsel gegeben, wobei das Christentum durch das Wirken der Kirche in ganz grundsätzlicher Weise an der Herausbildung einer italienischen Identität mitgewirkt habe. Benedikt XVI. nannte als Beispiel die christliche Kunst. Was wäre Italien ohne Dante, Giotto, Petrarca, Michelangelo, Raffael, Pierluigi von Palestrina, Caravaggio, Scarlatti, Bernini oder Borromini? Der Papst nannte auch große Heilige wie Franz von Assisi, Katharina von Siena oder Don Giovanni Bosco, die nicht nur allgemein der Verkündigung des Evangeliums gedient hätten, sondern auch auf politischem, juristischem oder sozialem Gebiet spezifisch italienische Merkmale und Eigenheiten herausgebildet hätten. Den Beginn des päpstlichen Schreibens konnte man auch als Appell an das moderne Italien verstehen, die Wurzeln und Hauptstränge der eigenen Kultur wieder bewusster zu pflegen. Der Gegensatz zwischen dem Norden und Süden des Landes, der in der Los-von-Rom-Politik der Lega Nord ihren Ausdruck findet, trägt sehr materielle Züge. Da geht es vor allem um die Erwirtschaftung und Verteilung von Steuergeldern. Dagegen öffnete der Papst in seinem Brief wieder die Perspektive für einen kulturellen – und zutiefst christlich geprägten – Reichtum, der die Einheit Italiens beflügeln und festigen könnte, aber in der Alltagspolitik und im Lebensgefühl der Italiener heute kaum noch eine Rolle spielt.

    Benedikt XVI. ging dann auf den teilweise widersprüchlichen Charakter der nationalen Einigung ein. Ohne die Freimaurerei zu nennen, erwähnte er auf der einen Seite den kirchenfeindlichen Charakter des sogenannten Risorgimento, wies aber sogleich daraufhin, dass katholische Denker und Politiker von Anfang an den Prozess der nationalen Einigung mit getragen und befruchtet hätten. Später habe es den Konflikt zwischen Kirche und Staat um die „Römische Frage“ gegeben, der aber nie den sozialen Frieden gefährdet habe und schließlich mit jener „Versöhnung“ endete, deren baulicher Ausdruck heute die „Via della Conciliazione“ zwischen Tiber und Petersplatz ist. Es sei die zutiefst im Katholischen verwurzelte Kultur der Italiener gewesen, so Papst Benedikt, die den Konflikt um die „Römische Frage“ ausgehalten und den eigentlichen Grund für die nationale Einheit gelegt habe.

    Nach Faschismus und Zweitem Weltkrieg habe sich das darin ausgewirkt, dass sich die Katholiken aktiv am Aufbau der Republik beteiligt hätten. Der Papst nannte die Katholische Aktion, die junge Generation, die in der „Democrazia cristiana“ ihre politische Heimat fand, aber auch das Opfer, das etwas der katholische Politiker Aldo Moro in den Jahren des Terrors der Roten Brigaden erleiden musste. Mit anderen Worten: Die katholischen Kräfte, die die Vordenker des Risorgimento bekämpft haben, sind zu wahren Stützen der italienischen Einheit geworden. Der Brief des Papstes war keine diplomatische Formalität, sondern wie die von jenseits des Tibers ausgestreckte Hand, ausgestreckt gegenüber einem politischen Italien, das derzeit unter Parteiengezänk, mangelnder Einheit und einer guten Portion Sittenlosigkeit leidet.