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    „Der Herr“ gegen die Heilbringer

    Heiligenkreuz (DT) Den prachtvollen Kaisersaal im Zisterzienserstift Heiligenkreuz im Wienerwald hätte Romano Guardinis ästhetischer Sinn als angemessenen Rahmen für eine Tagung gelten lassen, die sich mit seiner Schrift „Der Herr“ beschäftigte. EUPHRat, das Europäische Institut für Philosophie und Religion in Österreich, erinnerte mit einer Tagung „Der Herr gegen die Heilbringer“ daran, dass Guardini diesen Text vor 80 Jahren, nämlich im schicksalsschweren Jahr 1933 niederschrieb und 1937 erstmals als Buch veröffentlichte. Seine kleine, noch im Kriege 1943 in Mooshausen verfasste und 1946 erschienene Schrift „Der Heilbringer in Mythos, Offenbarung und Politik“ ist der Schlüssel für eine bisher kaum bekannte Lesart von Guardinis christologischem Hauptwerk: Es handelt sich beim „Herrn“ nicht nur einfach um jenes tiefe, zahlreiche Christen und Nichtchristen berührende, „nur“ religiöse Buch, sondern um eine für Guardini spezifische Form der Auseinandersetzung mit den totalitären Mächten seiner Zeit. Dabei werden weder der Nationalsozialismus noch der sowjetische oder chinesische Kommunismus ausdrücklich benannt. Vielmehr wird ihnen schlicht Christus als der Herr entgegengesetzt, die Wahrheit Christi gegen die totalitären Lügen, die zu benennen gar nicht nötig war.

    Heiligenkreuz (DT) Den prachtvollen Kaisersaal im Zisterzienserstift Heiligenkreuz im Wienerwald hätte Romano Guardinis ästhetischer Sinn als angemessenen Rahmen für eine Tagung gelten lassen, die sich mit seiner Schrift „Der Herr“ beschäftigte. EUPHRat, das Europäische Institut für Philosophie und Religion in Österreich, erinnerte mit einer Tagung „Der Herr gegen die Heilbringer“ daran, dass Guardini diesen Text vor 80 Jahren, nämlich im schicksalsschweren Jahr 1933 niederschrieb und 1937 erstmals als Buch veröffentlichte. Seine kleine, noch im Kriege 1943 in Mooshausen verfasste und 1946 erschienene Schrift „Der Heilbringer in Mythos, Offenbarung und Politik“ ist der Schlüssel für eine bisher kaum bekannte Lesart von Guardinis christologischem Hauptwerk: Es handelt sich beim „Herrn“ nicht nur einfach um jenes tiefe, zahlreiche Christen und Nichtchristen berührende, „nur“ religiöse Buch, sondern um eine für Guardini spezifische Form der Auseinandersetzung mit den totalitären Mächten seiner Zeit. Dabei werden weder der Nationalsozialismus noch der sowjetische oder chinesische Kommunismus ausdrücklich benannt. Vielmehr wird ihnen schlicht Christus als der Herr entgegengesetzt, die Wahrheit Christi gegen die totalitären Lügen, die zu benennen gar nicht nötig war.

    Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz gelang es, dies in ihrem einleitenden Referat „Christologie als Macht gegen Ideologie. Zu Guardinis Zeitdiagnose“ zu belegen. Bereits in der von Guardini in den Jahren 1932/34 verfassten und erstmals 2008 veröffentlichten Schrift „Die religiöse Offenheit der Gegenwart“ hieß es: „Viele Erscheinungen unseres heutigen Daseins: im Bereich der Erkenntnis, der Kunst, der Medizin, der Pädagogik, der sozial-politischen Lebens werden von einer Endzeiterwartung bestimmt... Überall wartet man auf den gesendeten Mann, der die Wende wirkt... Überall fühlt man die religiöse Verwurzelung der Gestalten und Symbole, die religiöse Innervierung der Motive, die Hinterbauung der Ziele mit religiöser Hoffnung.“ Guardini bindet seine Zeitanalyse nicht an die Widerlegung des Falschen und Bösen. Vielmehr lässt er die Finsternis am Licht verschwinden; am Guten erweise sich ihre Nichtigkeit. Da an der Gestalt Christi die Feinde verblassen, lohne es nicht, sich lange bei ihnen aufzuhalten. Die Waffe in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart sei schlicht die Wahrheit, so ein Kerngedanke: „In der Stille geschehen ja die großen Dinge. Nicht im Lärm und Aufwand der äußeren Ereignisse, sondern in der Klarheit des inneren Sehens, in der leisen Bewegung des Entscheidens, im verborgenen Opfern und Überwinden: Wenn das Herz durch die Liebe berührt, die Freiheit des Geistes zur Tat gerufen, und sein Schoß zum Werk befruchtet wird. Die leisen Mächte sind die eigentlich starken.“

    Auch die Mitglieder der Weißen Rose lasen Guardini

    Dem Nichts des Bösen entspreche der klassische und geistliche Rat seiner Nichtbeachtung, auch der Nichtangst. Daher solle „der Christ alles, was den Charakter des Unklaren und Fesselnden hat, wegschaffen“. Lange vor heutigen Versuchen habe Guardini von der „Geduld Gottes“ gesprochen. „Der Wahrheit fehlt die Macht“, so schreibt Guardini im „Herrn“: „Sobald sie in die Welt tritt, legt sie die Allmacht vor deren Toren nieder und kommt in der Schwäche der ,Knechtsgestalt‘.“ Der Kern des Bösen bestehe darin, dass es seine Macht nur unter „geliehener Maske“, unter dem Vorwand des Guten ausüben könne. Das Zerplatzen, Versinken des Bösen sei zwar katastrophales Geschehen, aber im Jüngsten Gericht geschehe ein Aufrichten durch die stille Macht der Wahrheit. „Einmal werden die lauten Dinge verstummen. Alles Sichtbare, Greifbare, Hörbare wird ins Gericht kommen, und die große Umwendung wird vor sich gehen... Einst werden die Dinge richtiggestellt. Was jetzt schweigt, wird als das Starke deutlich werden. Was verborgen ist, als das Ausschlaggebende.“

    Diese Gedanken Guardinis bewirkten im Letzten mehr als sichtbar wurde. Seine Anspielungen kreisten nur scheinbar ausschließlich um Theologie. So haben die Mitglieder der Weißen Rose in der „brüllenden Gegenwart“ (Eva Zeller, eine protestantische Hörerin in Berlin) Guardini gelesen und auch daraus ihre Widerstandskraft geschöpft. Seinen Namen hatte Guardini in frühen Schriften mit „Wächter“ übersetzt; seine Frage lautete immer wieder: „Wächter, wie weit ist die Nacht?“ Dabei habe er nicht das Untergehen in der Mitternacht, sondern das Vorrücken der Nacht auf den Morgen hin beobachtet. Die Diskussion zum Referat von Gerl-Falkovitz deckte auf, dass die heutigen „Heilbringer“ als moderne, gut verkleidete Antichristen etwas anderes anbieten: sekundäre Welten (Medien, elektronische Spiele), die sie in der Form des Pseudos, des „als ob“, nachbauen.

    Martin Brüske, Fribourg, stellte den „Herrn“ in den historischen Zusammenhang der Jesusliteratur. Nach dem Zusammenbruch der liberalen Jesus-Forschung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts nannte er die evangelischen Theologen Rudolf Bultmann, Albert Schweitzer und zuvor schon Martin Kähler als Zeugen für ein neues Denken, das sich für das „ganz Andere“ der Gestalt Jesu öffnet, das von den Theologen des 19. Jahrhunderts verdeckt worden war.

    Personsein statt Anonymität

    Dieses ganz Andere sei nicht etwa eine von der Weltimmanenz ableitbare „Genialität“ Jesu; er sei überhaupt nicht mit dem herkömmlichen Kategorienapparat beschreibbar. Deswegen sei der „Herr“ weder eine Biografie noch eine psychologische Analyse. „Im Auge des Hurrikans“, in der Zeit der theologisch bewusst vollzogenen Abstinenz von der historischen Jesus-Frage, habe Guardini mit dem „Herrn“ nicht etwa eine Alternative zur historischen Jesus-Forschung erarbeitet, sondern ein Gesamtbild Christi von hoher Tragfähigkeit und Faszinationskraft, das sich – je länger, je mehr – als klassisches Modell erweise.

    Als Vorübungen für die Gestalt Christi deutete Alfons Knoll, Regensburg, Guardinis große Interpretationen von Pascal, Dostojewskij und Hölderlin. Zwar handle es sich bei diesen Autoren nicht um jene Ketzer, die Guardini – nach einem Dictum Victor von Weizsäckers – immer „an seine Brust drücken und mit ihnen ringen“ müsse. Bei allen dreien habe Guardini Elemente gefunden, die er in die Gestalt Christi, wie er sie im „Herrn“ gezeichnet hatte, integrieren konnte. Die Lektüre von Pascal, Dostojewskij und Hölderlin kann damit als Augenöffner für das Ganze der Offenbarung wirken.

    Michael Wladika, Trumau, untersuchte Guardinis Interpretation der Duineser Elegien Rilkes als Ausdruck des neuzeitlichen Säkularisationsprozesses, wie er sich ebenfalls bei Heidegger manifestiere.

    Dass es junge Forschung zu Guardini gibt, bewiesen vier anspruchsvolle Vorträge. Beatrix Kersten, Dresden, wies auf das „Maß Christi als Krisis der Moderne“ hin, das Guardini in der Auseinandersetzung mit seinem Freiburger Studienkollegen Heidegger – der oft nicht ausdrücklich genannt wird – verfechte. An die Stelle der Geworfenheit setze er die Geschaffenheit, an die Stelle des Hineinstehens ins Nichts das Angerufensein, das Antwort verlange. Die Eigentlichkeit des Menschen sei seine Gottebenbildlichkeit; anstelle von Anonymität werde sein Personsein entfaltet.

    Paul Metzlaff, München, stellte gegen den modernen naturwissenschaftlichen Reduktionismus Guardinis Verständnis des Menschen. Er sei „auf hin“ und „von her“ geschaffen und eben nicht einfach kausal durch Vergangenes (also evolutionär) determiniert, sondern auf Zukunft und damit auf Gott hin angelegt.

    Albrecht Voigt, Dresden, untersuchte Guardinis Rezeption Nietzsches, der Dionysos gegen den Gekreuzigten gestellt hatte. Doch habe Guardini in dieser Kampfformel keinen Widerspruch entdeckt, vielmehr darin ein fruchtbares Spannungsverhältnis gesehen. Voigt stellte die anregende Frage, ob nicht Guardinis Deutung der Liturgie als heiliges Spiel von Nietzsches spielendem „Kind“ am Anfang des „Zarathustra“ inspiriert worden sei. Wie ein evangelischer Christ und Philosoph Guardini heute liest, zeigte Harald Seubert, Nürnberg/Basel, in gewohnt temperamentvoller Weise. Natürlich fasziniere den evangelischen Christen Guardini als derjenige, der den Wortlaut der Schrift ernst nehme. Doch verstehe man heute das lutherische „sola scriptura“ nicht mehr in einem alle anderen Quellen ausschließenden Sinn. Seubert bezeichnete die säkulare Welt heute als keineswegs irreligiös, sie stelle die Frage nach Heil und Erlösung nur anders. Allerdings: In der „Erde“ finden sich zwar alle Attribute des Göttlichen, aber eben nur innerweltlich verkürzt.

    Pater Kosmas Thielmann OCist, Heiligenkreuz, entfaltete an einer Auslegung der Apokalypse Guardinis Meisterschaft in der Mystagogie, also in der Einführung zu den heiligen Geheimnissen. Insofern sei der „Herr“ ein einzigartiges Beispiel geistlicher Literatur, weder durch Meditation noch durch historisch-kritische Analyse ersetzbar, denn das Geheimnis des Sohnes Gottes ereigne sich zwar in der Geschichte, sei aber nicht daraus abzuleiten. Zur Verdeutlichung wies Pater Kosmas auf die „Bewegung“ der himmlischen Stadt hin, die von oben herabkommt; die neue Schöpfung werde ganz aus der Liebe von oben sein. Es handle sich bei Guardinis „Herr“ nicht um eine Wissensvermittlung, sondern um die Eröffnung eines Begegnungsraumes für Jesus Christus.

    Der rote Faden aller Beiträge zeigte, dass Guardinis Aussage im „Herrn“ als zeitübergreifend für damals und heute gelten kann. Auch die Bezüge bis zu Joseph Ratzingers Jesus-Buch in drei Bänden erweisen das Fortwirken dieses meisterlichen Werkes.