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    Die Frage

    Die „Heilige Weisheit“ spielt in der byzantinisch-orthodoxen Tradition von jeher eine große Rolle. Am sichtbarsten wird dies in der Tatsache, dass die Hagia Sophia in Konstantinopel über Jahrhunderte hinweg als kirchlicher Sakralbau eine Art Identifikationspunkt der orthodoxen Christenheit war. Auch nach der Umwandlung dieses einmaligen architektonischen Baus in eine Moschee und später in ein Museum – derzeit gibt es wieder Bestrebungen der Umwandlung in eine Moschee – galt sie den orthodoxen Christen als religiöser Mittelpunkt. Der Sitz des ökumenischen Patriarchen ist dementsprechend auch heute noch in Istanbul, am Ort der Hagia Sophia.

    Es antwortet Cornelius Roth. Er lehrt Liturgiewissenschaft und Spiritualität an der Theologischen Fakultät in Fulda. Foto: Privat

    Die „Heilige Weisheit“ spielt in der byzantinisch-orthodoxen Tradition von jeher eine große Rolle. Am sichtbarsten wird dies in der Tatsache, dass die Hagia Sophia in Konstantinopel über Jahrhunderte hinweg als kirchlicher Sakralbau eine Art Identifikationspunkt der orthodoxen Christenheit war. Auch nach der Umwandlung dieses einmaligen architektonischen Baus in eine Moschee und später in ein Museum – derzeit gibt es wieder Bestrebungen der Umwandlung in eine Moschee – galt sie den orthodoxen Christen als religiöser Mittelpunkt. Der Sitz des ökumenischen Patriarchen ist dementsprechend auch heute noch in Istanbul, am Ort der Hagia Sophia.

    Der Titel, der dahintersteht, nimmt zunächst einmal Bezug auf Gott selbst. Im alttestamentlichen Buch der Sprichwörter (Spr 1–9) wird die Weisheit – manche Exegeten sagen: nach dem Vorbild der ägyptischen Göttin Isis – als Person in der göttlichen Sphäre dargestellt, die den Menschen direkt anspricht und belehrt. Sie war schon am Anfang der Schöpfung zugegen, wird aber selbst als geschaffen bezeichnet: „Der Herr hat mich geschaffen als Anfang seines Weges, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde“ (Spr 8, 22f). Dabei hat die Weisheit auch einen Bezug zu den Menschen: „Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein“ (Spr 8, 31). Nach alttestamentlichem Verständnis liegt die Weisheit also gleichsam in Gott selbst verborgen und offenbart sich den Menschen.

    Das Neue Testament knüpft daran an, indem es in Jesus Christus, dem Sohn Gottes, das fleischgewordene Wort Gottes (Logos) – und damit die Weisheit in Person – sieht (vgl. Johannes 1). In Matthäus 11, 19 wird Jesus als personifizierte Weisheit betrachtet, wenn es im Zusammenhang der Frage um den Menschensohn heißt, dass die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen hat. Noch deutlicher betont Paulus, dass es Aufgabe der Christen ist, „Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Korinther 1, 24) zu verkünden. Gott hat Jesus Christus für uns zur Weisheit gemacht (1 Korinther 1, 30), „in ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen“ (Kolosser 2, 3). All diese Stellen machen verständlich, dass mit der Heiligen Weisheit (Hagia Sophia) in christlicher Tradition vor allem Jesus Christus gemeint ist. So haben es fast alle Kirchenväter im Osten und Westen gesehen (Justin, Origenes, Irenäus unter anderem) Und auch die Hagia Sophia ist als Sakralbau eine Christuskirche und hatte ursprünglich ihr Weihefest an Weihnachten.

    Daneben hat sich aber vor allem in der russischen Orthodoxie eine weitere Interpretation durchgesetzt. Die Weisheit wird dort in erster Linie mit Maria und der Kirche identifiziert. Marienkirchen sind in Russland meist Sophienkirchen. Die Weisheit, die von Gott als erstes erschaffen wurde, hat in Maria gleichsam ihren Sitz gefunden, weswegen sie auch als „Sitz der Weisheit“ bezeichnet wird. In ihr ist der geheimnisvolle Ratschluss Gottes in einem Menschen Person geworden, wobei man mit dem Begriff der Menschwerdung in diesem Zusammenhang vorsichtig sein muss, da er im eigentlichen theologischen Sinn nur Christus zukommt. Jedenfalls ist Maria als Mutter der Kirche und Sitz der Weisheit ein Motiv, das im Osten sehr häufig begegnet, während es in der westlichen Spiritualität nur wenig aufgenommen wurde (z.B. Augustinus, Hildegard von Bingen). Vor allem in der russischen Theologie unter den sogenannten „Sophiologen“ des 19. und 20. Jahrhunderts (Wladimir Solowjew, Pavel Florenskij, Sergej Bulgakow) hat dieses Motiv eine große Rolle gespielt. Da die östliche Theologie insgesamt marianischer und mystischer geprägt ist als die eher rational-vernünftig geprägte westliche Theologie (die zudem noch durch die Aufklärung hindurchgegangen ist), konnte sich das Bild von Maria als Sitz der Weisheit hier eher durchsetzen. Im Westen begegnet es allerdings auch, vor allem in der Kunst und der Liturgie.