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    Der christlichen Religion einen Bärendienst erwiesen

    „Die Religion will verstehen, aber sie selbst ist es wert, verstanden zu werden“, so formuliert Gerhard Staguhn und gibt damit dessen Anliegen an. Es ist zwar ein lobenswertes Unterfangen, den Menschen Religion „erklären“ zu wollen, wenn dabei Vorurteile aus dem Weg geräumt und die Glaubwürdigkeitsgründe des Glaubens aufgewiesen werden. 26 Fragen bearbeitet Staguhn, darunter so wichtige wie: „Ist die Welt von Gott erschaffen?“, „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“, „War Jesus Gott und Mensch zugleich?“. Der Autor beschreitet den Weg einer gut fasslichen Darstellung; der Stil ist ruhig, nett, gelassen.

    „Die Religion will verstehen, aber sie selbst ist es wert, verstanden zu werden“, so formuliert Gerhard Staguhn und gibt damit dessen Anliegen an. Es ist zwar ein lobenswertes Unterfangen, den Menschen Religion „erklären“ zu wollen, wenn dabei Vorurteile aus dem Weg geräumt und die Glaubwürdigkeitsgründe des Glaubens aufgewiesen werden. 26 Fragen bearbeitet Staguhn, darunter so wichtige wie: „Ist die Welt von Gott erschaffen?“, „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“, „War Jesus Gott und Mensch zugleich?“. Der Autor beschreitet den Weg einer gut fasslichen Darstellung; der Stil ist ruhig, nett, gelassen.

    Unzweifelhaft weist Staguhns Werk gelungene Formulierungen und richtige Gedanken auf, etwa: „Ohne Humor verkommt die Religion zur Bigotterie. Aber ohne Religion wird aus Humor Zynismus“ , oder wenn er gegen „christlichen“ Antisemitismus zu Felde zieht: „Judenhass ist Christushass und damit Gotteshass. Denn Gott ist als Jude Mensch geworden. Wie kann man als Christ überhaupt ein Volk hassen, dem Jesus, Maria und alle Apostel angehörten“. Danken wird man Staguhn auch für seine entschiedene Kritik am Modernitätswahn vor allem der evangelischen Kirche. Aber aufs Ganze gesehen gilt: Das hier besprochene Opus ist das verheerendste, das dem Rezensenten bislang zur Kritik vorlag. Warum? Neben kleinen sachlichen Fehlern, die nicht sehr stark ins Gewicht fallen – das Fest der Taufe Christi ist nicht am 12. Januar, sondern es wird heute am Sonntag nach Erscheinung und wurde früher am 13. Januar gefeiert; einen Papst Liberias hat es nicht gegeben (vgl. S. 182) – sind Staguhns Positionen in vielen Fällen vom Standpunkt des christlichen Credo wie auch von einer wissenschaftlichen Theologie her untragbar.

    Der Autor des Buches ist zum Beispiel überzeugt davon, dass der Glaube an einen persönlichen Gott die Ursache religiösen Fanatismus ist, ohne zu bedenken, dass das christliche Gottesbild doch das beste Korrektiv gegen alle Lieblosigkeit und Überheblichkeit anderen gegenüber darstellt (die ja den Fanatismus ausmachen). Wenn Christentum historisch gesehen hier und da fanatische Züge trug, dann nicht wegen, sondern trotz seines Glaubens an den persönlichen, liebenden Gott! Weiter: Staguhns Formulierung: „Wo sollte Religion sonst entstehen, wenn nicht im Gehirn?“, steht zumindest in der Gefahr, so aufgefasst zu werden, als gäbe es keine Offenbarung von seiten Gottes her.

    Bei seiner Behandlung der Theodizeefrage macht der Buchautor sich dann einen Deismus unerfreulichster Spielart zu eigen, wenn er schreibt: Gottes „Universum ist so unvorstellbar groß, dass es geradezu albern erscheint, zu glauben, er müsse sich um alltägliche Belange auf dem ,Staubkorn‘ Erde kümmern“. Natürlich muss Gott überhaupt nichts, aber dass ihm auch der kleinste Vorgang, das scheinbar Unwichtigste auf der Welt nicht gleichgültig bleibt, ist ein tröstliches und unverzichtbares Element der Botschaft Jesu. Man fragt sich, welche Bedeutung wohl die Menschwerdung Christi für Staguhn noch haben kann, die doch das leuchtendste Zeugnis dafür ist, dass Gott die Welt nicht sich selbst überlässt! Weiter ist der Autor auch der kühnen Meinung, dass man Christ sein könne ohne klares Bekenntnis zur Gottessohnschaft Christi. Die Lehre der altchristlichen Konzilien ist eine völlig andere. Hinsichtlich des Jenseits lässt Staguhn nur noch die Möglichkeit eines „klitzekleinen Vielleicht“ stehen, trotz allem, was das Christentum – und Jesus selbst! – hierzu lehren. Der Verfasser weicht nicht nur in Kleinigkeiten von der katholischen Lehre ab, sondern in Grundsätzlichkeiten.

    Ferner vertritt heute kein ernsthafter Exeget mehr die Position, dass Jesus „mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet“ gewesen sei, und dass die Hochzeit zu Kana dessen eigene Heirat gewesen sein könnte, wobei dann natürlich wieder Maria Magdalena die mögliche Braut wird. Ebenso ist es zu kurz gegriffen, im Apostel Paulus einen „Frauenhasser“ zu sehen; die heutige Wissenschaft lässt solche Anwürfe wieder hinter sich. Der Hexenwahn endlich kann nicht dem christlichen Glauben in die Schuhe geschoben werden, sondern ist auf ein bedauerliches Fortleben heidnischer Sichtweisen und mangelnder Rezeption des Christentums zurückzuführen gewesen. Staguhn sollte sich einmal die Frage vorlegen, wie oft wohl in der Heiligen Schrift von Hexen die Rede ist und könnte durch ernsthaftes historisches Studium wohl auch zu der Erkenntnis vordringen, die Manfred Lütz einmal so zusammengefasst hat: „Die berüchtigte spanische Inquisition hat keine einzige Hexe verbrannt“ (Der blockierte Riese).

    Auf Ausfälle Staguhns gegen die „päpstliche Sexualpolitik“, seine Auffassung von der angeblich abwertenden Haltung des katholischen Christentums gegen Tiere – kennt er den heiligen Franziskus nicht? – soll hier nicht näher eingegangen werden. Öfter findet sich bei dem Autor, der einen katholischen Religionsunterricht genossen hat, ein in höchstem Maße bedauerliches antikatholisches Ressentiment. Eine vollständig falsche Position muss auf jeden Fall noch genannt werden: dass hauptsächlich evangelische Christen in Deutschland sich gegen die Hitler-Diktatur gewehrt hätten. Die Beispiele christlichen Widerstands gegen die Nationalsozialisten aus dem Bereich der evangelischen kirchlichen Gemeinschaften in allen und höchsten Ehren – aber wieso verschweigt Staguhn den Heroismus katholischer Menschen der Hitler-Opposition? Die dicken Bände von Molls Martyrologium sprechen doch wohl eine eindeutige Sprache! Und wenn man die Konfessionskarte des deutschen Reiches neben die Karte der Stimmbezirke bei den letzten freien Reichstagswahlen vor Ausbruch der Diktatur hält, ist es ausgesprochen frappierend, dass in den katholischen Gegenden die Nationalsozialisten am schwächsten waren. Die Zahl der deutschen katholischen Priester in den Konzentrationslagern war höher als die der dort gefangengehaltenen evangelischen Theologen, die Zahl ihrer Priester, die sich zu einer Mitgliedschaft in der NSDAP hinreißen ließen, tendierte gegen Null. Aus der evangelischen Geistlichkeit trat jedoch eine nicht unbeträchtliche Schar von Pfarrern der NSDAP bei. Die historische Wahrheit zwingt gegen Staguhn zu der durch Fakten gestützten Feststellung: Insgesamt war die Abwehrhaltung der katholischen Kirche gegen Hitler massiver als die des evangelischen Deutschland.

    Staguhns Buch kann beim besten Willen nicht empfohlen werden. Die für seine Lektüre notwendige Zeit wäre eine Fehlinvestition.

    Von Klaus-Peter Vosen