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    Die Erfüllung wird die Verheißung bei weitem übersteigen

    2 Sam 7, 1–5.8b–12.14a.16

    2 Sam 7, 1–5.8b–12.14a.16

    Röm 16, 25–27

    Lk 1, 26–38

    Ich bin durchaus kein Monarchist; dazu habe ich oft genug die Schrecken unkontrollierter und korrupter Alleinherrschaft kennengelernt, in der Politik (Diktaturen), an der Universität (Ordinarien) und bisweilen auch in der Kirche. Doch 2 Sam 7 und Lk 7 sind monarchisch gestimmt. König David, König Salomo und Jesus als der, dem Gott „den Thron seines Vaters David geben wird, der ewig über das Haus Jakobs herrschen wird und dessen Reich ohne Ende sein wird“, diese Könige treten vor uns. Und dabei fällt auf, wie wenig von dieser Verheißung des Engels an Maria bislang eingelöst ist. Insbesondere ist Jesus nicht König über das „Haus Jakobs“, nämlich Israel. Die Hauptsache steht daher noch aus, und das gilt generell für die Füllung des jüdischen Begriffs Messias oder Menschensohn durch Jesus. Doch Israel wartet weiter auf den Messiaskönig. Das geht zum Beispiel hervor aus der 14. Bitte des Achtzehn-Bitten-Gebets: „Erbarm dich, Herr unser Gott, mit deinem Reichtum an Erbarmen jetzt über Israel, dein Volk, und über deine Stadt Jerusalem und Sion, die Behausung deiner Herrlichkeit und deinen Tempel, deine Wohnung, und über das Königtum des Hauses Davids, deines richtigen Gesalbten! Gelobt seist du, Herr, Gott Davids, der du Jerusalem erbaust.“

    So werden wir anhand dieser Texte gewahr, dass Königtum in der jüdischen und christlichen Religion eine Sache schon fast mythischer Vergangenheit ist („König David“, „Salomos Thron und Pracht“) oder ein Thema der ähnlich rätselvollen und märchenhaften Hoffnungen. Das Thema ist sozusagen verteilt auf Vergangenheit und Zukunft.

    Dabei sticht geradezu ins Auge, dass 2 Sam 7, 14 über Davids Sohn (konkret: Salomo) sehr weitgehende Aussagen macht: „(Gott über Salomo zu David) Vater will ich ihm sein, und er soll mir Sohn sein. Doch werde ich ihm meine Huld nicht entziehen. Dein Haus und dein Königtum sollen immer vor mir bestehen; dein Thron soll für ewige Zeiten fest stehen.“ Die Sohnschaft wird freilich dahin zugespitzt, dass er, wenn er sich verfehlt, nach Menschenart mit Schlägen und Ruten gezüchtigt wird. Die Aussage über die Sohnschaft ist daher an dieser Stelle eher kritisch zu verstehen. Dass Salomo „Sohn Gottes“ ist, spielt besonders in der Weisheit Salomos (griech.-jüd. Schrift 1. Jh. v. Chr.) eine Rolle, die von dem Gerechten, der nach Salomos Richtschnur lebt, sagen kann, er sei Sohn Gottes (Kapitel 2 und 5).

    Doch in Lk 1 wird gerade 2 Sam 7, 14–16 positiv aufgenommen: Jesus wird Gottes Sohn sein, er ist aus dem Geschlechte Davids, er wird auf Davids Thron sitzen und in Ewigkeit regieren. Und das heißt: Was Nathan zu David über den historischen Sohn Davids, Salomon, sagt, wird erst recht und im Vollsinn des Wortes in Erfüllung gehen, wenn der endzeitliche neue Sohn Davids, der Messias, erscheint. Und diese Erfüllung wird die Verheißung bei weitem übersteigen. Doch so ist es immer, wenn Gott messianisch handelt. Gott ist dann in der Fülle seiner Zuwendung zu den Menschen „gar nicht zu bremsen“. Denn Jesus ist „Sohn Gottes“ nicht, weil er für Vergehen gezüchtigt wird, sondern weil Gott Mensch wird und in Jesus unter den Menschen wohnt.

    Die Aktualität dieser Texte sehe ich durchaus auf der politischen Ebene. Als noch die Bischöfe Könige salbten, konnten sie die Könige daran erinnern, dass es einen König der Könige und einen Herrn der Herren gibt. Sie hatten jedenfalls grundsätzlich die Chance, eine kritische Instanz gegenüber den Königen der Erde zu sein. Heute wagt das kaum noch ein Bischof, was seinerzeit bei jeder Installation eines irdischen Königs laut gesagt wurde. Damit entstand vor allem in den Segensgebeten das Bild eines christlichen Königs: „Christus unser Gott, du Sonne, die am Himmel aufgeht, du König der Könige und Herr der Herren, du Krone der Gläubigen, du Segnung der Priester, du regierst die Völker, du erhöhst die Könige, du blickst auf die Niedrigen und machst die Armen reich, du schützt die Wahrhaftigen, segne diesen allergütigsten König mit seinem ganzen Volk, so wie du Abraham gesegnet hast in seiner Nachkommenschaft, Isaak bei seinem Opfer und Jakob beim Weiden seines Volkes. Gib ihm Segen aus dem Tau des Himmels, Fruchtbarkeit aus dem Saft der Erde, Triumph über die Feinde und aus seinen Lenden Nachwuchs, der regieren kann. So möge, wenn das königliche Geschlecht erhalten bleibt, die Liebe im Volk [zum König] nicht vergehen und dauerhafter Friede sein im Reich. Das gewähre ihm, der du im universalen himmlischen Reich über den Cherubim thronst, der du die Reiche regierst und herrschst in Ewigkeit.“ Die Schönheit dieses Gebets besteht darin, dass es von den Bildern der Bibel inklusive Magnificat (Umkehrung der Machtverhältnisse!) lebt. Wie gesagt, man muss nicht Monarchist sein, um die bleibende Wahrheit dieser Gebete zu entdecken. Diese besteht darin, dass jede Macht so oder so von Gott gegeben ist, aber nicht selbst göttlich ist, sondern eine in Verantwortung zu bewahrende „Kreatur“.

    Das wird gerade bei der liturgischen Salbung der Könige deutlich. Bei der Salbung eines Königs durch den Bischof betet der Bischof: „Es sollen gesalbt sein diese Hände mit heiligem Öl, mit dem die Propheten und Könige gesalbt wurden, so wie Samuel David zum König salbte, auf dass du gesegnet seiest und zum König bestellt in diesem Reich, das dir der Herr, dein Gott gegeben hat über dieses Volk, damit du es regierst und lenkst“. Demnächst einmal werden wir solche Gebete wieder bei der Salbung des britischen Thronfolgers durch den zuständigen Erzbischof von Canterbury hören und entsprechend bewegt sein. Unter den deutschen Dichtern hat keiner so eindringlich das Bild des christlichen Herrschers beschworen wie Reinhold Schneider – und dieses als Gegenbild zur Tyrannei der Hitlerzeit. Und weil die Versuchung zur Tyrannei in jeder Generation zumindest schlummert, hat sein Bild des christlichen Herrschers zeitlose Gültigkeit. Es ist der Herrscher, der vor dem einzigen das Knie beugt, der jede Macht verleiht und überlebt. So ist Demut eine königliche Tugend geworden.

    Aber auch für das oben schon angesprochene Thema der Macht in der Kirche haben diese Texte über Gottes Sohn Bedeutung. Denn dass Jesus Messias und König auf dem Thron Davids ist, stimmt nur, wenn man es von der Zukunft her sieht. Genauso ist es mit dem christlichen Amt. Jedes apostolische Amt gewinnt seine Bedeutung vom zukünftigen Amt der zwölf Apostel im himmlischen Jerusalem her. Von ihm gewinnt es Bedeutung als Abbild in der Zeit. Im himmlischen Jerusalem werden die Zwölf Fundament sein, und das ist etwas anderes als Herrschen. Jesus sagt entsprechend: Wer der Erste sein will, muss dienen.

    Der Tod ist nicht das Letzte, sondern die Freiheit vom Tod

    Dabei ist das künftige Erster-Sein keine Belohnung für das Dienen jetzt, sondern entsprechend dem Unterschied der Zeiten die notwendige Kehrseite. Und entsprechend sieht es Clemens von Alexandrien: Das Amt wird überhaupt nur dann verständlich, wenn man es begreift als Abbild engelgleicher Vollmacht. Die kirchlichen Ämter sind Abbilder der Herrlichkeit der Engel und der eschatologischen Heilsordnung (Stromateis 6, 107; 7, 3). Zu keinem Zeitpunkt „herrschen Menschen über Menschen“. Sondern die Rolle des Dienens ist Wahrnehmung einer königlichen Funktion. Wer jetzt dient, ist schon König. Denn auch Jesus ist schon Sohn Gottes, König Israels und Menschensohn – auch und gerade in der Rolle des Leidens und der Niedrigkeit. Es ist wie bei den Herrschern: Demut ist eine königliche Tugend. Denn sie hat das Königliche schon jetzt, vollzogen als die eigentümliche Würde der Freiheit. Auch die drei Könige, wie die Kunstgeschichte sie denkt, sind schon Könige, und zwar gerade deshalb, weil sie dem König der Könige huldigen können. Wer das nicht kann, ist ein Großmaul und kein richtiger König.

    Noch einmal: Die wahren Könige schielen nicht nach künftiger Macht als Belohnung für gegenwärtige Demut. Sie sind nicht aus Berechnung demütig. Sondern sie „sind so frei“, dass sie sich nicht danach sehnen, Tyrannen zu werden. König sein heißt frei sein. Wer immer die Distanz zur Macht hat, der hat Anteil am einzigartigen Königtum des Sohnes Gottes. Denn er wird nicht von der Sucht nach Macht beherrscht, und genau das ist der christliche Beitrag zur Politik.

    Deswegen ist der Tod nicht das Letzte, sondern die Freiheit vom Tod. In meiner Heimatstadt Goslar gibt es in der romanischen Klauskapelle ein frühgotisches Kreuz. Die Bergleute beteten hier, bevor sie in den Berg einfuhren (und öfter nicht wiederkamen). Der Gekreuzigte blickt nicht nach unten, sondern nach oben. Er ist als König gekreuzigt, und als König darf er das Haupt erheben. Er hängt dort erhobenen Hauptes. Denn er ist frei – wie alle, die ihm nachfolgen. Klaus Berger