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    Die Gabe der Unterscheidung

    Roman Smolorz ordnet die Rolle der Regensburger Domspatzen in der Zeit des Nationalsozialismus ein. Von Barbara Stühlmeyer

    Regensburger Dom im Nebel
    Dem Leser heute erschließt sich das schwierige Kapitel „Kirchengeschichte in der NS-Zeit“ nicht auf Anhieb. Die Regensbu... Foto: dpa

    Der weltberühmte Chor und das Musikinternat der Regensburger Domspatzen haben in den letzten Jahren in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Aufklärungsarbeit geleistet. Neben der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle gilt die Aufmerksamkeit dabei auch dem Wirken des Chores während der Zeit des Nationalsozialismus. Dieses anhand der Handlungsmuster der das Bistum, den Chor und den Domchorverein leitenden Personen zu untersuchen hat Roman Smolorz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Regensburg unternommen, dessen Forschungsschwerpunkt auf den Jahren von 1939 bis 1945 liegt.

    Seine Studie ist Teil einer Unternehmen, Behörden und Institutionen einschließenden Bewegung. Sie alle haben ein berechtigtes Interesse daran, zu untersuchen, zu verstehen und offenzulegen, welche Rolle ihr Betrieb, ihr Amt, ihr Chor oder ihr Verein in der Zeit des Nationalsozialismus spielte. So erschien beispielsweise 2014 die umfangreiche Arbeit von Johann Vergendo über die Rolle der Wiener Sängerknaben in dieser dunklen Epoche. Diese Edition nahm der Verein der Freunde des Regensburger Domchores zum Anlass, Roman Smolorz mit der Erforschung der Geschichte seines Chores in der Nazizeit zu beauftragen. Der Autor richtete sein Augenmerk dabei vor allem auf die je unterschiedlichen Interessen, Beweggründe und sozialen Verflechtungen der Handlungsträger, des Regensburger Bischofs, des Domkapellmeisters Theobald Schrems, der wechselnden Leiter des Vereins und der ebenso wechselnden Vertreter der Stadtverwaltung. Auch sie bildeten, wie wohl alle Mitglieder der NSDAP, keineswegs einen monolithischen Block, sondern verfolgten unterschiedliche Interessen und förderten oder hinderten das Wirken des Chores demgemäß nicht nach einem einheitlichen Muster. Und Smolorz beleuchtet auch die Rolle der Kinder und Eltern, die ja keineswegs machtlos waren, sondern durch ihr Tun oder Unterlassen eigene Akzente setzten und das Handeln der leitenden Persönlichkeiten so ebenfalls beeinflussten.

    Die Informationslage im Bundesarchiv, im Stadtarchiv Regensburg sowie in den kirchlichen Archiven der Diözese und des Vatikans war günstig und Smolorz konnte zudem zusätzlich Gespräche mit noch lebenden Chormitgliedern aus dieser Zeit führend. Was nach einer überwiegend schmerzlichen Spurensuche klingt, kommentiert der Autor in seinem Vorwort heiter: „Es steht zu hoffen, dass weitere traditionsreiche kulturelle Institutionen dem Beispiel der Domspatzen folgen und ihre Vergangenheit kritisch untersuchen lassen. Das Ergebnis ist dann meist wie beim Zahnarzt: Es tut gar nicht so weh, wie erwartet, und hinterher ist man sehr erleichtert.“ Mit diesem Wort legt der Autor zugleich den Ton für seine Studie fest. Er untersucht sachlich, verzichtet aber auf den erhobenen Zeigefinger ebenso wie auf die Leichtigkeit, mit der Nachgeborene aus sicherer Distanz über das Handeln von Menschen in konflikthaften Situationen zu urteilen pflegen. Stattdessen legt er offen, dass es gerade im Bereich der Kultur in der scheinbar so gründlich erforschten Zeit des Nationalsozialismus noch große Defizite gibt und die Lage bislang in vielen Teilgebieten noch eher von gut gepflegten Vorurteilen als von sachlicher Analyse geprägt ist. Doch man kann die Wiederholung alter Fehler nur dann vermeiden, wenn man genau versteht, warum sie gemacht wurden.

    In seiner Monografie beschreibt Smolorz deshalb zunächst den historischen Hintergrund und zeichnet die Situation der Kirche in Bayern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach. Nach dieser Grundlegung richtet er seinen Fokus auf den Domchor selbst und die Situation, in der die Sänger sich vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten befanden. Die aber war keineswegs einfach, denn nach dem ersten Weltkrieg musste der Chor mühsam neu aufgebaut werden. Zudem war die finanzielle Lage des Chores angespannt und es fehlte an Fördermitteln, um Freiplätze für begabte, aber mittellose Jungen anbieten zu können. Die Lösung für dieses Dilemma sahen 40 ehemalige Sänger in der Gründung eines Domchorvereines, den sie am 14. Juli 1925 gründeten und am 24. Oktober desselben Jahres registrieren ließen. Ihr Konzept war ebenso einfach wie nachvollziehbar. Es sah vor, dass der Chor über seinen Dienst in der Liturgie hinaus konzertierte und von den Einnahmen so die nötigen Investitionen tätigte.

    Smolorz macht deutlich, dass genau hier die Wurzel für jene Konflikte liegt, die das Wirken des Chores in der Zeit des Nationalsozialismus in einigen Bereichen kritikwürdig machten. Denn nachdem der Chor einmal zu einer erfolgreichen Marke geworden war, wollte kaum jemand mehr auf dessen erfolgreiches außerkirchliches Wirken verzichten. Der Domchorverein sah bei einem Verzicht auf bezahlte Konzerte zu Recht seine Einnahmen in Gefahr. Der Domkapellmeister arbeitete erfolgsorientiert und wollte sich nur ungern von den prestigeträchtigen Projekten innerhalb Deutschlands, aber auch im Ausland verabschieden und die Stadt reklamierte den Chor nun als „ihr“ Aushängeschild, von dem sie weitere erfolgreiche PR-Aktionen erwartete. Die aber bestanden darin, vor dem „Führer“ zu singen, sich von Josef Goebbels mitfinanzieren zu lassen und so Menschen einen Einfluss auf das Wirken des Chores einzuräumen, deren erstes Interesse nicht das Lob Gottes war.

    Bischof Michael Buchenberger überlegte in dieser konfliktbehafteten Situation, den Chor aufzulösen und einen neu zu gründenden Domchor so zu strukturieren, dass seine Ausrichtung eine rein liturgische war. Aber dem standen eben die deutlich formulierten Interessen der anderen Handlungsträger entgegen und der Bischof verzichtete auf diesen Schritt.

    Smolorz' Analyseprinzip legt die Konflikte, in denen die unterschiedlichen Handlungsträger sich befanden, nachvollziehbar und sachlich offen. Seine Methode, die Prinzipal-Agent-Theorie, geht von der Überzeugung aus, dass jeder Handelnde jeweils anderen Verantwortlichen verpflichtet ist und darüber hinaus eigene Interessen verfolgt. Sie strukturiert darzulegen hilft nicht nur, die unterschiedlichen Entscheidungen besser nachvollziehbar zu machen, sie wirft auch ein Licht auf jene Grauzonen, die bei jeder Quellenarbeit unvermeidlich entstehen und dann der Deutung durch den Forschenden bedürfen. Der Autor hat mit dieser Studie, in der er im Verlauf auch Vergleiche zu anderen, ähnlichen Institutionen, wie etwa dem Leipziger Thomanerchor, eine sorgsam erstellte Grundlagenarbeit vorgelegt, an die andere anknüpfen können und sollten.

    Roman Smolorz: Die Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus. Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat. Pustet Verlag, Regensburg 2017, 216 Seiten,

    ISBN 978-3-7917-2930-5, EUR 22,–

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