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    „Der Mauerbau im Cremisantal macht mich traurig“

    Herr Weihbischof, Sie kommen zum dritten Mal in Folge zum Solidaritätsbesuch der Bischöfe mit den Christen ins Heilige Land. Welche Entwicklung stellen Sie fest? Die Situation vor Ort ist sehr komplex und insgesamt nicht gut.

    Thomas Maria Renz. Foto: KNA

    Herr Weihbischof, Sie kommen zum dritten Mal in Folge zum Solidaritätsbesuch der Bischöfe mit den Christen ins Heilige Land. Welche Entwicklung stellen Sie fest?

    Die Situation vor Ort ist sehr komplex und insgesamt nicht gut. Die immer wieder aufflammende Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern gibt doch Anlass zu großer Sorge.

    Wie kann es endlich zum Frieden kommen?

    Wer darauf eine realistische, umsetzbare Antwort wüsste, dem würde zu Recht der Friedensnobelpreis gebühren. Ich habe inzwischen Zweifel, ob eine auch von den letzten Päpsten immer wieder geforderte Zwei-Staaten-Lösung überhaupt noch realisierbar wäre. Man gewinnt von außen eher den Eindruck, dass etwa durch den fortgesetzten Siedlungsbau Israels Fakten geschaffen werden, die eine Zwei-Staaten-Lösung letztlich verhindern. Es wäre meines Erachtens wichtig, durch Verhandlungen auf Augenhöhe zu einem einvernehmlichen Ausgleich der Interessen beider Seiten zu kommen. Das scheint aber nicht in Sicht zu sein. Ich erinnere mich an ein Wort des Lateinischen Patriarchen zu einem der letzten Weihnachtsfeste, in dem er von Bethlehem als der Stadt des Friedens ohne Frieden sprach. Das ist das Grundproblem des Heiligen Landes insgesamt. Und das bekommen alle hier zu spüren, auch die Christen.

    Es gab aber auch spezifische Gewalt gegen Christen. Das Benediktinerkloster von Tabgha etwa wurde 2015 zum Ziel jüdischer Extremisten. Beunruhigt Sie das?

    Natürlich. Der Brandanschlag war ja ein massiver Gewaltakt gegen eine christliche Stätte des Friedens. Darauf muss die israelische Politik eine klare Antwort geben und diesen kriminellen Akt rechtsstaatlich mit allen Mitteln verfolgen und ahnden. Schlimmer als der materielle Schaden ist aber, dass das Misstrauen etwa der Christen im Heiligen Land dadurch weiter wachsen könnte. Dabei setzen sich die Christen ja etwa mit ihren auch für Moslems und Juden offenen Schulen und Einrichtungen seit Jahrzehnten für den Dialog und für ein friedliches Zusammenleben ein.

    Im Cremisantal bei Bethlehem hat die israelische Armee jetzt mit dem Bau der Sperrmauer begonnen. Viele christliche Familien müssen fürchten, ihr Land zu verlieren. Seit Jahren haben sich die Bischöfe dagegen eingesetzt. Ist das Scheitern nicht frustrierend?

    Doch natürlich. Denn man könnte meinen, dass die Macht der Mächtigen eben doch erfolgreicher ist als die Gebete der Gewaltlosen. Die deutschen Bischöfe haben sich mit vielen anderen Bischofskonferenzen dafür eingesetzt, das Unrecht des Mauerbaus zu verhindern. Bischof Ackermann hat nach seinem Besuch im Cremisantal im letzten Jahr darüber mit dem israelischen Botschafter in Berlin gesprochen. Leider aber haben diese weltweiten Proteste nicht zum Erfolg geführt. Wenn jetzt die Bulldozer anrollen und jahrhundertealte Olivenbäume ausreißen, um mit dem Mauerbau zu beginnen, dann macht einen das schon sehr traurig. Aber bei meiner Begegnung mit davon betroffenen Familien hat mich auch beeindruckt, dass sie auf ihrem Weg des gewaltfreien Widerstands unbeirrt weitergehen wollen. Seit Jahren haben sich ja die betroffenen Christen jeden Freitagnachmittag zur Hl. Messe und zum Gebet in den Olivenhainen versammelt, um auf diese Weise gewaltlos gegen die Gewalt zu demonstrieren, die ihnen jetzt angetan werden soll. Und unser jährlicher Besuch hat sie immer in dieser Vorgehensweise bestätigt und gestärkt. Denn es kann den einen oder anderen ja schon zur Radikalisierung verführen, wenn man sieht, dass Gebet und gewaltfreier Widerstand offenbar nichts bewirken. Und trotzdem müssen wir Christen an der Botschaft der Gewaltlosigkeit und des Dialogs festhalten: Dazu gibt es keine Alternative!

    Ihr Besuch hat Sie auch nach Jordanien geführt, wo Sie christlichen Flüchtlingen begegnet sind, die vor dem IS flüchten mussten. Sollte die Kirche sich darauf konzentrieren, den Christen ein Leben im Nahen Osten zu ermöglichen oder sich für ihre Übersiedlung ins westliche Ausland einsetzen?

    Die Ninive-Ebene, in der seit fast 2 000 Jahren Christen leben, gehört ja zu den ältesten christlichen Regionen überhaupt. Es wäre furchtbar, wenn diese Region eines Tages tatsächlich frei von Christen wäre. Nachdem wir nun aber in Jordanien irakischen Flüchtlingsfamilien begegnet sind, kann ich gut verstehen, dass sie in der arabischen Welt keine Zukunft mehr für sich und für ihre Kinder sehen, wie uns mehrere bestätigt haben. Ich habe viele traurige Augen und hoffnungslose Gesichter gesehen, hinter denen große menschliche Katastrophen und unsagbares Leid stehen. Diesen Menschen könnte ich nicht ohne weiteres empfehlen, sie sollten in ihre Heimat zurückgehen, sobald es die Lage dort zulässt. Hier trifft sozusagen ein „harter Realismus“ auf einen „weichen Idealismus“. Als Kirche müssen wir jedoch zuallererst das Recht der Selbstbestimmung jedes Menschen achten und seine freie Entscheidung respektieren.

    Nun beklagen sich Bischöfe aus der Region über die Willkommenssignale etwa aus Deutschland. Der christliche Exodus aus der Region werde dadurch beschleunigt.

    Mag sein, dass manche hier in der Region die deutsche Willkommenskultur für Flüchtlinge als ein falsches Signal an die Menschen im Irak und in Syrien interpretieren. Und in der Tat sollten Anreize unsererseits, die zu noch mehr Fluchtbewegungen im Mittleren und Nahen Osten führen, vermieden werden. Aber Deutschland und Europa können sich ja auch nicht abschotten und vor dem Flüchtlingsdrama von hunderttausenden Menschen ihre Augen und ihre Grenzen verschließen. Das wäre keine Alternative!