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    Der Missionar, der Johannes Paul prägte

    Angers (DT) „Totus tuus“ – der bischöfliche Wahlspruch Johannes Pauls II. verweist auf sein missionarisches Vorbild Ludwig Maria Grignion de Montfort (1673–1716). In dessen Abhandlung über die Verehrung Mariens fand der Seminarist Karol Wojtyla das Gebet „Totus tuus ego sum et omnia mea tua sunt.“ (Ganz dein bin ich, und alles, was mein ist, ist dein.) Wie der französische Volksmissionar sah auch der Papst aus Polen in der vollkommenen Hingabe an Jesus durch Maria einen sicheren Weg zur Neuevangelisierung. Von der Weihe an die Mutter Jesu über Pastoralreisen und die Liebe zum Rosenkranzgebet finden sich beträchtliche Schnittmengen im Leben beider beiden Heiliger. Im Apostolischen Schreiben „Rosarium virginis Mariae“ (2002) empfiehlt Johannes Paul II. unter Berufung auf Ludwig Maria Grignion de Montfort ausdrücklich die Weihe an die Muttergottes. Dass diese Hingabe stets auf Gegenseitigkeit beruht, unterstrich Olivier Maire SMM, Provinzial der Montfortaner in Frankreich, kürzlich bei einem internationalen Kolloquium der Katholischen Universität des Westens (UCO) im westfranzösischen Angers anlässlich des Jubiläumsjahrs zum 300. Todestag Ludwig Maria Grignion de Montforts. Mit Blick auf die Maxime Totus tuus im Traktat über die Verehrung Mariens sprach der Geistliche von der „Logik des Gebens“: Wer sich Maria überlässt, dem schenkt auch sie sich ganz.

    Der heilige Ludwig Maria Grignion de Montfort, dargestellt auf einem Glasfenster im Hauptschiff der Kathedrale Saint-Mau... Foto: reg

    Angers (DT) „Totus tuus“ – der bischöfliche Wahlspruch Johannes Pauls II. verweist auf sein missionarisches Vorbild Ludwig Maria Grignion de Montfort (1673–1716). In dessen Abhandlung über die Verehrung Mariens fand der Seminarist Karol Wojtyla das Gebet „Totus tuus ego sum et omnia mea tua sunt.“ (Ganz dein bin ich, und alles, was mein ist, ist dein.) Wie der französische Volksmissionar sah auch der Papst aus Polen in der vollkommenen Hingabe an Jesus durch Maria einen sicheren Weg zur Neuevangelisierung. Von der Weihe an die Mutter Jesu über Pastoralreisen und die Liebe zum Rosenkranzgebet finden sich beträchtliche Schnittmengen im Leben beider beiden Heiliger. Im Apostolischen Schreiben „Rosarium virginis Mariae“ (2002) empfiehlt Johannes Paul II. unter Berufung auf Ludwig Maria Grignion de Montfort ausdrücklich die Weihe an die Muttergottes. Dass diese Hingabe stets auf Gegenseitigkeit beruht, unterstrich Olivier Maire SMM, Provinzial der Montfortaner in Frankreich, kürzlich bei einem internationalen Kolloquium der Katholischen Universität des Westens (UCO) im westfranzösischen Angers anlässlich des Jubiläumsjahrs zum 300. Todestag Ludwig Maria Grignion de Montforts. Mit Blick auf die Maxime Totus tuus im Traktat über die Verehrung Mariens sprach der Geistliche von der „Logik des Gebens“: Wer sich Maria überlässt, dem schenkt auch sie sich ganz.

    Johannes Paul II. übernahm von seinem 1947 heiliggesprochenen geistlichen Vorbild auch theologische Vorlieben. Der Jesuitenschüler Grignion der Montfort habe seine Studien an der Pariser Sorbonne nicht fortgesetzt, um sich ganz der „Theologie der Heiligen“ zu widmen, erklärte Dominique Vermersch, Rektor der UCO. Sie habe auch Johannes Paul II. beschäftigt. Wie lohnend diese Auseinandersetzung sein kann, bestätigte Jean-François Léthel OCD, Mitglied der Päpstlichen Theologenakademie und Exerzitienprediger von Papst Benedikt und der römischen Kurie im Jahr 2011. In einem persönlich gefärbten Beitrag erläuterte er, wie er in den theologischen Turbulenzen der nachkonziliaren Jahre in den Schriften Grignion de Montforts innerlich Halt gefunden habe. „Die Theologie der Heiligen ist die einzige, die den ,Meistern des Zweifels‘ standhält“, so seine Bilanz. Grignion de Montforts Abhandlung über die Verehrung Mariens sei eine Synthese, die das Zusammenspiel von Gnade und Natur perfekt gewichte und zugleich eine Betrachtung der Heilsmysterien darstelle. Léthel verglich Grignion de Montfort mit dem spanischen Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz (1542–1591). Bei beiden paare sich solide theologische Bildung mit mystischer Erfahrung. Étienne Richer vom Katholischen Institut Toulouse schlug den Bogen zum Pontifikat des deutschen Papstes: Die Mariologie Grignion de Montforts decke sich vollständig mit der Überzeugung Joseph Ratzingers, dass die Marienlehre der Kirche den inneren Zusammenhang der Glaubensgeheimnisse zum Leuchten bringe und somit das Gleichgewicht von Glauben und Theologie sicherstelle. In einer Zeit, in der theologische Disziplinen fragmentiert seien und Denken und Leben auseinanderfielen, könne die Kirche von Heiligen wie Grignion de Montfort viel lernen, so Richer. Vor allem die Früchte der Schriftlesung und der intensiven Beschäftigung mit den Kirchenvätern machten die Abhandlung über die Verehrung Mariens zu einer meisterhaften Synthese, erklärte Richer. Grignion de Montfort habe es „besser als irgendjemand vor ihm verstanden, die Rolle Mariens auf dem Weg der Heiligkeit jedes Christen und des gesamten pilgernden Gottesvolkes hervorzuheben“.

    Jean-Baptiste Edart, Mitglied der Theologischen Fakultät der UCO, bezeichnete die Erneuerung des geistlichen Lebens aus dem Taufversprechen heraus als eigentlichen Ansatz der Volksmissionen Ludwig Maria Grignions de Montfort. Der Heilige habe damit an das Konzil von Trient angeknüpft, das den Pfarrern die Notwendigkeit vor Augen gehalten habe, die Gläubigen ihr Taufversprechen erneuern zu lassen.

    Die überragende Bedeutung, die Grignion de Montfort der Erneuerung des Taufversprechens für die Neuevangelisierung beimaß, zeigte sich auch außerhalb der klassischen Katechese. Edart erinnert an die Namensänderung: Ludwig Maria Grignion erweiterte seinen Familiennamen durch den Zusatz „de Montfort“, um seinen Taufort als Identitätsmerkmal nennen zu können. Darüber hinaus arbeitete er 1702–03 bei der Restaurierung der ältesten Taufkirche Frankreichs mit: des Baptisteriums Saint-Jean in Poitiers. Es birgt das erste Taufbecken auf französischem Boden. Grignion de Montfort, der in keiner Diözese inkardiniert war und im Klerus manchen als Solitär, anderen als Störenfried galt, schöpfte sein priesterliches Sendungsbewusstsein nicht zuletzt aus dem Missionsauftrag von Clemens XI. Der Papst hatte dem jungen Geistlichen 1706 die Aufgabe übertragen, das Volk in der christlichen Lehre zu unterrichten und den Geist des Christentums überall durch die Erneuerung des Taufversprechens zu stärken. In der Wertschätzung der Laien ließ sich der Missionar zu seiner Zeit von niemandem übertreffen. In einem Schreiben vergleicht er die Mitglieder der Bruderschaft „Freunde des Kreuzes“ mit Soldaten, „die den Kampf gegen die Welt führen und nicht wie Ordensleute, die Flucht vor ihr ergreifen aus Angst, besiegt zu werden“.

    Als bemerkenswerten Ansatz für die Seelsorge heute stufte Edart dabei die klare eschatologische Ausrichtung der Volksmissionen ein. Bei den von Ludwig Maria Grignion de Montfort gehaltenen Prozessionen habe das ewige Jerusalem als Ziel klar hervorgeleuchtet. In diesem Sinne, so Edart, hätten auch die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils das „Volk Gottes“ im Sinne der zum verheißenen Land pilgernden Kirche verstanden – im Gegensatz zu späteren, politisch verzerrten Lesarten dieses Begriffs. Für das Laienapostolat heute zog Edart daraus den Schluss, dass es nicht um Machtfragen gehe. Das Apostolat der Laien sei in der Vision vom eschatologischen Horizont des christlichen Lebens verwurzelt.

    Aus Sicht Edarts bildet die Bekehrung des Herzens und das Ziel, die Gläubigen zu ewigen Heil zu führen, den Spannungsbogen der missionarischen Pastoral de Montforts. Die Gläubigen selbst tragen die Hauptverantwortung dafür, dass sie ihr ewiges Ziel erreichen. In der Verkündigung, so der Theologe, seien Fragen, die sich auf das ewige Heil beziehen, in den vergangenen fünfzig Jahren allerdings fast völlig verschwunden. „Da das Ziel des christlichen Lebens in den Köpfen nicht mehr präsent ist, werden die Mittel, um es zu erreichen, nicht mehr so kraftvoll eingesetzt – das gilt für einfache Gläubige ebenso wie für die Hirten.“ Edart zufolge liegt darin auch einer der Hauptgründe für den weitgehende Entfremdung der Gläubigen vom Beichtsakrament. Anhand eines diözesanen Synodenpapiers veranschaulichte rt, dass selbst der Begriff „Bekehrung“, ursprünglich als Hinwendung zu Gott und Abkehr von der Sünde verstanden, im Pastoraljargon lediglich noch im Sinne einer Veränderung der binnenkirchlichen Beziehungen gebraucht werde. Die Theologie Grignion des Montforts „fordert uns heute dazu auf, das Ziel der christlichen Existenz in die Waagschale zu werfen, um die wesentliche Dynamik des kirchlichen Lebens wiederherzustellen“, so Edart.

    Die praktische Seite dieser Seelsorge beschrieb Frédérique Poulet von der theologischen Fakultät der UCO. Christozentrisch und ganz auf die Erneuerung des Taufversprechens ausgerichtet, seien die von Ludwig Maria Grignion de Montfort im Geist der nachtridentinischen Seelsorge eingeführten Prozessionsformen „Zeichen einer übernatürlichen Wirklichkeit“ gewesen. Das Vorurteil, Volksfrömmigkeit sei fromme Folklore, sah Poulet dank Grignion de Monfort eindeutig widerlegt. Ziel der von ihm organisierten Prozessionen sei die Bekehrung der Gläubigen gewesen. Poulet zeigte anhand der Vorgaben des Direktoriums für Volksfrömmigkeit und Liturgie der römischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung (2001) auf, wie wertvoll der Ansatz des Heiligen nach wie vor ist.

    Akzente gesetzt habe Grignon de Montfort weder durch Bußprozessionen noch durch eucharistische Prozessionen im eigentlichen Sinne, sondern mit so genannten Taufprozessionen, deren geistlicher Höhepunkt die Erneuerung des Taufversprechens gewesen sei. „Das Drama der Christen in der Zeit nach dem Trienter Konzil lag darin, dass sie ihre Identität als Getaufte vergessen hatten“, stellte die Dogmatikerin fest. Von Prozessionen sei die Botschaft ausgegangen, „dass jeder Mensch gottfähig ist“. Von dieser Warte her gesehen erschließt sich auch die zeitlose Aktualität Montforts, dessen Seelsorge Poulet als „prophetisch“ bezeichnete. In der Debatte gab sie zu bedenken, dass sich binnenkirchliche Spannungsfelder wie die Geschiedenenpastoral entschärfen ließen, wenn die Gläubigen ihren Blickwinkel nicht auf die Eucharistie fixierten, sondern stattdessen die Erneuerung ihres Taufversprechens stärker in den Blick nähmen.

    Taufscheinkatholiken kämen dabei niedrigschwellige Angebote aus dem vielfältigen Ideenschatz des Volksmissionars entgegen. Olivier Landron von der theologischen Fakultät der UCO stellte eine weitere Facette Grignion de Montforts heraus: Musik. Kreativ setzte der Volksmissionar unter der ländlichen Bevölkerung Westfrankreichs auf geistliche Kompositionen als Instrument der Katechese. Auch wenn diese heute weniger bekannt sind als seine Schriften, hat Grignion de Montfort missionarische Impulse des zwanzigsten Jahrhunderts vorweggenommen. „Er war sozusagen ein früher Emmanueller“, bemerkte ein Teilnehmer mit Anspielung auf die für ihre musikalischen Katechesen bekannte geistliche Gemeinschaft Emmanuel.

    Übereinstimmungen zwischen dem Montfort'schen Erbe und geistlichen Strömungen der letzten fünfzig Jahre sah auch Pater Léthel. Nicht zuletzt die nachkonziliare Entwicklung habe die Spiritualität Montforts stark verankert: Zum einen habe die Charismatische Erneuerung die Überzeugung Grignion de Montforts aufgegriffen, dass Maria auch der Weg zum Heiligen Geist und zum Dreifaltigen Gott darstellt. Damit, so Pater Léthel, sei die ursprünglich protestantisch verwurzelte Charismatische Bewegung quasi katholisch geworden.

    Zudem bietet die Biografie des Jesuitenschülers Grignion de Montfort einige Orientierungshilfen zum Verständnis der jesuitischen Tradition. Battista Cortinovis SMM historische Einordnung zeigte, dass die starke Hinwendung zu den Armen ein Markenzeichen der Pariser Jesuiten in Saint-Sulpice war, in dem sich Montfort auf das Priestertum vorbereitete. Seine eigentliche Ordensberufung fand der Priester allerdings später als Dominikanertertiar.

    Wie ein roter Faden zog sich die Überzeugung durch die Beiträge, Grignion de Montfort sei ein wahrer Kirchenlehrer – auch wenn er noch nicht in diesen Rang erhoben wurde. Étienne Richer erinnerte an radikal am technischen Fortschritt ausgerichtete philosophische Denkrichtungen wie den Transhumanismus. Angesichts der Bedrohung durch ein verrücktes Vernunftverständnis sei die Botschaft Grignion de Montforts hochaktuell, weil sie dem wünschenswertesten Wandel von allen verpflichtet sei: dem des geeistbewegten inneren Menschen, in dem sein Erlöser lebt.

    Welche nachhaltigen Erfolge Ludwig Maria Grignion de Montfort mit seinen Volksmissionen erzielte, spiegelt sich bis heute im Geschichtsbild der französischen Katholiken. Der Erneuerung des Glaubens durch die Predigtreisen des Heiligen in Westfrankreich wird zugeschrieben, dass insbesondere die Bevölkerung in der Vendée den antiklerikalen und kirchenfeindlichen Ideen der Revolution von 1789 energischer widerstand als in anderen Regionen.

    Wo würde er heute praktisch ansetzen? In der Diskussion fielen in diesem Zusammenhang die Stichworte Sterbebegleitung und Trauerpastoral. Gerade nach dem Tod Angehöriger seien auch Kirchenferne plötzlich offen für die Frage, wohin der Mensch geht. Von den zeitlosen aktuellen Fragen des Menschen lassen sich die Linien von der katholischen Erneuerung im Frankreich des 18. Jahrhunderts bis zum Auftrag zur Neuevangelisierung in der Gegenwart jedenfalls mühelos ausziehen.