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    „Der König ist tot, es lebe der König“

    Anhänger und Gegner Kardinal Barbarins sind sich einig: Die Verurteilung des Primas von Gallien markiert einen Wendepunkt. Von Maximilian Lutz

    Des Dramas erster Akt: Kardinal Barbarin begibt sich im Januar ins Gericht. Foto: KNA

    Die französische Presse ist sich einig: Der Schuldspruch gegen den Lyoner Kardinal Philippe Barbarin markiert eine historische Zäsur für die katholische Kirche in Frankreich. Der „Figaro“ spricht von einer „Bombe“, die eingeschlagen habe. „Le Monde“ titelt, das Urteil gegen den Primas von Gallien werde „Schockwellen“ durch den gesamten französischen Klerus senden.

    Dass sich insbesondere säkulare Zeitungen an Superlativen zu übertreffen versuchen, wenn ein so hochrangiger Vertreter der Kirche, wie Kardinal Barbarin es nun einmal ist, in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch innerhalb der Kirche verurteilt wird, war zu erwarten. Aber selbst eine Woche nach der Entscheidung, nachdem sich der erste Rauch verzogen hat, bleibt das Gefühl bestehen, dass da tatsächlich etwas von großer Bedeutung geschehen ist, was die Aufarbeitung kirchlicher Missbrauchsfälle betrifft.

    Zur Erinnerung: Zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilte das Strafgericht in Lyon den Kardinal wegen der Nicht-Anzeige sexueller Vergehen an Minderjährigen durch den Priester Bernard Preynat sowie unterlassener Hilfeleistung. Kardinal Barbarin selbst war es, der der Dramaturgie seines Falles unmittelbar nach der Urteilsverkündung noch einen weiteren Twist hinzufügte. Im Rahmen einer Pressekonferenz von historischer Kürze – Barbarin sprach 36 Sekunden – erklärte der 68-Jährige, er habe bei Papst Franziskus seinen Rücktritt als Erzbischof eingereicht. Ob der Papst diesen annimmt, ist noch offen. In diesen Tagen wird Barbarin mit Franziskus im Vatikan zusammentreffen.

    Die Reaktion auf die Verurteilung Barbarins und dessen Rücktrittsgesuch sind gemischt. Die Kläger zeigten sich zufrieden mit dem Urteil. Francois Devaux, Vorsitzender des Opferverbandes „La Parole Libérée“, sprach von „einem großen Sieg für den Kinderschutz“. Das Urteil gegen den Kardinal sende ein „sehr starkes Signal“ an die Opfer und zeige, dass man ihr Leid anerkenne und ihnen Gehör schenke. „Dies ist das Ergebnis eines langen Prozesses der Bewusstseinsbildung.“ Für Devaux, der in den letzten Monaten zum Gesicht der Opfer sexuellen Missbrauchs durch Geistliche in Frankreich geworden ist, ist klar: Die Zeiten haben sich nun geändert. Die Institution Kirche müsse sich nun die „richtigen Fragen“ stellen.

    Und auch von prominenter Seite gab es lobende Worte: Der französische Star-Regisseur Francois Ozon, der die Missbrauchsfälle im Lyoner Erzbistum mit seinem Werk „Grace a Dieu“ filmisch umsetzte und in semi-dokumentarischem Stil gerade einem breiten Kino-Publikum nahebringt, sprach ähnlich wie Devaux von einem „symbolischen Sieg“ für den Kinderschutz. „Durch den Fall des Kardinals Barbarin wird die Nicht-Anzeige pädophiler Handlungen in den Augen einer breiten Öffentlichkeit als tatsächliches Vergehen anerkannt.“ Ozons Film ist allerdings umstritten. Kritiker werfen ihm vor, mit der Darstellung der Rolle des Kardinals maßgeblich zu seiner Verurteilung beigetragen zu haben. Der öffentliche Ruf Barbarins sei auch durch die Medien derart beschädigt, dass dem Gericht kaum eine andere Wahl geblieben sei, als den französischen Erzbischof zu verurteilen, behauptete beispielsweise Jean-Félix Luciani, einer von Barbarins Anwälten. Man werde Berufung gegen das Urteil einlegen.

    Von kirchlicher Seite fielen die Einschätzungen differenzierter aus. Er freue sich sehr für die „neue Kirche“, die gerade entstehe, erklärte etwa Pierre Vignon – jener Priester aus der südfranzösischen Diözese Valence, der im August 2018 eine Petition gestartet hatte, in der er den Rücktritt des Kardinals forderte. Über 100 000 Unterschriften konnte er einsammeln. Gleichzeitig schränkte Pater Vignon in seiner Stellungnahme ein: „Für Philippe Barbarin persönlich freue ich mich nicht, denn ich habe ihm nie etwas Schlechtes gewünscht.“ Daher wolle er nicht so weit gehen, von einem persönlichen Sieg zu sprechen. Sein Rücktrittsgesuch bringe den Kardinal aber „auf die Höhe der Tatsachen“. Und eine Bemerkung konnte sich Vignon dann doch nicht verkneifen: „Der König ist tot, es lebe der König“.

    Aus Barbarins direktem Umfeld kamen zurückhaltende Äußerungen. Der Lyoner Weihbischof Emmanuel Gobilliard nahm den Kardinal vorsichtig in Schutz: Der gallische Primas trage die Last von Verbrechen, die er selbst nicht begangen habe. Damit spielte Gobilliard darauf an, dass Pater Preynat derjenige ist, der sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hat, nicht Barbarin. Den Noch-Erzbischof habe man nun jedoch stellvertretend für all diejenigen innerhalb der französischen Kirche zur Rechenschaft gezogen, die in den vergangenen Jahrzehnten mit ihrem Schweigen die Missbrauchsfälle ermöglicht hätten. Zudem wies Gobilliard darauf hin, dass Preynat noch immer nicht verurteilt sei.

    In der Tat ist der inzwischen 72-Jährige Bernard Preynat, der in Lyon unter Aufsicht der Justizbehörden lebt, noch nicht richterlich verurteilt. Gegen ihn läuft jedoch ein kirchenrechtliches Verfahren. Theoretisch ist er zwar noch immer Priester, darf das Amt jedoch nicht ausüben. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe wiegen schwer: Bis zu hundert Kinder zwischen acht und zwölf Jahren soll Preynat zwischen 1972 und 1991 in Pfadfinder-Camps missbraucht haben.

    Weihbischof Emmanuel Gobilliard war es auch, der vor wenigen Tagen im Interview mit der Tageszeitung „La Croix“ ein weiteres Detail enthüllte. Auch im Falle eines Freispruchs hätte Barbarin demnach seinen Rücktritt eingereicht. Bereits der Gerichtsprozess im Januar habe den Kardinal zu diesem Schritt veranlasst, so Gobilliard. Daher stehe der Termin des Treffens mit Papst Franziskus auch schon seit fast drei Wochen fest.

    Auffällig bedeckt hielt sich die französische Bischofskonferenz zu den jüngsten Entwicklungen in der Causa Barbarin. Die einzige Reaktion: eine knappe Stellungnahme, veröffentlicht auf der Website der Erzdiözese Lyon. Man habe sowohl das Urteil wie auch das Rücktrittsgesuch Barbarins „zur Kenntnis“ genommen, hieß es darin. Gleichzeitig wiesen die Bischöfe darauf hin, dass der Kardinal wie jeder Bürger das Recht habe, Berufung gegen den Schuldspruch einzulegen. „Die Entscheidung, den Rücktritt bei Papst Franziskus einzureichen, ist seine persönliche Gewissensfrage.“ Es sei nun an Papst Franziskus, diese in angemessener Weise zu beurteilen.

    Wann genau der Papst dies tun wird, ist nicht bekannt. Auf Wunsch Barbarins sollte das Datum des Treffens nicht öffentlich gemacht werden. Aus dem Vatikan drang bisher kein Wort, was Rückschlüsse auf eine Entscheidung zuließe. Papst Franziskus betonte stets, konsequent gegen Missbrauch und eine Kultur des Vertuschens vorzugehen.

    Will er dieses Wort halten, dürfte ihm wohl nichts anderes übrig bleiben, als das Rücktrittsgesuch eines Erzbischofs anzunehmen, der wegen Nicht-Anzeige von Missbrauchsfällen verurteilt worden ist.

    Bearbeitet von Lutz Maximilian

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