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    Die Bibel als Schule des Sehens

    Geschichten aus dem Alten Testament in Wort und Bild – Ein Lesebuch für die Familie. Von Maria Pelz

    Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Dieses Sprichwort wird im Zeitalter der Fotos, Videos und Selfies täglich durch das Verhalten der Menschen, vor allem der Jüngeren, millionenfach bestätigt. Soziologen haben den „iconic turn“ beschrieben, der analog zum „linguistic turn“ diesmal eine Umorientierung vom Text zum Bild markiert. Alltäglich wird das in der Beobachtung, dass Jugendliche sich viel mehr an Bildern als an Texten orientieren. Man mag das begrüßen oder bedauern, als Teil der Realität wird man es anerkennen müssen. Eine Religionspädagogik, die sich bemüht, vom Sehen der Wirklichkeit zum Urteilen und Handeln zu kommen, tut gut daran, in den Gewohnheiten der Kinder und Jugendlichen ihre Sehnsüchte zu erkennen und entsprechend darauf einzugehen.

    Dringend wird diese Notwendigkeit auch aus dem Grund, dass die Gemüter unserer Kinder und Jugendlichen mit einer Fülle von eigentlich unzumutbaren Bildern und Filmen zugemüllt werden. Viel zu oft ist eine Vorherrschaft des Banalen, Taktlosen, Wertlosen, Hässlichen und Verwerflichen zu konstatieren, die ihre Spuren in den Seelen der jungen Menschen hinterlässt.

    Suzanne Lier hat einen Gegenentwurf gewagt und ein Buch gestaltet, das eine Vielzahl kostbarer und wunderschöner Bilder präsentiert, die die Geschichten von Königen, Richtern und Propheten aus dem Alten Testament begleiten. Die Schönheit der Zeugnisse aus etwa 3 000 Jahren Kunst und Kultur steht den Texten aus den alttestamentlichen Büchern Josua, Richter, den Samuel- und den Königsbüchern zur Seite, kommentiert und interpretiert sie. Die hervorragenden Farbdrucke werden zu einer einladenden Schule des Sehens und Betrachtens. Diese intensiviert die Autorin durch mehrere Kunstgriffe. Einerseits durch ihre Bildkommentare, die den Leser direkt ansprechen und mit deren Hilfe sie den zeitlichen Abstand zwischen der Entstehung der Kunstwerke und den heutigen Betrachtern überbrückt. Andererseits dadurch, dass auf den Abdruck eines Werkes auf der nächsten Seite häufig ein vergrößertes Detail folgt, das den Blick auf einige Einzelheiten des Bildes lenkt. Als „Bonbon“ folgen dann einige Bilderrätsel, für deren Beantwortung man noch einmal ganz genau in die Bilder schauen muss, und die am Ende des Buches aufgelöst werden.

    Die Fotos zeigen Werke der Malerei, Glasmalerei, Radierungen, Fresken und Gobelins, aber auch Reliefs und Skulpturen und sogar einen medischen Obelisken aus dem neunten Jahrhundert vor Christus. Künstler wie Chagall, Segantini, Raffaelo, Munch, Rodin, Klee, Michelangelo, Cranach, Barlach, Tintoretto, Vasari und viele mehr sind in bunter Folge vertreten. Eine erstaunlich umfassende Kenntnis der Kunstgeschichte wird in den Kommentaren deutlich.

    In einer erfrischenden und klaren, sehr verständlichen Sprache, ohne dabei salopp oder anbiedernd zu wirken, erzählt die Verfasserin die Handlung der Bücher nach, manchmal zusammenfassend, manchmal genau. Dabei zeigt sich die Vielseitigkeit der Autorin, die sich einerseits an Kinder und andererseits an Erwachsene wendet. Den Kindern erzählt sie Geschichten und zeigt sie Bilder, die sie ihnen mit kurzen Kommentaren entschlüsselt. Die herrlichen Geschichten, beispielsweise die Posaunen von Jericho, Simson tötet einen Drachen, David musiziert für Saul, das salomonische Urteil, das Exil, sind oft bekannt, aber sicher immer öfter auch unbekannt und für Kinder sehr spannend.

    Für die Erwachsenen gibt es Exkurse und Hinweise auf wichtige Themen der alttestamentlichen Forschung, die auf der Höhe der Zeit sind und dem interessierten Laien Wesentliches in verständlicher Form nahebringen. So beschäftigt sich ein Exkurs mit der Frage nach der „richtigen“ Übersetzung des Gottesnamen JHWH, ein anderer, sehr grundsätzlicher, mit der Frage nach der Gewalt im Ersten Testament, sicherlich einem sehr heißen Eisen, das in erstaunlicher Differenziertheit behandelt wird und bei dem es sich herausstellt, dass Pauschalvorwürfe an die jüdische Schrift in der Sache unzutreffend sind. Vielmehr zeigt sich schon das Alte Testament unter anderem auch als Aufruf zu Feindesliebe und Barmherzigkeit. Ein eigener kenntnisreicher Exkurs beschäftigt sich mit dem Entstehen des Monotheismus und den religionsgeschichtlichen Wurzeln unseres Gottesbildes. Hier hätte man sich noch eine grundsätzliche, eher systematische Überlegung zum Verhältnis von Religionsgeschichte und Offenbarungsglauben gewünscht. Auch mit der Judenfeindlichkeit zur Zeit der Kreuzzüge setzt sich die Verfasserin auseinander und betont, dass bei einer größeren Wertschätzung des Alten Testamentes eine so antisemitische Haltung undenkbar gewesen wäre.

    Der Verfasserin ist es wichtig, dass das Alte Testament dem Neuen nicht unterlegen ist, vielmehr aus sich selbst heraus bestehen kann und nicht im Schema „Verheißung-Erfüllung“ aufgeht. Sie liest das Erste Testament als ein Ringen um das Verhältnis von Gott und Menschen, als die Frage nach dem Wesen Gottes, als „eine Vielzahl unterschiedlichster Perspektiven zum großen Thema Gott und Mensch“, und es ist ihr wichtig, auch verschiedenartige Wesenszüge des Gottes, der da geschildert wird, nebeneinander stehen zu lassen und nicht zwanghaft alles harmonisieren zu müssen.

    Ein informativer Anhang lädt zum eigenen Weiterforschen ein. Besonders hervorzuheben ist hier der Vorschlag, Städtereisen mit Kindern auf den Spuren des Alten Testaments zu machen. Zur Vorbereitung hat die Autorin die Werke, geordnet nach Museen und Kirchen in den einzelnen Städten, aufgelistet.

    Unverkrampft, modern, erfrischend und vielseitig, so präsentiert sich das vorliegende Werk, das mittlere von drei Bänden für das Alte Testament, von denen das letzte noch aussteht, und die ergänzt werden sollen durch eines für das Neue Testament. Man darf gespannt sein und voller Vorfreude, was die Verfasserin, studierte Philosophin, Anglistin und Pädagogin, zudem Hörerin zahlreicher theologischer und kunsthistorischer Vorlesungen und Mutter von fünf Kindern, in den beiden folgenden Werken zusammentragen und erzählen wird. Der hervorragend gestalteten Bildband, herausgegeben im eigens für dieses Projekt gegründeten Verlag, eignet sich für Familien, Schulen und Gemeinden. Vor allem kann er Eltern und Großeltern zu intensiv verbrachter Zeit mit ihren Kindern und Enkelkindern helfen. Dabei sind Überraschungen, Spaß und Unterhaltung garantiert, und zwar für alle Beteiligten.

    Suzanne Lier: Reise durch das Alte Testament. Geschichten von Königen, Richtern und Propheten. Ein Lesebuch für die Familie mit Bildern der Kunst. Verlag Bibel und Kunst, Rhöndorf 2017, 432 Seiten, 232 farbige Abbildungen, EUR 34,90

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