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    Diaspora in der Diaspora

    Die Länder Nordeuropas mit ihren Naturschönheiten sind vielen aus dem Urlaub bekannt. Auf ihrer diesjährigen Herbsttagung im westfälischen Paderborn berichteten die sechs katholischen Bischöfe dieser Länder von einem erstaunlichen Wachstum der Katholiken in den letzten Jahren. Die Kirche sei heute multinational und jung, stellte der Vorsitzende der Nordischen Bischofskonferenz (NBK), Bischof Anders Arborelius OCD, aus Schweden, fest.

    V.l.n.r.: Bernt Eidsvig, Bischof von Oslo, Norwegen; Czeslaw Kozon, Bischof von Kopenhagen, Dänemark; Teemu Sippo, Bisch... Foto: KNA

    Die Länder Nordeuropas mit ihren Naturschönheiten sind vielen aus dem Urlaub bekannt. Auf ihrer diesjährigen Herbsttagung im westfälischen Paderborn berichteten die sechs katholischen Bischöfe dieser Länder von einem erstaunlichen Wachstum der Katholiken in den letzten Jahren. Die Kirche sei heute multinational und jung, stellte der Vorsitzende der Nordischen Bischofskonferenz (NBK), Bischof Anders Arborelius OCD, aus Schweden, fest.

    Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark, Island, die Faröer-Inseln, Spitzbergen und Grönland gelten gemeinhin als protestantische Länder. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, in Schweden sogar bis Mitte des 20. Jahrhunderts, war Katholisch-Sein dort verboten. Doch langsam aber sicher holen die Katholiken auf, berichten die Bischöfe. Pessimistisch geschätzt, gibt es heute mindestens 430 000 katholische Christen in den Ländern des Nordens, zwischen 0, 5 und drei Prozent der Bevölkerung der jeweiligen Nationen.

    Woher kommt das Wachstum der katholischen Christenheit in den Nordländern? Die Bischöfe führen dafür drei Gründe an: Einwanderung, Konversionen und viele Taufen. Einwanderung durch Arbeitsmigranten und Flüchtlinge ist wohl der wichtigste Faktor. Allein 100 000 katholische Polen kamen in den letzten 20 Jahren nach Nordeuropa, um dort ihr Brot zu verdienen. 20 000 chaldäisch-katholische Christen flohen aus dem Irak und fanden vor allen Dingen in Schweden Aufnahme. Aber auch aus Kroatien, Vietnam oder spanisch sprechenden Ländern drängte es Menschen aus wirtschaftlichen Gründen in den kühlen Norden. Katholische Skandinavier sind durch diese Entwicklung allerdings zur Minderheit in ihrer Minderheiten-Kirche, zur Diaspora in der Diaspora, geworden.

    Als zweiter Wachstumsfaktor gelten die Konvertiten. Die lutherischen Staatskirchen Skandinaviens hinterließen ein ethisches und geistliches Vakuum. Allein in Schweden verließen in den letzten 20 Jahren etwa 30 Prozent der Bevölkerung die Staatskirche, seitdem nicht mehr jeder Schwede zwangsweise Mitglied sein muss. Für die Suchenden und Heimatlosen aus den ehemaligen Staatskirchen bieten sich nun die katholische Kirche und freikirchliche Gemeinschaften an.

    Bischof Anders Arborelius, erster Schwede auf dem Bischofsstuhl in Stockholm seit der Reformation, ist ein typischer Vertreter für die Generation der Konvertierten. Mit 20 Jahren trat er als gläubiger lutherischer Christ zum katholischen Glauben über. Der Orden der Birgittenschwestern beeindruckte ihn; in einem Konvertitenkurs wurde er von der „Wahrheit des (katholischen) Glaubens“ überzeugt. Daher gab es für Arborelius „nur eine Möglichkeit“, nämlich katholisch zu werden. Fasziniert von der Autobiografie der heiligen Therese von Lisieux, trat er zwei Jahre später in den Karmeliterorden ein und erhielt dort über 27 Jahre eine kontemplative Spiritualität, die heute in Skandinavien Anklang findet.

    In den letzten Jahrzehnten entstanden viele kontemplative Klöster in Nordeuropa, wie die Bischöfe berichteten. Die neuen Klöster der Zisterzienser, Trappisten, Birgittenschwestern, Benediktiner, Klarissen und Karmeliter sind zu Anlaufstellen für Andersgläubige geworden. Mönche aus aller Welt ließen sich nach Skandinavien rufen, um dort ein klösterliches Leben wieder zu beleben. Heute erfahren auch viele Skandinavierinnen einen Ruf in das Ordensleben. Mit Unterstützung des Bonifatiuswerkes konnten einige größere Klosterneubauten in Schweden und Norwegen eingeweiht werden, berichtete der Generalsekretär des Werkes Monsignore Georg Austen.

    Dass solche Gemeinschaften den Weg zu einer Neu-Evangelisation der Bevölkerung ebnen können, ist seit langem auch aus Deutschland bekannt, wo im frühen Mittelalter irische, schottische und englische Mönche – unter ihnen auch der Apostel der Deutschen, der hl. Bonifatius – die Grundlagen einer christlichen Kirche legten. Voller Hoffnung berieten daher die Bischöfe auch im Hinblick auf das Thema der Bischofssynode in Rom 2012, welche Anregungen der Weltkirche auf Grund der besonderen Situation einer säkularisierten Gesellschaft wie in Skandinavien gegeben werden können.

    Vom dritten Faktor des Wachstums, viele Taufen, erzählte der isländische Bischof, Peter Bürcher. Heute gibt es auf Island jährlich sechs Mal so viele Taufe wie Beerdigungen. Davon konnte keiner ausgehen, als dort erst im Jahr 1923 eine Apostolische Präfektur errichtet wurde. 1932 gab es 218 Katholiken und vier Priester; heute hat sich die Zahl der katholischen Christen um das fast 50-Fache, auf 9650 gesteigert. Sollte das Wachstum in diesem Tempo weitergehen, würden am Ende des 21. Jahrhunderts alle Isländer (wieder) katholisch sein.

    Die Geschichte der Kirche begann auf Island vor etwa 1000 Jahren. Durch die Reformation wurde allerdings alles katholische Leben auf der Insel der Gletscher, Geysire und Vulkane ausgelöscht. Zwei katholische Priester der „Nordpol-Mission“ (1855–1869) machten sich 300 Jahre später wieder nach Island auf und mussten bald ihr Unternehmen abbrechen. Doch, wie man heute sieht, konnte Gott mit diesem Unternehmen dennoch etwas anfangen. Heute stehen in Skandinavien an den Stellen, wo einst die Pioniere die ersten Kapellen bauten, veritable Kirchen und haben sich Bistümer entwickelt.

    Ohne die Hilfe des Bonifatius-Werkes der deutschen Katholiken hätte vieles davon nicht geschehen können. Seit Jahrzehnten unterstützt die deutsche Kirche den Aufbau im Norden finanziell und personell. „Wir kommen als Pilger der Dankbarkeit hier in das Jerusalem des Nordens“, bekannte Bischof Anders Arborelius als Vorsitzender der NBK. Gern gehörte Worte für Monsignore Georg Austen, der in Erinnerung rief, dass im letzten Jahr 2, 1 Millionen Euro in Bauprojekte und Jugendarbeit geflossen sind. Mit weiteren 5, 6 Millionen Euro unterstützten deutsche Priester mit einem Gehaltsverzicht von einem Prozent ihre Amtsbrüder im Norden, da deren Gehalt oft nur knapp über dem Existenzminimum liegt.

    Fragen entstehen, warum katholische Christen in einer der reichsten Gegenden der Welt noch immer Unterstützung und Subventionen aus anderen Ländern brauchen. Anders als bei den Freikirchen des Nordens, erklärt Bischof Arborelius, sei es Katholiken schwer beizubringen, etwa den biblisch geforderten „Zehnten“ (10 Prozent des Nettoeinkommens) für die Kirche zu bezahlen. Die lange Zeit, wo der Staat alle Ausgaben der Kirche für Gebäude und Personal bezahlt habe, wirke nach. Außerdem gehörten viele der katholischen Flüchtlinge zur ärmsten Schicht in Skandinavien.

    Andererseits profitiert die deutsche Seite auch vom Engagement im Norden. Die Bischöfe der nordischen Länder strahlen Zuversicht aus. Das hierzulande oft aus katholischem Mund gehörte Wort „Reform“ oder „Dialog“ ist bei den Skandinaviern nicht zu vernehmen. Die Nordländer sind mit anderen Problemen als mit der Priesterehe oder der Frauenordination beschäftigt. Evangelisation, Ökumene und der Bau eines neuen Domes in Trondheim standen auf der Tagesordnung der NBK.

    Der Osloer Bischof Bernt Eidsvig berichtet von den Bauplänen einer neuen Kathedrale am alten Wallfahrtsort Skandinaviens in Trondheim, wo der heiligen König Olaf verehrt wird, der 1014 getauft wurde. Da der Nidaros-Dom seit der Reformation lutherisch ist und das Grab des heiligen Olaf einbetoniert wurde, wie Eidsvig berichtete, soll nun gegenüber der alten Holzkirche ein katholischer Dom gebaut werden. 9, 5 Millionen Euro sind bisher eingeplant, wofür die deutschen Bistümer wieder um Hilfe gebeten werden. Zum 1000-jährigen Taufjubiläum des heiligen Olaf im Jahr 2014 hofft Bischof Eidsvig zumindest auf die Feier der Grundsteinlegung.

    Frei von Problemen sind die Kirchen des Nordens nicht. Bischof Eidsvig musste im letzten Jahr die apostolische Administration des Bischofsstuhles von Trondheim übernehmen, weil der seit 1997 residierende deutsche Geistliche Georg Müller zurücktrat. Er stand im Verdacht, einen Messdiener missbraucht zu haben. So lastet derzeit die Verantwortung für zwei Bistümer auf dem Osloer Bischof, der im weitläufigen Norwegen große Strecken zurücklegen muss. Gegenüber traditionellen Strömungen gibt sich Eidsvig reserviert. Gegen ein Wirken der Personalprälatur des Opus Dei in seinem Bistum hat er sich ebenso ausgesprochen wie gegen die Aufnahme von Seminaristen, die Vorlieben für die traditionelle Liturgie von 1962 erkennen lassen, wie in einem neuen Buch des Bonifatius-Werkes über norwegische „Aufbrüche einer Diasporakirche“ zu lesen ist.

    Herausforderungen warten in der Diaspora des Nordens in vielfältiger Weise auf Christen und Bischöfe, wobei diese das Wort „Diaspora“ gar nicht selbst benutzen mögen. Das Leben in der Minderheitssituation sei für sie weitgehend normal. Die weiten Entfernungen und das im Winter unwirtliche Wetter bleiben dauerhafte Probleme. Neu ist ein verändertes ökumenisches Umfeld. In Schweden beispielsweise gehören bereits 87 000 Menschen der schnell wachsenden Pfingstkirche an und damit fast ebenso viele Menschen wie der katholischen Kirche. Erst seit dem Jahr 2000 sind in Schweden alle Glaubensgemeinschaften gleichgestellt. Während sich mit konservativen Lutheraner und gläubigen Pfingstlern eine neue Einheit auf der Basis des christlichen Bekenntnisses bildet, entstehen mit der ehemaligen lutherischen Staatskirche neue Gräben, seit diese die Frauenordination und die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare befürwortet und praktiziert, erklärt Bischof Arborelius.

    Hoffnungsvoll blicken die Bischöfe auf die Entwicklung der Priesterseminare im eigenen Land. Seit im Jahr 2010 das Newman-Institut in Uppsala unter jesuitischer Leitung offiziell als katholische Universität anerkannt wurde, können dort Religionslehrer und Priester ausgebildet werden. Ein Priester-Seminar gibt es auch in Norwegen, darüber hinaus hat die geistliche Gemeinschaft des „Neokatechumenalen Weges“ jeweils ein Priesterseminar in Dänemark und Finnland eröffnet, wie der dänische Bischof von Kopenhagen, Czeslaw Kozon, berichtete. Die dort ausgebildeten Seminaristen würden zwar aus aller Herren Länder kommen, aber nach ihrer Priesterweihe für eine missionarische Arbeit in nordeuropäischen Ländern zur Verfügung stehen.