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    Der Mensch ist Gottes Projekt

    Im September 1985 hielt der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre Kardinal Joseph Ratzinger im Bischöflichen Bildungshaus St. Georgen am Längsee in Kärnten sechs Vorträge. Ein Jahr zuvor war die bis 2008 fortgesetzte Reihe der „St. Georgener Gespräche“ mit einem Vortragszyklus von Hans Urs von Balthasar eröffnet worden. Nach nunmehr fast fünfundzwanzig Jahren liegen die Vorträge jetzt in Erstveröffentlichung vor. In seinem Geleitwort erinnert der Begründer der Vortragsreihe, der Bischof von Graz-Seckau Egon Kapellari, an die Konzeption der Vorlesungen: „Dabei kam jeweils als einziger Referent ein Theologe oder Philosoph von höchstem Rang zu Wort.“ Textgrundlage sind Tonbandaufzeichnungen des gesprochenen Wortes. Über deren Herkunft schreiben die Herausgeber etwas mystifizierend: „Bei der Entstehung dieses Buches waren längere Recherchen und auch ein wenig Glück notwendig, bis schließlich Tonbandmitschnitte ... als ,Dachbodenfund‘ auftauchten.“

    Im September 1985 hielt der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre Kardinal Joseph Ratzinger im Bischöflichen Bildungshaus St. Georgen am Längsee in Kärnten sechs Vorträge. Ein Jahr zuvor war die bis 2008 fortgesetzte Reihe der „St. Georgener Gespräche“ mit einem Vortragszyklus von Hans Urs von Balthasar eröffnet worden. Nach nunmehr fast fünfundzwanzig Jahren liegen die Vorträge jetzt in Erstveröffentlichung vor. In seinem Geleitwort erinnert der Begründer der Vortragsreihe, der Bischof von Graz-Seckau Egon Kapellari, an die Konzeption der Vorlesungen: „Dabei kam jeweils als einziger Referent ein Theologe oder Philosoph von höchstem Rang zu Wort.“ Textgrundlage sind Tonbandaufzeichnungen des gesprochenen Wortes. Über deren Herkunft schreiben die Herausgeber etwas mystifizierend: „Bei der Entstehung dieses Buches waren längere Recherchen und auch ein wenig Glück notwendig, bis schließlich Tonbandmitschnitte ... als ,Dachbodenfund‘ auftauchten.“

    Es ist nicht klar ersichtlich, ob es sich dabei um die Originalaufnahmen des Veranstalters handelt. Ein damaliger Teilnehmer wies dem Rezensenten gegenüber darauf hin, dass auch Hörkassetten mit allen Vorträgen als Service des Hauses angeboten wurden, was von den Herausgebern nicht erwähnt wird. Kardinal Ratzinger hielt zunächst drei Vorlesungen über die Schöpfungslehre, dann einen Vortrag zur Erlösungslehre und abschließend zwei Ansprachen zur Lehre von der Kirche. Da Ratzinger nur wenig zur Schöpfungslehre publiziert hat, verdienen die drei ersten Vorträge besondere Aufmerksamkeit.

    Kritisch geht der Kardinal zunächst mit der Auslegung der Schöpfungsgeschichte ins Gericht, wie er sie als junger Theologe kennengelernt hatte, dabei fallen die Namen Romano Guardini und Michael Schmaus. Deren Auslegungsmethode wird als „eine Operation“ beschrieben, „die den Glauben verteidigen will, indem sie sagt: Hinter dem, was da steht und was wir nicht mehr verteidigen können, wäre das Eigentliche ...“ Ein solches „fortwährendes Rückzugsgefecht“ sei mehr „Ausflucht als Auslegung“ und habe schließlich – auf Jesu Wunder, Kreuz und Auferstehung angewandt – die Glaubensprobleme eher verschärft als gemildert.

    Demgegenüber setzt der Dogmatiker und Fundamentaltheologe Ratzinger beim Offenbarungsverständnis und bei der Einheit der Schrift an. Der geschichtliche Offenbarungsprozess ist der „Weg eines sich entwickelnden, ringenden Verstehens“. Zugleich ist das Alte Testament für Christen „ein Vorwärtsgehen auf Christus zu“.

    Diese Prinzipien auf den Schöpfungsglauben beziehend überwindet Ratzinger zunächst einmal die falsche Trennung von Mythos und Glaube und kann so den allen orientalischen Hochreligionen gemeinsamen Schöpfungsgedanken positiv würdigen: „Es gibt also diese tiefe Einheit der Kulturen in dem Urwissen der Menschen, das auf Christus hin geöffnet ist ...“ Das Eigentliche muss nicht hinter den Bildern gesucht werden, sondern wer die Bilder als dynamische Ganzheit in Entwicklung liest, kann in der Bibel selbst sehen, „wie sich die Bilder immer neu dem weitergehenden Denken anverwandeln“ und auch „fortwährend korrigieren“.

    Den endgültigen Schöpfungsbericht findet Ratzinger im Johannesprolog des Neuen Testamentes: Durch alle Bilder hindurch ist Christus das Wort Gottes: „Christus ... befreit uns von der Knechtschaft des Buchstabens und ebenso gibt er uns die Wahrheit der Bilder neu zurück.“ Mit dieser Hermeneutik wenden die Christen eben keinen „nachträglichen methodischen Trick“ an, sondern gehen von der Ganzheit der Bibel als einer Glaubenstatsache aus. Entschieden fordert Ratzinger die Überwindung einer Exegese, die die Texte nur rückwärts auf ihren ältesten Ursprung hin liest, statt sie dynamisch nach vorne auf Christus hin auszulegen. So verbindet Ratzinger heilsgeschichtliche Christozentrik und theologische Anthropologie mit der Feststellung: Menschsein ist kein Zufallsergebnis der Evolution, sondern der Mensch ist Gottes Projekt, mit ihm will er eine „Geschichte der Liebe eingehen“. Christus als der zweite Adam ist „der endgültige Mensch, und die Schöpfung ist gleichsam ein Vorentwurf auf ihn zu“. Es folgen im einzelnen skizzenhaft bleibende Ausführungen zur Hinordnung der Schöpfung auf den Sabbat und damit auf den Bund mit Gott und die Anbetung Gottes als Schöpfungsziel.

    Im vierten Vortrag zum Thema Schuld und Erlösung deutet der Kardinal die „jederzeit sprungbereit gewordene Aggressivität, die wir in unserer Gesellschaft zusehends erleben, diese immer wache Bereitschaft, den anderen zu beschimpfen, ihn als den Schuldigen am eigentlichen Unglück zu erkennen ...“ als Symptom für die Anwesenheit dessen, was die Kirche „Sünde“ nennt, aber vom modernen Menschen geleugnet werde. In seinem Brief an alle Bischöfe (vom 10. März 2009) nach dem öffentlichen Wirbel um die Aufhebung der Exkommunikation der von Erzbischof Lefebvre unerlaubt geweihten Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X., worunter sich auch der Holocaust-Leugner Williamson befand, verwendete Papst Benedikt XVI. genau diese Metapher„sprungbereite Aggressivität“ und bezog sie auf seine innerkirchlichen Kritiker: „Betrübt hat mich, dass auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten.“ Nun erfährt diese Aussage des Briefes von der Vortragsreihe her eine theologische Vertiefung, über die es sich nachzudenken lohnt: „Mir scheint, dass dies alles nur zu begreifen ist als Ausdruck für die Wahrheit der Schuld, die der Mensch nicht wahrhaben will. Weil sie dennoch da ist, muss er sie angreifen und zertreten. Weil der Mensch Wahrheit verdrängen, aber nicht beseitigen kann, erkrankt er an der verdrängten Wahrheit.“ Sündenfall und Erbsünde werden als Beziehungsstörung des Menschen zu Gott gedeutet. Menschwerdung und Kreuzestod sind die Initiativen Gottes, um diese Beziehung zu erneuern.

    Vom Kirchenbild des Zweiten Vatikanums handelt der erste der beiden Vorträge zur Ekklesiologie. Kirche als Leib Christi bedeutet nach der Lehre des Konzils, dass es kein Christsein neben und ohne Kirche geben kann: „Christen gibt es nur in seinem Leib, nie bloß ideell, weil ja Inkarnation eben heißt, dass ich ihn nur im Leib haben kann und nicht in einer Idee.“ Zwei Korrekturen habe der Leib-Christi-Gedanke durch das Konzil erfahren: 1. Das eher unbestimmte Bild wurde von Henri de Lubac durch die Communio-Ekklesiologie dahingehend präzisiert, dass Kirche auch als Zueinander von Orts- und Gesamtkirche verstanden werden konnte. 2. Kirche als Volk Gottes verstanden wehrte eine Identifikation von Christus und Kirche ab und ermöglichte, mit dem Begriff der „Hinordnung“ von einer teilweisen Kirchenzugehörigkeit der Nichtkatholiken sprechen zu können. Ausgehend vom Begriff der Entwicklung, wie ihn Kardinal Newman für die Dogmengeschichte als „beständige Identität in der beständigen Dynamik der Entwicklung“ geprägt hat, entwickelt der Kardinal Grundsätze, die Biblizismus, liberalen Reformismus und Traditionalismus gleichermaßen als Fehlformen des Katholischen erweisen: „Wer sich nur am Wortlaut der Schrift orientiert ... oder den Radius etwas weiter zieht und sich nur an den Normen der Väterkirche festklammern will, verbannt ja Christus ins Gestern. Die Folge ist dann entweder ein romantischer Archaismus, ein ganz steriler Glaube, der dem Heute nichts zu sagen hat, oder aber eine Eigenmächtigkeit, die 2000 Jahre Geschichte überspringt und sie in den Mülleimer des Missverstandenen wirft ... Die wirkliche Identität mit dem Ursprung ist nur da, wo zugleich die lebendige Kontinuität ist, die ihn entfaltet und im fortgehenden Entfalten bewahrt.“

    Kollegialität ist keine Rechtsfigur, aber eine Vorgabe

    Sakramentale Basis der konziliaren Lehre von der Kollegialität der Bischöfe ist für Ratzinger die eucharistische Ekklesiologie auf den Punkt gebracht in dem Satz: „Kirche lebt in Eucharistiegemeinschaft.“ Kollegialität sei zwar selbst keine Rechtsfigur, aber eine „theologische Vorgabe ersten Ranges“: Der Bischof, umgeben vom Kollegium der Priester, ist nur Bischof „in der katholischen Gemeinschaft derer, die es vor ihm waren, die es mit ihm sind und die es nach ihm sein werden.“ Im abschließenden sechsten Vortrag geht es um die Themen Einheit und Pluralität und Episkopat und Primat. Ratzinger ersetzt den Begriff „monarchischer Episkopat“ durch das Prinzip der personalen Verantwortung: „Das Bischofskollegium ist ein Körper, der sich aus solchen zusammensetzt, die eine eigene Letztverantwortung tragen für die Teilkirche, die selbst ganz Kirche ist, und in der sie die Verantwortung der Gesamtkirche verwirklichen.“ Wenn alle Verantwortung an Gremien delegiert werden würde, dann wäre der Primat des Papstes zur absoluten Ausnahme und dadurch „ortlos und unwirklich“.

    Zwei Tatsachen hätten dem päpstlichen Primat seine Gestalt gegeben: 1. Im Kampf um die abendländische Kirchenfreiheit garantiere das Petrusamt die Freiheit der Ortskirchen, die eben keine Nationalkirchen, sondern „Organe der Gesamtkirche“ sind. 2. Erst die Bindung der Bettelorden an das Petrusamt habe ihr pastorales Wirken in den Ortskirchen ermöglicht.: „Heute mehr denn je gilt, dass nur das Petrusamt, die Realität der Gesamtkirche, die Unterscheidung der Teilkirchen von Staat und Gesellschaft gewährleisten kann.“ Zwanzig Jahre später wurde Kardinal Ratzinger selbst als Benedikt XVI. in das Petrusamt gewählt.

    Von Michael Karger