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    Würzburg

    Der lange Weg zum Urteil

    Der Fall Peter R. ist eines der dramatischsten Kapitel der Missbrauchskrise in Deutschland. Es geht um Verbrechen eines Mannes und das Versagen einer ganzen Institution.

    Berliner Canisius-Kolleg
    Peter R. ist Haupttäter der Missbrauchsfälle am Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg. Foto: dpa

    Im Jahr 2010 liegt nach heutiger Lesart in Deutschland der Beginn der großen Missbrauchskrise der katholischen Kirche. Im Januar jenes Jahres brach sich in Deutschland erstmals in größeren Kreisen die Erkenntnis Bahn, dass der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen im kirchlichen Umfeld mit „Einzelfällen“ nicht ausreichend beschrieben ist. Ort dieser Erkenntnis war das Berliner Canisius-Kolleg. Schüler des Jesuitengymnasiums waren in den 1970er und 1980er Jahren Opfer von Misshandlungen und Missbrauch geworden. In einem Brief an ehemalige Schüler räumte der damalige Schulleiter Klaus Mertes die Taten ein.

    Neuneinhalb Jahre später sind diese in Person eines der damaligen Täter wieder aktuell. Der ehemalige Jesuit Peter R. gilt nicht nur als Haupttäter der Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg, sondern soll auch darüber hinaus weitere Taten begangen haben. Nun hat der Vatikan das kirchliche Urteil über ihn bestätigt: Peter R. ist aus dem Priesterstand entlassen und verliert damit auch den Anspruch auf seine bisher gezahlte Klerikerpension. Entschieden hatte das zuständige Kirchengericht des Erzbistums Berlin bereits im Dezember vergangenen Jahres, am vergangenen Mittwoch wurde es mit Zustimmung des Vatikan rechtskräftig.

    Die Opfer von Peter R. nahmen das Urteil mit Erleichterung auf. „Immerhin neun Jahre haben wir darauf gewartet und – vor allem – dafür gekämpft“, erklärte deren Sprecher Matthias Katsch am vergangenen Mittwoch. Gerade die Opfer hatten in dieser Zeit dazu beigetragen, ein besonders trauriges Phänomen der kirchlichen Missbrauchskrise ans Licht zu bringen. Denn der Fall Peter R. ist auch ein unrühmliches Beispiel für die lange Geschichte der Vertuschung und des generell ungenügenden Umgangs der Verantwortlichen mit Missbrauchstaten. Der Weg zum rechtskräftigen Urteil über Peter R. war lang und gerade für die Opfer oft eine Zumutung.

    Zwischen 1972 und 1981 unterrichtete R. an der Berliner Schule. In diesen Zeitraum fielen nicht nur von ihm begangene Missbrauchstaten, sondern auch die ersten Berichte von Opfern. Wie heute bekannt ist, wurden diese jedoch nicht weiter verfolgt. Stattdessen wurde R. ins Bistum Hildesheim versetzt, wo er unter anderem als Jugendseelsorger wirkte – und wiederum straffällig wurde. Nachdem R. den Jesuitenorden 1995 verlassen hatte, gehörte er dem Hildesheimer Diözesanklerus an. Seit 2003 lebte er als Pensionär erneut in Berlin.

    Bistum Hildesheim begeht zahlreiche Fehler

    Gerade der Umgang des Bistums Hildesheim mit der Causa Peter R. hatte in der jüngeren Vergangenheit massive Kritik hervorgerufen. Ein Untersuchungsbericht aus dem Jahr 2017 attestierte den Verantwortlichen dabei zahlreiche Versäumnisse.

    Auch der neue Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer bekannte kurz nach seinem Amtsantritt im Herbst vergangenen Jahres gravierende Fehler seiner Vorgänger. Bereits Ende 2015 hatte sich der damalige Bischof Norbert Trelle für den Umgang mit einem Opfer entschuldigt. Die Jugendliche hatte sich im Jahr 2010 an die Diözese gewandt und erklärt, vier Jahre zuvor von Peter R. sexuell belästigt worden zu sein. Erst Monate später und nach einer weiteren Meldung gelangte der Fall zur Staatsanwaltschaft. Diese wiederum stellte den Fall gegen Zahlung einer Geldauflage ein, da sie, wie es später hieß, von der Kirche nicht über die Vorwürfe gegen R. aus seiner Zeit am Canisius-Kolleg informiert worden sei. Von der kirchlichen Justiz wurde der Pensionär R. Anfang 2014 zu einer Zahlung einer Geldstrafe verurteilt und parallel vom priesterlichen Dienst suspendiert.

    Während die Taten am Canisius-Kolleg aus den 1970er und 1980er Jahren – auch wegen Verjährung – weiterhin ungesühnt blieben, kamen nach dem ersten kirchlichen Urteil immer weitere Vorwürfe gegen den früheren Ordensmann auf. So sollen auch Jugendliche aus Chile, wo der damalige Priester ein Sozialzentrum unterstützte, zu seinen Opfern geworden sein. Auch Jahre nach dem ersten Bekanntwerden des Missbrauchs durch Peter R. kamen immer weitere Vorwürfe auf, der Fall kam erneut vor das Berliner Kirchengericht.

    Im Dezember wählten die Richter dort mit der Laisierung das höchstmögliche Strafmaß. Das Bistum Hildesheim verpflichtete sich zudem, 20 000 Euro zur Errichtung eines Hilfsfonds zu zahlen. Die Summe hatten Opfer als Schadensersatz gefordert, was die Richter allerdings unter Verweis auf Verjährungsfristen abgelehnt hatten. Gleichwohl hatten sie der Diözese Hildesheim empfohlen, mit dem Geld die Aufarbeitung des Missbrauchsgeschehens am Canisius-Kolleg zu unterstützen.

    Lob kam für das Urteil neben der Opferseite auch vom Jesuitenorden, dem Peter R. lange angehört hatte. In einer ersten Stellungnahme bezeichnete Provinzial Johannes Siebner den Fall als „bleibende Verpflichtung“, präventiv tätig zu werden und auf Anzeichen von Missbrauchstaten angemessen zu reagieren. „Die Causa Peter R. beschämt uns, weil an ihr deutlich wird, dass der Orden in der Vergangenheit versagt hat und nicht rechtzeitig dafür gesorgt hat, dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wird“, so Siebner.

    Bischöfe gründen Institut zur Aufarbeitung

    Auch über Jesuitenorden, Erzbistum Berlin und Bistum Hildesheim hinaus bleibt der Fall Peter R. als Negativbeispiel für den Umgang mit Missbrauchsfällen in Erinnerung. Solche Fälle zu verhindern, ist daher mittlerweile das erklärte Ziel der deutschen Bischöfe. An diesem Montag kündigten das Erzbistum Köln und das Bistum Trier die Gründung eines eigenen „Instituts für Prävention und Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt“ an. Ab Mitte September sollen dort Fachleute unter der Leitung des bisherigen Kölner Interventionsbeauftragten, Oliver Vogt, die Aufarbeitung des Missbrauchs voranbringen. Fälle wie der des Peter R. lassen sich zwar auch damit nicht rückgängig machen. Aber vielleicht werden sie nun schneller und umfassender aufgeklärt.

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