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    Der Papst, der zurücktrat

    Elio Guerriero hat die erste Biografie Benedikts XVI. verfasst – ein Lebensbild, das trotz Mängeln zum Nachdenken anregt. Von Michael Karger

    Guerriero steht bis heute in Kontakt zu Benedikt XVI. Dessen „leidvoller, aber richtiger“ Rücktritt im Februar 2013 ist ... Foto: dpa

    Die erste Gesamtdarstellung von Leben und Werk des deutschen Papstes hat ein Italiener geschrieben: 2016 wurde sie vom Mailänder Verlagshaus Mondadori herausgebracht. Ihr Verfasser, Elio Guerriero, war Schriftleiter der italienischen Ausgabe der von Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger gegründeten Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio. Im Vergleich zur deutschen Kirchenpublizistik fällt das grundsätzliche Wohlwollen des Verfassers gegenüber Person und Lebensleistung Joseph Ratzingers auf. Daneben ist es die italienische Perspektive, die dem deutschen Leser hilft, manch verzerrte Darstellungen in den nationalen Medien korrigieren zu können.

    Eingerahmt wird der Band von einem Vorwort von Papst Franziskus und einem Interview des Verfassers mit dem emeritierten Pontifex. Während der Papst die Kontinuität der Pontifikate betont, wiederholt Benedikt nur die bereits gegenüber Peter Seewald („Letzte Gespräche“) vorgetragene Begründung des Rücktritts mit der allgemeinen körperlichen Schwäche, die eine Teilnahme am Weltjugendtag in Rio de Janeiro nicht ermöglicht hätte.

    Man erfährt aus Interview und Einleitung, dass Benedikt die Biografie vor der Publikation gelesen und dass Erzbischof Gänswein, Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär des Emeritus, beratend mitgewirkt hat.

    Im Zentrum der Ausführungen Guerrieros stehen die Kontinuität der Pontifikate und die Rücktrittsbegründung, wie sie Benedikt und Gänswein plausibel machen wollen. In beiden Fällen hat der Verfasser unkritisch an Harmonisierungsstrategien mitgewirkt. Eindeutig am besten gelungen sind die Darstellungen der Amtszeit Ratzingers als Präfekt der Glaubenskongregation und der knapp acht Jahre im Petrusamt. So werden alle geduldigen und noblen Bemühungen Ratzingers, die Traditionalisten um den französischen Erzbischof Marcel Lefebvre vor der völligen Abspaltung zu bewahren und in die Gemeinschaft der Kirche zurückzuführen, ausführlich nachgezeichnet. Für Ratzinger war die gezielte Verhinderung der zum Greifen nahen Einigung und damit die Heilung einer seit dem Konzil offenen Wunde eine seiner schwersten Enttäuschungen.

    Besonders wichtig und gelungen ist auch die ausführliche Schilderung des Einsatzes von Kardinal Ratzinger für die neuen geistlichen Bewegungen und deren theologische Ortsbestimmung in der Kirche. Ratzingers Abwehrkampf gegen eine politische Instrumentalisierung der Kirche durch den Marxismus im Namen der „Theologie der Befreiung“ wird ebenso beschrieben, wie die von Ratzinger mit beeinflusste Erfolgsgeschichte des gerade von deutschen Theologen bekämpften Katechismus, den Johannes Paul II. im Jahr 1992 vorgestellt hat.

    Wichtig ist auch die Betonung der Wahl Ratzingers zum Dekan des Kardinalskollegiums; sie fiel auf ihn als den dienstältesten unter den Kardinalbischöfen, wodurch er eine Schlüsselstellung während der Sedisvakanz, bei den Exequien sowie bei der Durchführung des Konklave innehatte. Dem Verfasser ist sicherlich zuzustimmen, dass die souveräne Art Ratzingers in den Generalkongregationen, seine Ansprachen beim Requiem für den verstorbenen Papst und in der „Messe für den zu wählenden Papst“ evident für seine Wahl gesprochen haben. Zudem hatten anlässlich der Adlimina-Besuche Kardinäle aus aller Welt Ratzinger persönlich gut kennengelernt. Insgesamt ergibt die ausführliche Darstellung der Präfektenjahre eine anschauliche Übersicht über die Initiativen des Präfekten wie auch über die gewaltigen Herausforderungen, die von außen an ihn herangetragen wurden.

    Auch der Rückhalt durch Papst Johannes Paul II., ohne den die beispiellose Wirksamkeit des Präfekten undenkbar gewesen wäre, wird gut herausgearbeitet. Dass Indiskretionen zufolge im Konklave der Argentinier mit italienischen Eltern, der Jesuitenpater Kardinal Bergoglio, nach Ratzinger die meisten Stimmen erhalten haben soll, wird auch vom Verfasser angenommen. Über die Amtsführung von Benedikt XVI. schreibt der Verfasser mit feiner Zurückhaltung: „Statt konkrete Maßnahmen zu ergreifen, zog er es vor, Mahnungen auszusprechen und den Betroffenen die Freiheit zu lassen, sich den geforderten Verhaltensweisen anzupassen.“ Dies habe zur Folge gehabt, „dass die Amtsführung des neuen Papstes weniger auf unmittelbare Wirkung als vielmehr auf Überzeugungskraft und Zeugnis angelegt war. Nur die Zeit würde zeigen, ob dieser neue Stil die gewünschte Veränderung herbeiführen würde.“

    Bezüglich der schweren Pannen und Fehleinschätzungen während des Pontifikats meint Guerriero, dass „eine Person fehlte, die jene Aufgaben hätte übernehmen können, die Ratzinger unter Johannes Paul II. anvertraut gewesen war“. Zunehmende „Anzeichen der Einsamkeit“ hätten schließlich in eine „Isolation“ geführt, „die teilweise aus natürlicher Zurückhaltung geschah, durch die Entscheidung – trotz der Aufgaben des Petrusamtes – für ein Leben des Studiums und des Gebetes, die teilweise jedoch auch von jenen Mitgliedern der Hierarchie auferlegt war, die nicht gewillt waren, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen und ihm auf dem Weg der Reform nachzufolgen, sondern die Aufgabe, die Kirche zu läutern und zu reformieren, lieber dem Papst allein überließen“.

    Im Oktober 2012 will Benedikt gegenüber Gänswein erstmals seine Rücktrittsabsicht offengelegt haben. Ursprünglich habe er an eine Ankündigung anlässlich der Weihnachtsansprache an die Kurie gedacht, dies aber um des Weihnachtsfriedens willen wieder verworfen und schließlich den 11. Februar 2013, genau zwischen Weihnachten und Ostern gelegen, gewählt, damit die Kirche zum Osterfest einen neuen Pontifex habe.

    Seine eigene Haltung zum Rücktritt – „leidvoll, aber richtig“ – hat Guerriero seiner Biografie vorausgeschickt und ihn als „prophetische Geste“ bezeichnet, die „in der Gegenwart Gottes und mit seiner Hilfe vollzogen worden war“. Auf die zahlreichen Fehler und Schwachstellen in den Kapiteln über Kindheit, Jugend, Studium, Lehrtätigkeit, Konzil und über die Jahre als Diözesanbischof kann hier nicht eingegangen werden. Zu den Konzilsjahren, der Lehrtätigkeit und zum Diözesanbischof liegen etwa wichtige Quellen vor, die der Verfasser nicht herangezogen hat. Auch Persönlichkeit, Wesen und Charakter Ratzingers kommt man durch diese Biografie nicht näher, der Mensch bleibt merkwürdig ausgespart. Als Übersicht zur Chronologie und den inhaltlichen Schwerpunkten der Präfektenjahre und des Pontifikats ist die Biografie von Guerriero jedoch sehr hilfreich. Sie ist ein mit viel Empathie gezeichnetes Lebensbild, das besonders die Deutschen zur Gewissenserforschung über ihren Anteil am leidvollen Ausgang des Pontifikats bewegen sollte.

    Elio Guerriero: Benedikt XVI. Die Biografie. Verlag Herder, Freiburg 2018, 656 Seiten, ISBN 978-3-451-37832-4, EUR 38,-

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