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    Dialog gehört zur Mission

    Allahu akbar, Ashadu an la ilaha illa llah“ – „Allah ist groß, ich bezeuge, das es keine größere Gottheit gibt als Allah“. Der Ruf des Muezzin hallt von der Moschee blechern über das schwül-heiße Bagamoyo an der Küste Tansanias. Keinen halben Kilometer entfernt liegt ein Friedhof. Christen aus Tansania und Deutschland beten vor metallenen, einfachen Grabkreuzen. Bischof Tarcisius Ngalalekumtwa, Vorsitzender der einheimischen Bischofskonferenz, und Prälat Klaus Krämer, Präsident des katholischen Hilfswerks missio Aachen, ehren mit ihren Delegationen gut fünfzig frühe Glaubenszeugen Tansanias.

    Christen befreiten Sklaven und begründeten auf diese Weise Bagamoyo. Foto: Seibel

    Allahu akbar, Ashadu an la ilaha illa llah“ – „Allah ist groß, ich bezeuge, das es keine größere Gottheit gibt als Allah“. Der Ruf des Muezzin hallt von der Moschee blechern über das schwül-heiße Bagamoyo an der Küste Tansanias. Keinen halben Kilometer entfernt liegt ein Friedhof. Christen aus Tansania und Deutschland beten vor metallenen, einfachen Grabkreuzen. Bischof Tarcisius Ngalalekumtwa, Vorsitzender der einheimischen Bischofskonferenz, und Prälat Klaus Krämer, Präsident des katholischen Hilfswerks missio Aachen, ehren mit ihren Delegationen gut fünfzig frühe Glaubenszeugen Tansanias.

    Hier an diesem früheren Umschlagplatz für den Sklavenhandel auf der Insel Sansibar errichtete der Spiritanerorden 1868 eine erste Missionsstation – nicht zuletzt, um Sklaven freizukaufen. Die Station wurde zur Keimzelle der Kirche für das ostafrikanische Festland weit über die Grenzen des heutigen Tansanias hinaus. In Bagamoyo trafen sich in dieser Woche missio Aachen und die tansanische Bischofskonferenz zu einer gemeinsamen Konferenz über die Lage der Kirche im Land. Im Oktober werden etwa ein Dutzend Bischöfe, engagierte Laien, Priester und Ordensangehörige aus Tansania Deutschland besuchen, um auf 300 Veranstaltungen zum Monat der Weltmission über ihren Alltag zu berichten.

    Der weißhaarige Spiritaner Pater Johannes Henschel führt die Konferenzteilnehmer über das Gelände der ersten Missionsstation in Bagamoyo, heute auch einer der drei wichtigsten Pilgerorte in Tansania. Bis 2012 arbeitete Pater Henschel hier. Die Geschichte des Ortes fasziniert ihn: „Dieser Grund und Boden hier wurde den christlichen Missionaren damals vom Sultan von Oman zur Verfügung gestellt. Er hatte auf der nahegelegenen Insel Sansibar seinen Sitz. Ein muslimischer Würdenträger schenkt den Christen etwas. Ich finde das wunderbar, er hat die Sozialarbeit der Kirche damals sehr geschätzt“, sagt der altgediente Missionar. Ein zweites findet Pater Henschel bemerkenswert. „Die Taufbücher zeigen, dass nicht alle freigekauften Sklaven auch getauft worden sind, die Mission geschah anscheinend nicht mit Zwang.“ Daraus kann die Kirche bis heute lernen, glaubt der Spiritaner. Mit anderen Worten: „Zur Mission gehört der interreligiöse Dialog“, sagt Pater Henschel. Gerade in Tansania.

    Denn: „Tansania hat durchaus das Potenzial für ein zweites Somalia.“ Das sagte auf der Konferenz der Jurist Professor Paralamagamba Kabudi von der Universität Dar es Salam. Die gegenwärtige Stabilität des multireligiösen Unionsstaates Tansania kann kippen, glaubt der praktizierende Anglikaner, dessen Frau aus einer muslimischen Familie stammt. Schätzungsweise 45 Prozent der Tansanier sind Christen, 35 Prozent Muslime und 20 Prozent Angehörige traditioneller Religionen. Es ist nicht selten, dass in einer Familie Tanten, Onkel, Nichten, Neffen, Cousins und Cousinen unterschiedlichen Religionen angehören. Die verschiedenen Ethnien in Tansania lassen sich so auch nicht jeweiligen Religionen zuordnen. Das erschwert glücklicherweise noch eine Instrumentalisierung der Religion für die Politik verschiedener Ethnien gegeneinander – wie dies in aktuellen afrikanischen Krisenländern durchaus der Fall ist.

    Auf der Insel Sansibar, die im Unionsstaat Tansania eine relative Autonomie hat, bekennen sich dagegen 99 Prozent zum Islam. Politische Islamisten sind auf der Insel in den vergangenen Jahren erstarkt. Ihr Ziel ist es, die Insel unabhängig von Tansania zu machen. Diese Kräfte haben ein Referendum im April durchgesetzt, das diese Frage entscheiden soll. „Ein Erfolg würde die politischen Islamisten weiter stärken, wir hätten dann ein unkontrollierbares Problem direkt vor der eigenen Haustür“, mahnt Professor Kabudi.

    Was weitere wenig kalkulierbare Folgen mit sich bringen würde. Tansania grenzt an Kenia, Uganda, Ruanda, Burundi, die Demokratische Republik Kongo, Sambia, Malawi und Mosambik. „Wenn wir unsere nationale Einheit verlieren, dann können wir auch unsere Rolle als regionaler Stabilitätsfaktor nicht mehr so gut erfüllen“, analysiert Kabudi, der auch in Berlin studiert hat. Wenn schließlich im kommenden Oktober die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Tansania anstehen, „dann kann aus dieser Gemengelage eine unkontrollierbare Situation entstehen“, analysiert der Verfassungsjurist.

    Eine Einschätzung, die Bischof Augustine Shao teilt, der das Bistum Sansibar leitet. „Das Referendum im April sollte auf die Zeit nach den Präsidentschaftswahlen verschoben werden“, empfiehlt er beim Besuch von missio Aachen am Donnerstag. Gleichzeitig rät er den Katholiken, sich für die Teilnahme am Referendum im April registrieren zu lassen und abzustimmen. Schlagzeilen hatte die Insel zuletzt 2012 und 2013 geschrieben. Ein Priester wurde ermordet, ein anderer mit einem Säureattentat verletzt, ein dritter schwer angeschossen. Eine Kirche brannte. Das hat es in den Jahren zuvor so nicht gegeben. „Derzeit hat sich die Situation aber etwas beruhigt“, sagt Bischof Shao.

    Solche Gewalttaten bringen ihn nicht von seinem Kurs ab. Er hat ein gutes Verhältnis zu den muslimischen Autoritäten. Die Kirche auf Sansibar unterhält Kindergärten, Schulen und Gesundheitseinrichtungen, die allen Menschen auf der Insel zugute kommen – also in erster Linie den Muslimen. „Das ist für uns wichtig, denn mit muslimischen Frauen zum Beispiel können wir nur über Ordensschwestern ins Gespräch kommen“, erläutert Shao. „In den Kindergärten und Schulen lernen muslimische Kinder zum ersten Mal in ihren Leben Christen kennen“, erzählt der besonnen wirkende Bischof weiter. So kann die Kirche in Sansibar bei ihren muslimischen Mitbürgern das Wissen über das Christentum fördern. Ein erster Schritt, um aufeinander zugehen zu können.

    Zurück in Bagamoyo. Die Vertreter der tansanischen Kirche berichten, wie überall im Land sogenannte lokale Friedenskommissionen eingerichtet sind, in denen Angehörige aller Religionen Alltagsprobleme besprechen und Konfliktprävention betreiben. Für missio-Präsident Prälat Krämer einer der Schlüssel für eine gute Entwicklung des Landes. „Wir betrachten es als Verpflichtung, sie in allen ihren Anstrengungen in diesem Dialog für den Frieden zu unterstützen“, versicherte er der tansanischen Bischofskonferenz.

    Anfang Februar besucht Bundespräsident Joachim Gauck Tansania und Sansibar. Er will unter anderem an einem interreligiösen Forum teilnehmen. Vielleicht sollte das deutsche Staatsoberhaupt Bagamoyo einen Besuch abstatten. Wenn er dann auf dem Friedhof die Gräber der ersten Missionare anschauen kann, kann er vielleicht auch den Ruf des Muezzin der nahegelegenen Moschee hören. Und empfinden, wie beides friedlich nebeneinander existieren kann.