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    Die Fackel weiterreichen

    Herr Bürgermeister,

    Ein aufmerksamer Beobachter. Foto: dpa

    Herr Bürgermeister,

    sehr geehrte Vertreter des öffentlichen Lebens,

    verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,

    liebe Brüder und Schwestern der Erzdiözese Mailand!

    Ich möchte Euch alle, die Ihr hier so zahlreich zusammengekommen seid, sowie auch diejenigen, die dieses Ereignis im Radio oder Fernsehen verfolgen, herzlich begrüßen. Danke für Euren herzlichen Empfang! Ich danke dem Bürgermeister für die freundlichen Willkommensworte, die er im Namen der Stadt an mich gerichtet hat. Aufrichtig grüße ich den Vertreter der Regierung, den Präsidenten der Region, den Präsidenten der Provinz sowie die anderen Vertreter der bürgerlichen und militärischen Institutionen und bringe ihnen meine Wertschätzung für das Angebot der Zusammenarbeit während der verschiedenen Momente dieses Besuches zum Ausdruck. Danke auch Ihnen, Eminenz, für Ihren herzlichen Gruß.

    Ich freue mich sehr, heute in Eurer Mitte zu sein, und danke Gott, der mir die Gelegenheit schenkt, Eure berühmte Stadt zu besuchen. Meine erste Begegnung mit den Mailändern erfolgt hier auf dem Domplatz, dem Herzen Mailands, auf dem sich dieses großartige Monument und Symbol der Stadt erhebt. Mit seiner Unmenge von schlanken, spitz auslaufenden Türmchen lädt er uns dazu ein, nach oben, zu Gott zu schauen.

    Gerade dieses Streben zum Himmel hat Mailand immer ausgezeichnet und der Stadt im Laufe der Zeit erlaubt, fruchtbar auf seine Berufung zu antworten: eine Wegkreuzung – Mediolanum – von Völkern und Kulturen zu sein. So hat die Stadt den Stolz auf ihre Identität klug mit dem Vermögen zu verbinden gewusst, jeden positiven Beitrag anzunehmen, der ihr im Laufe der Geschichte angeboten wurde. Noch heute ist Mailand berufen, diese seine positive Rolle wiederzuentdecken, als Verkünder der Entwicklung und des Friedens für ganz Italien. Mein herzliches „Danke“ geht nochmals an Kardinal Angelo Scola, den Hirten dieser Diözese, für den Empfang und die Worte, die er im Namen der ganzen Diözesangemeinde an mich gerichtet hat; mit ihm grüße ich auch die Weihbischöfe sowie seine Vorgänger auf diesem herrlichen, alten Bischofssitz: Kardinal Dionigi Tettamanzi und Kardinal Carlo Maria Martini.

    Einen besonderen Gruß richte ich an die Vertreter der Familien aus aller Welt, die an diesem VII. Welttreffen teilnehmen. Voller Anteilnahme denke ich dann an diejenigen, die des Beistands und des Trostes bedürfen und von vielen Sorgen gequält werden: Menschen die einsam oder in Not sind, Arbeitslose, kranke Menschen, Gefängnisinsassen, alle, die keine Bleibe haben oder denen es am Notwendigen fehlt, um in Würde zu leben. Möge es niemandem dieser unserer Brüder und Schwestern an der solidarischen und beständigen Anteilnahme der Allgemeinheit fehlen. Was dies anbelangt, so freue mich, wie viel die Diözese Mailand getan hat und weiterhin tut, um auf konkrete Weise den Bedürfnissen der Familien zu begegnen, die von der Finanz- und Wirtschaftskrise am schlimmsten getroffen wurden, und dass sie sich gemeinsam mit der ganzen Kirche und der Zivilgesellschaft in Italien in Bewegung gesetzt hat, um nach dem Erdbeben in der Emilia Romagna der Bevölkerung beizustehen, die in unserem Herzen sowie in unseren Gebeten ist und für die ich nochmals zu großherziger Solidarität aufrufen möchte.

    Das VII. Weltfamilientreffen bietet mir die willkommene Gelegenheit, Eure Stadt zu besuchen und die engen und beständigen Beziehungen zu erneuern, die die Gemeinde von Mailand mit der Kirche von Rom und dem Nachfolger Petri verbinden. Der heilige Ambrosius stammte bekanntlich aus einer römischen Familie und hat seine Verbindung mit der Ewigen Stadt und mit der Kirche von Rom immer aufrecht erhalten, indem er den Primat des Bischofs, der ihr vorsteht, gezeigt und sich lobend darüber geäußert hat. In Petrus – so sagt er – ruht „die Kraft der Kirche ... und das höchste Amt der Leitung“ (Über die Jungfräulichkeit, 16, 105); weiter stammt von ihm die bekannte Erklärung: „Wo Petrus ist, da ist die Kirche“ (Explanatio Psalmi 40, 30, 5).

    Die seelsorgliche Klugheit und die Lehre des Ambrosius über den rechten Glauben und über das christliche Leben werden einen unauslöschlichen Eindruck in der gesamten Kirche hinterlassen und vor allem die Kirche in Mailand kennzeichnen, die niemals aufgehört hat, das Andenken an ihn zu pflegen und seinen Geist zu bewahren.

    Indem sie die Eigenschaften des Ambrosianischen Ritus und ihren eigenen Ausdruck des einen Glaubens bewahrt, ist die Kirche von Mailand aufgerufen, in Fülle die Katholizität der einen Kirche zu leben, sie zu bezeugen und zu ihrer Bereicherung beizutragen. Das tiefe kirchliche Gespür und die aufrichtige und herzliche Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri gehören in ihrem gesamten Verlauf zum Reichtum und zur Identität dieser Eurer Kirche und werden auf leuchtende Weise in den Gestalten der großen Hirten sichtbar, die sie geführt haben.

    Zunächst der heilige Karl Borromäus: Sohn Eurer Region. Er war, wie der Diener Gottes Paul VI. sagte, „ein Former der Gewissen und der Sitten des Volkes“ (Ansprache an die Mailänder, 18. März 1968); das geschah vor allem durch seine umfassende, hartnäckige und rigorose Umsetzung der tridentinischen Reform, durch das Errichten neuer Einrichtungen, angefangen bei den Seminaren, und durch seine grenzenlose seelsorgliche Fürsorge, die in einer tiefen Verbindung mit Gott wurzelte und von einem beispielhaft bescheidenen Leben begleitet wurde. Doch gemeinsam mit den heiligen Ambrosius und Karl Borromäus möchte ich weitere herausragende, uns zeitlich näher stehende Hirten in Erinnerung rufen, die durch ihr heiligmäßiges Leben und ihre Lehre die Kirche von Mailand bereichert haben: der selige Kardinal Andrea Carlo Ferrari, Apostel der Katechese und der Oratorien sowie Förderer der sozialen Erneuerung im christlichen Sinne; der selige Alfredo Ildefonso Schuster, der „Kardinal des Gebets“, ein unermüdlicher Hirte, der sich ganz für seine Gläubigen erschöpft hat. Außerdem möchte ich zwei Erzbischöfe von Mailand in Erinnerung rufen, die Päpste geworden sind: Achille Ratti, Papst Pius XI.; seiner Entschlossenheit ist der positive Abschluss der Römischen Frage und die Errichtung des Staates der Vatikanstadt zu verdanken; und der Diener Gottes Giovanni Battista Monti, Paul VI., ein guter und kluger Mann, der mit erfahrener Hand das Zweite Vatikanische Konzil zu leiten und zu einem glücklichen Ende zu führen wusste. In der Kirche von Mailand sind zudem einige geistliche Früchte gereift, die für unsere Zeit von besonderer Bedeutung sind. Unter allen möchte ich heute vor allem, gerade beim Gedanken an die Familien, an die heilige Gianna Beretta Molla erinnern, eine Ehefrau und Mutter, eine Frau, die im kirchlichen und gesellschaftlichen Bereich engagiert war, und die Schönheit und die Freude des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aufleuchten ließ.

    Liebe Freunde, Eure Geschichte ist äußerst reich an Kultur und Glauben. Dieser Reichtum hat die Kunst, die Musik, die Literatur, die Kultur, die Industrie, die Politik, den Sport und die Initiativen der Solidarität Mailands und der gesamten Erzdiözese durchzogen. Nun ist es an Euch, dass Ihr Euch als Erben einer ruhmreichen Vergangenheit und eines geistlichen Vermächtnisses von unschätzbarem Wert dafür einsetzt, den künftigen Generationen die Fackel einer so leuchtenden Tradition weiterzureichen. Ihr wisst, wie notwendig es ist, den Sauerteig des Evangeliums in das aktuelle kulturelle Umfeld einzubringen. Der Glaube an Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist und mitten unter uns lebt, muss das gesamte Gefüge des Lebens erfüllen, des persönlichen wie des gemeinschaftlichen, des privaten wie des öffentlichen, um ein stabiles und echtes „Wohlergehen“ zu ermöglichen, ausgehend von der Familie, die es als wichtigstes Gut der Menschheit wiederzuentdecken gilt, Faktor und Zeichen einer wahren und stabilen Kultur zum Wohl des Menschen.

    Die einzigartige Identität Mailands darf weder zur Isolation noch zur Spaltung führen, indem die Stadt sich in sich selbst verschließt. Im Gegenteil, indem sie den Lebenssaft ihrer Wurzeln und die charakteristischen Züge ihrer Geschichte bewahrt, ist sie berufen, mit Hoffnung auf die Zukunft zu blicken und auf enge und stimulierende Weise mit dem Geschehen in ganz Italien und in Europa verbunden zu bleiben. In der deutlichen Unterscheidung von Rollen und Absichten sind das Mailand, das auf positive Weise „weltlich“ ist, und das Mailand des Glaubens aufgerufen, zum Allgemeinwohl beizutragen.

    Liebe Brüder und Schwestern, danke nochmals für Euren Empfang! Ich vertraue Euch dem Schutz der Jungfrau Maria an, die von der höchsten Spitze des Domes Tag und Nacht mütterlich über diese Stadt wacht. Euch alle schließe ich in meine Arme und erteile Euch von Herzen meinen Segen. Danke!

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Claudia Reimüller