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    Die Frage der Ökumene spaltet

    Fünf der 14 autokephalen orthodoxen Kirchen haben wenige Tage vor Beginn des Panorthodoxen Konzils ihren Rückzug erklärt.

    Die Frage der Ökumene spaltet
    _ Foto: Kathbild/Rupprecht

    Fünf der 14 autokephalen orthodoxen Kirchen haben wenige Tage vor Beginn des Panorthodoxen Konzils ihren Rückzug erklärt. Wie konnte es dazu kommen, nachdem alle Papiere seit Monaten feststehen und – mit einer Ausnahme – einvernehmlich beschlossen wurden?

    Am Mittwoch war noch nicht klar, ob vier oder fünf autokephale Kirchen nicht beim „Heiligen und Großen Konzil“ vertreten sein werden. Bulgarien ist grundsätzlich skeptisch. Moskau, Antiochien und Georgien plädieren für Verschiebung. Die Haltung Serbiens ist nicht ganz klar, immerhin ist einer der einflussreichsten serbischen Hierarchen, der montenegrinische Metropolit Amfilohije Radovic, seit Montag auf Kreta und nimmt Anteil an der Ausarbeitung des Entwurfs für die Botschaft des Konzils an die Welt von heute. Der Patriarch von Alexandrien, Theodoros II., hat am Dienstag zum Ausdruck gebracht, was viele Christen denken: „Es ist unmöglich, in letzter Minute nicht zum Konzil zu kommen, nachdem alle Oberhäupter der orthodoxen Kirchen bei der Synaxis am Beginn des Jahres einmütig für die Abhaltung und das Datum des Konzils gestimmt hatten.“ Er fügte hinzu, dass jene Hierarchen, deren Sorge den Rangfragen gelte, von ihren „reich verzierten Thronen“ aufstehen und Afrika besuchen sollten, „um die Bedeutung der armen und demütigen Kinder Christi zu verstehen“. Man muss dazu anmerken, dass das für ganz Afrika zuständige Patriarchat von Alexandrien in den letzten Jahrzehnten einen großen missionarischen Aufschwung genommen hat. In keinem anderen Teil der Welt gibt es so viele orthodoxe Neuchristen wie in Afrika. Freilich hatte sich schon seit Monaten abgezeichnet, dass es schwierig wird: Die Entwürfe der Konzilstexte waren öffentlich, es war auch zur Debatte über die Texte eingeladen worden. Und die Debatte kam auch in Gang. Sehr bald zeigte sich, dass die Bruchlinien nicht zwischen einzelnen Patriarchaten verlaufen, sondern quer durch alle orthodoxen Kirchen gehen, in den Ursprungsländern wie in der Diaspora. Dazu kam, dass die Entwürfe eine lange Geschichte haben, sie stammen im Grundkonzept aus den 1970er und 80er Jahren. Sie wurden zwar aktualisiert, aber sie spiegeln auch eine gesellschaftliche und spirituelle Großwetterlage, die sich mittlerweile dramatisch verändert hat.

    Moskau scheint ein unehrliches Spiel gespielt zu haben, indem die russische Orthodoxie zunächst andere Kirchen zu Erpressungen inspirierte und dann unter Hinweis auf die Uneinigkeit absagte.

    Persönlich plädiere ich immer dafür, die politischen Kategorien des alten und neuen Kalten Krieges nicht auf die Beschreibung kirchlicher Situationen anzuwenden, weil sie nicht passen. In der öffentlichen Debatte über die Entwürfe der Konzilstexte wurde klar, dass sich die Kritik auf das Dokument „Die Beziehungen der orthodoxen Kirche mit der übrigen christlichen Welt“ konzentrierte. Hier ging es um drei Punkte, wie es der zum Patriarchat von Konstantinopel gehörende Erzbischof Job Getcha formuliert hat: „1. Es gibt keine Notwendigkeit, die Einheit der Kirche wiederherzustellen. Der einzige Weg besteht darin, dass die Häretiker und Schismatiker durch Buße zur einzigen Kirche zurückkehren, das ist die orthodoxe Kirche. Das Gebet der Orthodoxen für die ,Einheit aller‘ wird als Gebet für jene interpretiert, die zur wahren Kirche zurückkehren sollen. 2. Es gibt keine Kirchen und keine christlichen Konfessionen außerhalb der orthodoxen Kirche, die die einzige wahre Kirche ist. 3. Daher gibt es auch keine ,christliche Welt‘ außerhalb der orthodoxen Kirche.“ Erzbischof Job fügte betrübt hinzu: „Die in den letzten Monaten in verschiedenen Teilen der orthodoxen Kirche getätigten provokanten Äußerungen zeigen leider nicht nur eine Ignoranz der Geschichte und der Entwicklung der ökumenischen Beziehungen und der bilateralen Dialoge im 20. Jahrhundert, sondern auch eine totale Unkenntnis von Geschichte, Theologie und Kirchenrecht.“ Die Kritik der Unzufriedenen richtete sich im übrigen in gleicher Weise gegen die Patriarchen Bartholomaios und Kyrill. In beiden Fällen waren auch die Begegnungen mit Papst Franziskus in Jerusalem beziehungsweise in Havanna Motiv scharfer Angriffe.

    Moskau und Belgrad kritisierten auch die Stellung und die Rolle des Ökumenischen Patriarchen. Wie beschädigt ist Bartholomaios jetzt in seiner Autorität?

    An sich steht in der Orthodoxie außer Zweifel, dass der Patriarch von Konstantinopel der „Protos“, der Erste, ist. Auffassungsunterschiede gibt es im Hinblick auf die Frage, welche Kompetenzen dem „Ersten“ zustehen und wie er sie ausübt. Bartholomaios I. ist es seit Beginn seiner Amtszeit gelungen, durch die Primatialversammlungen der Oberhäupter der autokephalen Kirchen seine Koordinationsfunktion zu stärken. Mit gestärkter Autorität konnte Bartholomaios auch die Regelung innerkirchlicher Konflikte in mehreren Fällen herbeiführen, so in Jerusalem, Bulgarien, Tschechien und Slowakei. Das Moskauer Patriarchat hat da immer mitgespielt. Es ist bemerkenswert, dass es auch jetzt in den offiziellen Äußerungen aus Moskau keine persönlichen Angriffe auf Bartholomaios gibt. Auch im Hinblick auf die Ablehnung der von Moskau vorgeschlagenen Krisensitzung wird nur „das Patriarchat von Konstantinopel“ genannt.

    Steht hinter dem russisch-orthodoxen Vorgehen ein innerorthodoxer Machtkampf, ein Moskauer Machtspiel auf Kosten des Ökumenischen Patriarchen?

    Zweifellos gibt es zwischen dem Zweiten Rom (Konstantinopel) und dem Dritten Rom (Moskau) Spannungen. Aber die eigentlichen Bruchlinien verlaufen anders, nämlich in der Haltung zum Ökumenismus, der für die Radikalkonservativen die „Grund- und Haupthäresie der Gegenwart“ darstellt. Diese Bruchlinien sind jetzt deutlich sichtbar geworden, sie müssen bearbeitet werden. Der Vorschlag des Bukarester Patriarchen Daniel Ciobotea, in regelmäßigen Abständen Panorthodoxe Synoden zu halten, ist in diesem Zusammenhang zu sehen.

    Was bedeuten die orthodoxen Lagerkämpfe für den katholisch-orthodoxen Dialog?

    Der katholisch-orthodoxe Dialog ist mitbetroffen. Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, hat mehr als einmal darauf verwiesen, dass so manche Schwierigkeit im katholisch-orthodoxen Dialog auch auf die mangelnde Einigkeit im orthodoxen Bereich zurückzuführen ist. Die Vorgänge der letzten Wochen und Tage im Hinblick auf das „Heilige und Große Konzil“ auf Kreta bedeuten für den katholisch-orthodoxen Dialog eine Belastungsprobe, wobei sich die katholische Seite zweifellos vor Besserwisserei hüten und für eine Haltung respektvoller Solidarität optieren wird. Ein Nebeneffekt besteht zweifellos darin, dass man das Thema Synodalität umfassender wird sehen müssen, als dies bisher geschehen ist. Die naive Vorstellung von Synodalität als Allheilmittel zur Lösung innerkirchlicher Probleme hält dem Test der Wirklichkeit nicht stand, wie sich jetzt anhand der Vorgänge um das „Heilige und Große Konzil“ der orthodoxen Kirche zeigt.