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    Der Friedensmittler hinter den Kulissen

    Ich bin wohl der kleinste Kardinal der Welt“, begrüßte Kardinal Orlando Quevedo seine Zuhörer. Das Handeln des Erzbischofs der philippinischen Stadt Cotabato zeugt jedoch von wahrer Größe. Er ist ein unermüdlicher Kämpfer für Frieden und Dialog zwischen Christen und Muslimen in seinem Heimatland, den Philippinen. Der Inselstaat mit seinen mehr als 100 Millionen Einwohnern steht dieses Jahr im Fokus der Kampagne zum Sonntag der Weltmission am 23. Oktober, den das Internationale Katholische Hilfswerk missio ausrichtet.

    Sichtlich bemüht um interreligiösen Dialog: Kardinal Quevedo mit jungen Muslimen vor der „großen Moschee“ in Cotabato. Foto: missio

    Ich bin wohl der kleinste Kardinal der Welt“, begrüßte Kardinal Orlando Quevedo seine Zuhörer. Das Handeln des Erzbischofs der philippinischen Stadt Cotabato zeugt jedoch von wahrer Größe. Er ist ein unermüdlicher Kämpfer für Frieden und Dialog zwischen Christen und Muslimen in seinem Heimatland, den Philippinen. Der Inselstaat mit seinen mehr als 100 Millionen Einwohnern steht dieses Jahr im Fokus der Kampagne zum Sonntag der Weltmission am 23. Oktober, den das Internationale Katholische Hilfswerk missio ausrichtet.

    Kardinal Quevedo ist einer der Projektpartner des Hilfswerks. Am Mittwochabend war er zu Gast im Würzburger Juliusspital, um von der Lage in seiner Heimat, insbesondere auf der südlichen Insel Mindanao, und von seinen Bemühungen um interreligiösen Dialog zu berichten. Das Programm, mit dem die Veranstalter aufwarteten, war abwechslungsreich: Eröffnet wurde der Abend von einer philippinischen Tanzgruppe, ehe Missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber einige einführende Worte an die versammelten Zuhörer richtete. „Es kann ein schönes Bild davon ankommen, wie die Kirche auf den Philippinen lebt“, so Huber. Trotz der geografischen Distanz sei es wichtig, dass man im Geist und im Gebet miteinander verbunden sei.

    Im anschließend gezeigten Kurzfilm, der einen Überblick über Politik, Religion und soziale Brennpunkte auf den Philippinen vermitteln sollte, wurde schnell deutlich, dass der Alltag auf den Philippinen für die meisten Menschen ein sehr beschwerlicher ist. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung, die zu gut achtzig Prozent katholisch ist, lebt unter der Armutsgrenze. Die Menschen sind großen Gefahren ausgesetzt, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Ausbeutung durch multinationale Konzerne, Gewalt, Korruption und vor allem der Konflikt zwischen muslimischen Rebellen und den Regierungstruppen des jüngst gewählten Präsidenten Rodrigo Duterte stellen die Menschen vor viele Herausforderungen. Erst Anfang September forderte ein Anschlag der islamistischen Terrororganisation „Abu Sayyaf“ auf der Insel Mindanao 14 Todesopfer.

    Gerade um auf diese angespannte Lage aufmerksam zu machen, sind es die Philippinen, die missio in den Blick nimmt. Zunächst erzählte Kardinal Quevedo vom alltäglichen Zusammenleben von Christen und Muslimen auf den Philippinen. In den Schulen, auf dem Markt, sogar am Arbeitsplatz, betonte der 77-Jährige, begegneten Christen und Muslime einander „mit Respekt, Freundschaft und Liebe“. „An der katholischen Universität von Cotabato, wo ich als Professor unterrichtete, sind mehr als sechzig Prozent der Studenten Muslime. Friede und Harmonie sind da unerlässlich, man kann sich schließlich nicht aus dem Weg gehen.“ Und auch in hohen Verwaltungsämtern seiner Heimatstadt Cotabato seien zwei Drittel Muslime. Daher habe er immer wieder auch in sozialen Angelegenheiten mit ihnen zu tun – die Pflege des Dialogs sei ihm sehr wichtig.

    Kardinal Quevedos Biografie hat ihn gelehrt, dass nur gegenseitiges Verständnis und Toleranz ein harmonisches Zusammenleben ermöglichen. Daher ist er auch ein vehementer Verfechter eines Friedensvertrags zwischen der Regierung und den muslimischen Rebellen, die auf Mindanao eine autonome Selbstverwaltungszone anstreben. Bislang seien solche Kompromiss-Bestrebungen stets im Parlament gescheitert, da Vorurteile gegenüber Muslimen bei vielen Katholiken noch immer weit verbreitet seien. Doch für Quevedo steht fest: „Die muslimischen Rebellen sind moderat eingestellt, sie sind keine Fundamentalisten. Sie haben Respekt vor den Christen.“

    Gerade werde ein neuer Gesetzentwurf ausgearbeitet. Dem amtierenden Präsidenten Duterte sei sehr viel daran gelegen, endlich Frieden zu schließen, berichtete der Kardinal. Die Chancen auf Erfolg seien unter dem neuen Regierungschef größer, da Senat und Kongress ihm wohlgesonnen seien. „Ich glaube fest daran, dass innerhalb der nächsten 16 Monate ein Friedensvertrag unterzeichnet werden wird“, brachte Kardinal Quevedo seine Hoffnung zum Ausdruck. Für den Kirchenmann, der sich selbst eher als hinter den Kulissen agierenden „Friedensmittler“ sieht, ginge damit ein Lebenstraum in Erfüllung.

    Doch selbstverständlich sprach Kardinal Quevedo, der in den Tagen zuvor bereits zahlreiche weitere bayerische Städte bereist und dort aus seiner Heimat berichtet hatte, auch über das alltägliche Kirchenleben auf den Philippinen. Tief im Glauben verwurzelt seien die Menschen dort. In ihrer Armut und Notlage gebe der Glaube vielen Menschen Halt und helfe dabei, den Alltag zu bewältigen. Dabei betonte der Kardinal, dass sich die katholische Kirche auf den Philippinen grundlegend von der „normalen“ Kirche unterscheide.

    In Dörfer, in denen zwischen hundert und zweihundert Familien leben, existierten mehrere sogenannte „kleine christlichen Gemeinden“, denen jeweils zehn bis fünfzehn Familien angehörten. „Jeder Gemeine steht ein in Liturgie und Bibel ausgebildeter Laienverantwortlicher vor. Einmal pro Woche versammeln sich alle Gemeindemitglieder im Haus eines Gläubigen, lesen in der Bibel und reflektieren die Bedeutung.“ Dabei handele es sich nicht um professionelle theologische Gespräche, vielmehr spiele der Praxis-Aspekt eine Rolle. „Es geht immer darum: Wie kann man das in der Bibel Gelehrte im Leben, im Alltag, im Dorf anwenden?“ Am Sonntag treffen sich dann alle Familien eines Dorfes zum gemeinsamen Gebet, Bibellesung und dem Empfang der heiligen Kommunion. Besonders die familiäre Atmosphäre sei ein Hauptmerkmal des philippinischen Glaubenslebens. „Ich nenne es einen ,neuen Weg, Kirche zu sein?“, erklärte Quevedo den versammelten Zuhörern.

    Beeindruckend war, mit welcher Freundlich- und Fröhlichkeit der Kardinal aus seiner Heimat berichtete, obwohl der Alltag oftmals kaum Anlass dazu gibt. Am Ende seiner Erzählungen lud er alle Anwesenden mit ausgebreiteten Armen dazu ein, selbst einmal die Philippinen zu bereisen. „Kommen Sie nach Cotabato“, sagte er lächelnd. „Ich werde mich persönlich um Sie kümmern und Ihnen alles zeigen.“ Man glaubt sofort, dass Kardinal Quevedo dies mit Freuden tun würde.