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    Die Ehe ist eine Berufung

    Wenn in der Kirche von Berufung die Rede ist, denken die meisten spontan an die Berufung zum Priestertum und Ordensleben. Doch nicht nur, wer sich auf den Weg zum Leben im Orden oder auf den Weg zur Priesterweihe macht, folgt einer Berufung: auch die Ehe, die dauerhafte Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau, in der sich zwei Menschen gegenseitig schenken und annehmen, in den Wechselfällen des Lebens das Wohl des/der Anderen suchen, offen sind für die Zeugung neuen Lebens und sich zugleich ihren Mitmenschen nicht verschließen, ist Berufung. Sie ist Antwort auf einen Anruf Gottes, Entscheidung im Angesicht Gottes und im Vertrauen auf seine Hilfe.

    „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“: Die Ehe als Sakrament zu leben ist zugleich Geschenk und Herausforderung. Foto: dpa

    Wenn in der Kirche von Berufung die Rede ist, denken die meisten spontan an die Berufung zum Priestertum und Ordensleben. Doch nicht nur, wer sich auf den Weg zum Leben im Orden oder auf den Weg zur Priesterweihe macht, folgt einer Berufung: auch die Ehe, die dauerhafte Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau, in der sich zwei Menschen gegenseitig schenken und annehmen, in den Wechselfällen des Lebens das Wohl des/der Anderen suchen, offen sind für die Zeugung neuen Lebens und sich zugleich ihren Mitmenschen nicht verschließen, ist Berufung. Sie ist Antwort auf einen Anruf Gottes, Entscheidung im Angesicht Gottes und im Vertrauen auf seine Hilfe.

    Gott hat – wie es im feierlichen Segen bei der Trauung heißt – den Menschen als Mann und Frau geschaffen, „und ihre Gemeinschaft gesegnet“. Er hat sie berufen, einander Partner zu sein und in der Weitergabe des Lebens an seinem Schöpfungswerk mitzuwirken. Schon das Alte Testament bedient sich des Bildes der Ehe, wenn es den Bund zwischen Gott und seinen Volk zum Ausdruck bringen will. Diese symbolische Verknüpfung birgt zugleich einen Anspruch in sich: Wie Gott in allen Wechselfällen in Treue zu seinen Volk steht, so sind auch die Ehepartner eingeladen, einander treu zu bleiben und zueinander zu stehen, was immer das gemeinsame Leben mit sich bringt. In den neutestamentlichen Schriften steht die Ehe darüber hinaus als Symbol für die Einheit zwischen Christus und der Kirche. Sie wird damit zum Sakrament, zum Zeichen der Gegenwart Gottes unter den Menschen, oder, um noch einmal mit dem feierlichen Trauungssegen zu sprechen: „Wo Mann und Frau in Liebe zueinander stehen und füreinander sorgen, einander ertragen und verzeihen, wird deine (Gottes) Treue zu uns sichtbar.“

    Die Ehe als Sakrament zu leben ist zugleich Geschenk und Herausforderung: Herausforderung, sich dem hohen Anspruch zu stellen, den die Kirche mit dem Ehesakrament verbindet; Geschenk, weil mit dem Sakrament der Ehe auch die Zusage des göttlichen Beistandes verbunden ist. So sagt das Zweite Vatikanische Konzil „Deswegen werden die christlichen Eheleute für die Pflichten und die Würde ihres Standes durch ein besonders Sakrament gestärkt und gleichsam geweiht“ (Gaudium et spes, 48). Sich für die Berufung zur Ehe zu entscheiden heißt daher auch, sich der tiefen Bedeutung bewusst zu werden, die diese Entscheidung beinhaltet, und sie nicht leichtfertig zu treffen. Einerseits will diese Entscheidung miteinander und vor Gott abgewogen werden, im Vertrauen darauf, dass Gott, der zwei Menschen zur Ehe beruft, ihnen auch dabei hilft, die Versprechen zu leben, die sie einander geben. Andererseits ist es Aufgabe der Gemeinde und der Kirche, den jungen Menschen, die auf die Ehe zugehen, dabei zu helfen, wenigstens anfanghaft zu verstehen, was es bedeutet, eine christliche Ehe zu führen. Dies wird umso wichtiger, je mehr der gesellschaftliche Trend sich gegen die dauerhafte Ehe zwischen Mann und Frau stellt und je weniger Modelle gelungener, lebenslanger Partnerschaft die Jugendlichen in ihrem eigenen Umfeld erleben. Genauso wichtig ist eine entsprechende Begleitung der Ehepaare. Gewöhnlich wird zwischen einer langfristigen und der unmittelbaren Vorbereitung auf die Ehe unterschieden: Die langfristige Vorbereitung besteht darin, dass schon die Kinder und Jugendlichen durch das gelebte Beispiel und die Verkündigung lernen, was Ehe ist und bedeutet; die unmittelbare Vorbereitung setzt dann ein, wenn ein konkretes Brautpaar sich auf den Weg zur Eheschließung macht. Leider gibt es heute in diesem Bereich weitgehende Defizite zu beklagen.

    Der Autor ist Professor für Grundfragen und Geschichte des Kirchenrechts an der Universität der Salesianer in Rom