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    Der Gott der Genesis

    Der Bericht des Buches Genesis über die Erschaffung des Menschen, seinen Sündenfall und seine Vertreibung aus dem Paradies gehört zu den Passagen des Alten Testaments, die die Christen von Anfang an am meisten beschäftigten. Schon früh kamen Fragen auf, zum Beispiel solche: Wusste Gott, dass Adam von den verbotenen Früchten essen würde? Wenn er es nicht vorauswusste, dann war er nicht allwissend. Wenn er es aber vorauswusste und zuließ, war er dann nicht böswillig? Manche kamen aus solchen Erwägungen zu dem falschen Schluss, der Gott des Alten Testaments, der Gott des Buches Genesis, könne nicht der wahre Gott sein, wie das Neue Testament ihn zeige.

    Paradiespforte von Lorenzo Ghiberti am Baptisterio San Giovanni in Florenz. Foto: KNA

    Der Bericht des Buches Genesis über die Erschaffung des Menschen, seinen Sündenfall und seine Vertreibung aus dem Paradies gehört zu den Passagen des Alten Testaments, die die Christen von Anfang an am meisten beschäftigten. Schon früh kamen Fragen auf, zum Beispiel solche: Wusste Gott, dass Adam von den verbotenen Früchten essen würde? Wenn er es nicht vorauswusste, dann war er nicht allwissend. Wenn er es aber vorauswusste und zuließ, war er dann nicht böswillig? Manche kamen aus solchen Erwägungen zu dem falschen Schluss, der Gott des Alten Testaments, der Gott des Buches Genesis, könne nicht der wahre Gott sein, wie das Neue Testament ihn zeige.

    Gegen solche Thesen, die auch in seiner Mailänder Gemeinde für Unruhe sorgten, musste Anfang des fünften Jahrhunderts der Mailänder Bischof Ambrosius Stellung beziehen. Die kleine Schrift „Über das Paradies“, die er aus diesem Anlass schrieb, ein Frühwerk des Kirchenvaters, erscheint nun im Johannes Verlag Einsiedeln in deutscher Übersetzung. Der Übersetzerin Susanne Greiner ist es gelungen, den lateinischen Text in einen gut lesbaren deutschen Lesetext umzusetzen, der gegenüber dem Original leicht gekürzt ist. Vorangestellt ist dem handlichen Bändchen eine kurze, aber profunde Einführung aus der Feder des bekannten Ambrosius-Experten Giorgio Maschio.

    Ambrosius greift in seiner Paradiesschrift auf die Methode der allegorischen Bibelauslegung zurück und orientiert sich dabei an dem jüdischen Exegeten Philon von Alexandrien, der im ersten Jahrhundert nach Christus die allegorische Schriftinterpretation auf einen ersten Höhepunkt geführt hatte. An manchen Stellen geht er sogar bewusst über Philon hinaus, etwa wenn er Gottes Auftrag an Adam, das Paradies „zu bebauen und zu behüten“ nicht nur buchstäblich versteht, sondern den Auftrag auch auf das geistliche Leben bezieht. Später sollte die allegorische Exegese des Ambrosius übrigens den Rhetorikprofessor Augustinus von seinen Vorbehalten gegenüber dem Alten Testament und dem dort sich manifestierenden Gott befreien und die Bekehrung des späteren Kirchenvaters vorbereiten helfen.

    Ambrosius stellt den Paradiesbericht des Buches Genesis gegenüber der pessimistischen Sicht der Kritiker des Alten Testaments positiv dar: als Teil einer Heilsgeschichte, die schon im irdischen Paradies ihren Anfang nahm und über Christus in das unvergängliche ewige Himmelsparadies führen wird. Die von ihm gewählte allegorische Methode macht in hervorragender Weise auch den hinter dem Buchstäblichen verborgenen spirituellen Sinn deutlich. Anregend ist etwa Ambrosius Ausdeutung der vier Paradiesflüsse als Sinnbild der vier Kardinaltugenden; so steht der Euphrat für die Gerechtigkeit: denn der Name dieses Flusses leitet sich für Ambrosius ab vom griechischen Verb „euphrainesthai“ – sich freuen –, und über nichts freuten sich die Menschen mehr als über die Gerechtigkeit. Die bei anderen Schriftstellern so wichtige Frage, wo denn der Paradiesgarten genau gelegen habe, verliert dabei an Wichtigkeit. Ambrosius geht es nicht um die geografische Lokalisation des Gartens Eden, sondern um die durch die Paradiesschilderung versinnbildlichte geistig-spirituelle Verfasstheit des Menschen vor dem Sündenfall.

    Auch zu den Details der Schilderung der Erschaffung des Menschen weiß Ambrosius Profundes zu sagen. Die allegorische Methode erweist sich dabei als hervorragend geeignet, um aus dem Schöpfungsbericht wegweisende und auch heute noch hilfreiche Schlüsse über das rechte Verhältnis zwischen Mann und Frau zu ziehen.

    In der Verführungsszene macht er einen tieferen Sinn aus, der die anthropologischen Grundlagen der Sünde aufzeigt: Adam, der sich von Eva zur Sünde überreden lässt, deutet er als den Verstand (griechisch nous), die von der Schlange verführte Eva als die Sinnlichkeit (aisthesis), die Schlange selbst aber als die Begierlichkeit, aus der alle Sünde entsteht. Warum schuf Gott die Eva und machte dadurch die Fortpflanzung des Menschengeschlechts möglich, das doch schließlich der Sünde verfallen sein würde? Für Ambrosius manifestiert sich darin der unbedingte Erlösungswillen Gottes: „Weil die Fortpflanzung des Menschengeschlechts allein durch den Mann nicht möglich war, verkündigte der Herr, es sei nicht gut, dass der Mensch allein ist. Denn Gott wollte lieber die Menschen retten und ihnen die Sünden erlassen, als dem einen schuldlosen Adam allein.“

    Ambrosius sieht den Menschen in eine Dialektik gestellt: Einerseits ist der Mensch mit einem freien Willen ausgestattet und insofern befähigt zur Sünde; andererseits steht er unter der Gnade Gottes, von der er Vergebung erhoffen kann.

    Wusste der Gott der Genesis nicht, dass Adam sich gegen sein Gebot vergehen würde? Zeigte er sich damit nicht als unwissend, also als ein anderer als der wahre Gott des Neuen Testaments? Ambrosius pariert diesen Einwand mit einem Verweis auf das Neue Testament selbst: „Auch die Schrift widerlegt ihre Meinung, indem sie sagt, dass ,Jesus wusste, wer ihn verraten würde‘.“ So wie Jesus trotz seines Vorauswissens den Judas dennoch zum Apostel erwählte, so wurde Adam dennoch erschaffen, obwohl sein Sündenfall vorhergesehen wurde.

    Damit Gott den Menschen verzeihen kann, müssen sie ihm ihre Sünden erst bekennen. So gestand am Ende Eva ihre Verfehlung ein und fand Vergebung. Anders sollte es später mit Kain sein: Er leugnete die Ermordung seines Bruders Abel ab und deshalb „ist dem Teufel als seinem Ankläger die Anklage gegen ihn vorbehalten, damit zusammen mit seinen Engeln gezüchtigt werde, der mit den (ihre Sünden vor Gott bekennenden) Menschen nicht gezüchtigt werden wollte.“

    Die handliche deutsche Übersetzung der Paradiesschrift des heiligen Ambrosius eröffnet den Zugang zu einem kleinen Meisterwerk patristischer Exegese, dessen Reichtum hier nur angedeutet werden kann. Ambrosius greift zahlreiche Fragen auf, die sich bei der bloßen Lektüre ergeben können und beantwortet sie in überzeugender Weise. Luzide sind etwa auch seine Ausführungen zur Benennung der Tiere durch Adam. Deutlich wird die Stärke der allegorischen Lesart der Schrift, zu deren Wiederentdeckung der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seinem Pontifikat immer wieder aufrief. Welch reiche Frucht diese Exegesemethode zeitigen kann, dafür ist „Über das Paradies“ ein wundervolles Beispiel, gerade weil Ambrosius darin für die menschliche Existenz konstitutive Fakten behandelt: die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau; seine Erschaffung als mit freiem Willen ausgestattetes Wesen; seinen Sündenfall und seine Erlösungsfähigkeit. Von dieser Schrift lässt sich auch heute noch viel lernen.

    Ambrosius von Mailand: Über das Paradies, Übersetzung von Susanne Greiner, mit einer Einführung von Giorgio Maschio, Johannes Verlag Einsiedeln, Freiburg i. Br. 2013, 101 Seiten, ISBN 978-3-89411-415-2, EUR 12,–