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    „Der Geburtsort des Herrn lehrt Demut“

    Bethlehem (DT) Die Geburtskirche zu Bethlehem gibt sich nach außen verschlossen. Sie hat – mit Verlaub – kein richtiges Gesicht. Hohe Mauern umfassen unförmig und abweisend, was doch eine der heiligsten Stätten der Christenheit ist. Eine kleine Öffnung nur, kaum ein Kind kann darin aufrecht stehen, führt in das Gotteshaus hinein. „Das ist die Pforte der Demut. Durch sie muss jeder in gebeugter Haltung hindurch. Anders kann man sich dem Geburtsort des Herrn, ob König, Präsident oder Patriarch, nicht nähern. Ich halte das für ganz entscheidend“: Pater Stephane Milovitch steht dem Franziskanerkonvent neben der Geburtskirche als Guardian vor. Als solcher empfängt der Franzose hier den Lateinischen Patriarchen, wenn dieser aus Jerusalem kommend am 24. Dezember zur Mitternachtsmesse einzieht. Vor allem aber ist er Liebhaber der Geburtskirche, ihrer Architektur, ihrer Geschichte. So erzählt er denn während des vorweihnachtlichen Rundgangs, dass man das Portal während der Türkenherrschaft über das Heilige Land verkleinert habe, um die osmanischen Herren daran zu hindern, hoch zu Ross einzureiten, wo Gott sich unter die Menschen erniedrigte.

    Wer sich nicht klein machen kann wie ein Kind, kommt nicht ans Ziel. Die Pforte der Demut an der Geburtskirche entsprich... Foto: Maksan

    Bethlehem (DT) Die Geburtskirche zu Bethlehem gibt sich nach außen verschlossen. Sie hat – mit Verlaub – kein richtiges Gesicht. Hohe Mauern umfassen unförmig und abweisend, was doch eine der heiligsten Stätten der Christenheit ist. Eine kleine Öffnung nur, kaum ein Kind kann darin aufrecht stehen, führt in das Gotteshaus hinein. „Das ist die Pforte der Demut. Durch sie muss jeder in gebeugter Haltung hindurch. Anders kann man sich dem Geburtsort des Herrn, ob König, Präsident oder Patriarch, nicht nähern. Ich halte das für ganz entscheidend“: Pater Stephane Milovitch steht dem Franziskanerkonvent neben der Geburtskirche als Guardian vor. Als solcher empfängt der Franzose hier den Lateinischen Patriarchen, wenn dieser aus Jerusalem kommend am 24. Dezember zur Mitternachtsmesse einzieht. Vor allem aber ist er Liebhaber der Geburtskirche, ihrer Architektur, ihrer Geschichte. So erzählt er denn während des vorweihnachtlichen Rundgangs, dass man das Portal während der Türkenherrschaft über das Heilige Land verkleinert habe, um die osmanischen Herren daran zu hindern, hoch zu Ross einzureiten, wo Gott sich unter die Menschen erniedrigte.

    Uralt ist die Überlieferung, dass hier der Herr Jesus Christus in einer der für diese Gegend typischen Grotten geboren wurde. Die frühen Christen haben das Gedächtnis dieses Ortes stets treu bewahrt. Das römische Heidentum indes wollte die Erinnerung daran auslöschen und hat doch das Gegenteil erreicht: Vielleicht schon unter Hadrian, spätestens aber unter dem Christenverfolger Decius wurde um 250 ein Adonis-Tempel über dem Geburtsort Jesu Christi errichtet. Der heilige Hieronymus, der in Bethlehem auf päpstlichen Befehl eine neue lateinische Bibelausgabe schuf, fühlte noch diesen Skandal. In einem Brief an seinen Freund Paulinus schrieb er 386 – also schon sechzig Jahre nach Errichtung der konstantinischen Basilika über der Grotte: „Ein heiliger Hain des Tammuz, auch Adonis genannt, umschattete unser Bethlehem, den erhabensten Ort in der ganzen Welt, von dem der Psalmist schreibt: Die Wahrheit sproß aus der Erde hervor. In der Höhle, in der einst Christus als Kindlein wimmerte, wurde der Liebhaber der Venus beweint.“

    Die konstantinische Basilika fiel jedoch bald einem Brand oder Erdbeben zum Opfer. Kaiser Justinian ließ daraufhin einen neuen Bau errichten, der in seinen wichtigsten Teilen noch heute steht. Während der Persersturm zu Anfang des 7. Jahrhunderts sonst im Heiligen Land keinen Kirchenstein auf dem andern ließ, wurde die Geburtskirche vor diesem Schicksal bewahrt. Pater Stephane: „An der Basilika war ein Mosaik mit den drei Weisen aus dem Morgenland angebracht. Sie trugen persische Tracht. Wohl aus Respekt vor ihren Landsleuten ließen die Perser die Kirche deshalb bestehen.“ Die Folgen dieser Sentimentalität lassen Pater Stephane ins Schwärmen geraten. „Sie werden keinen Kirchenraum auf der Welt finden, der die Architektur des sechsten Jahrhunderts in solcher Reinheit bewahrt hat wie diese Kirche. Selbst in Ravenna gab es später große Änderungen. Hier wurde aber nie etwas verändert.“

    Es herrscht reger Betrieb in der Kirche an diesem Tag im Advent. Zwei Millionen Besucher – Pilger wie Touristen – besuchen das Gotteshaus jährlich. Statiker haben sich schon besorgt gezeigt, dass das Gebäude leiden könnte, weil sich die Besuchermassen einseitig auf das rechte der fünf Kirchenschiffe konzentrieren, wo sie warten, zur Geburtsgrotte vorgelassen zu werden. Griechische Mönche sorgen derweil im Kirchenraum mit Besen und Wedeln für Ordnung und für Sauberkeit – und setzen ihre Instrumente manchmal auch zu anderen Zwecken ein. Pater Stephane: „Im letzten Jahr gingen ja leider wieder diese peinlichen Bilder über Youtube, wo sich Armenier und Griechen im Zuge der Reinigungsarbeiten für Weihnachten prügeln. Das ist natürlich beschämend. Aber es waren nicht eigentlich Mönche, die da zu gange waren. Zur Verstärkung der oft alten Mönche holen die Gemeinschaften junge Männer herbei, denen dann eine Kutte übergeworfen wird. Und da kann es dann schon sein, dass sie aneinandergeraten.“ Pater Stephane sieht das Ganze aber eher wie eine Kissenschlacht im Knabeninternat. Der Streit entzündet sich meistens daran, dass die eine Seite putztechnisch in den Raum der anderen eindringt. „Was ich putze, gehört mir“, bringt Stephane die Besitzverhältnisse in der Kirche auf den Punkt. Der Status quo, eine Verfügung des osmanischen Sultan, regelt die Rechte und Pflichten der Konfessionen in der Kirche bis heute einigermaßen leidlich.

    „Insgesamt ist unser Verhältnis aber nicht schlecht. Wir laden Griechen und Armenier zu uns ein und umgekehrt. Manche Mönche sind sogar miteinander befreundet.“ Ohne interkulturelles Feingefühl geht es indes nicht. „Wir Westler halten die Mönche und Pilger aus dem Osten oft für ungebildet und irrational. Die Mentalität der Griechen scheint uns auf den ersten Blick vielleicht ein wenig leicht erregbar zu sein. Die wiederum meinen, wir westliche Christen seien Rationalisten und vom Zweifel zerfressen.“ Er weist auf die griechische Ikonostase, die im Halbdunkel der Apsis liegt. Reichverziertes orthodoxes 17. Jahrhundert mit prachtvollen Ikonen, vor denen Lichter flackern. „Viele westliche Besucher rümpfen die Nase angesichts der Altarwand. Das sei Klerikalismus und trenne das Volk vom Priester und dem Geschehen am Altar. Für die Griechen ist aber das Gegenteil der Fall: Die Schranke hilft den Gläubigen ihrer Ansicht nach zu erahnen, um welch ein großes Mysterium es sich bei der Eucharistie handelt. Das muss man respektieren.“

    Irgendwann stellt man dann fest, so Pater Stephane, dass es zwar große kulturelle Differenzen gibt, der Glaube aber im wesentlichen derselbe ist. Gerade die Geburtskirche stehe dafür. „Dies ist eine ökumenische Kirche.“ Dies sieht Pater Stephane besonders durch die matt schimmernden Mosaiken ausgedrückt, die die Wände des Mittelschiffs zieren. „Wir sehen hier die ersten sieben allgemeinen Konzilien sowie einige regionale Synoden abgebildet. Und diese Mosaiken haben nicht die Griechen angebracht, sondern die Kreuzfahrer, dazu noch im byzantinischen Stil. Das sagt doch etwas!“ Auch die mittlerweile arg verblassten Wachsmalereien auf den Säulen sieht Pater Stephane als eine Brücke zwischen Ost und West. „Auch die stammen aus der Kreuzfahrerzeit. Sie finden deshalb natürlich lateinische Heilige wie Knuth und Olaf aus Skandinavien, also solche, die mit der lokalen Kirche nichts zu tun haben. Aber natürlich auch Heilige des Ostens. Das zeigt doch, dass für die Kreuzfahrer Heiligkeit etwas war, das ihren Kulturraum überstieg. Das gemeinsame Dogma führt zur Gemeinschaft auch in der Heiligkeit. Das zeigen diese Säulen und die Mosaiken.“

    Lange, dunkle Schlieren an den Mauern zeigen indes, in welch desolatem Zustand sich das Kirchendach befindet. „Es ist an vielen Stellen undicht. Bislang konnten sich die Konfessionen nicht auf ein gemeinsames Vorgehen für die dringend nötige Renovierung einigen.“ Jetzt scheint die Palästinensische Autonomiebehörde die Dinge in die Hand zu nehmen. Seit die Kirche im Sommer ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde, fühlen sich die Behörden dazu berechtigt. „Wir waren gegen diese Aufnahme, weil dies eine Heilige Stätte ist und kein Mittel, um Politik zu betreiben.“

    In der Geburtsgrotte angekommen, hält Pater Stephane inne. Besucher aus Nigeria und von den Philippinen drängen sich um die mit einem silbernen Stern bezeichnete Stelle, wo Jesus geboren wurde. „Hier in Bethlehem ist alle Tage Weihnachten. Die Pilgergruppen benutzen hier immer die Formulare vom Fest. Und auch wir Priester, die hier ständig Dienst tun, erwähnen im Credo, dass es hier war, wo die Jungfrau den Messias gebar. Aber obwohl ich schon so häufig an dieser Stelle war, kann ich mich doch immer wieder neu freuen, dass Gott zu unserem Heil Mensch wurde – hier in Bethlehem.“