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    Denk ich an Deutschland...

    Würzburg (DT) Klagen über die Krise der katholischen Kirche begegnet Walter Kardinal Kasper mit einer Mischung aus gesunder Skepsis und optimistischer Entschlossenheit. Vor gut vierhundert Zuhörern legte er am Montag in der Katholischen Akademie in Bayern ein persönlich gefärbtes Bekenntnis zur Kirche ab. „Kirche ist immer im Umbruch und in der Krise“, so das Resumée seiner Lebenserfahrung. Im Vergleich zur schwierigen Zeit des Nationalsozialismus und den turbulenten nachkonziliaren Jahren empfindet der 78-Jährige die gegenwärtige Situation seiner Kirche als durchaus wohltuend: „Heute geht es geradezu gesittet zu“, so Kasper wörtlich.

    Würzburg (DT) Klagen über die Krise der katholischen Kirche begegnet Walter Kardinal Kasper mit einer Mischung aus gesunder Skepsis und optimistischer Entschlossenheit. Vor gut vierhundert Zuhörern legte er am Montag in der Katholischen Akademie in Bayern ein persönlich gefärbtes Bekenntnis zur Kirche ab. „Kirche ist immer im Umbruch und in der Krise“, so das Resumée seiner Lebenserfahrung. Im Vergleich zur schwierigen Zeit des Nationalsozialismus und den turbulenten nachkonziliaren Jahren empfindet der 78-Jährige die gegenwärtige Situation seiner Kirche als durchaus wohltuend: „Heute geht es geradezu gesittet zu“, so Kasper wörtlich.

    Die identitätsstiftende Kraft des Katholischen hat der ehemalige Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen während seiner Dienstjahre in der Kurie bei zahlreichen Besuchen in afrikanischen und lateinamerikanischen Ortskirchen erlebt, in denen Not und Verfolgung herrschen. Die Probleme der Katholiken in Europa nähmen sich dagegen recht bescheiden aus.

    Auch typisch deutsche Kritik am vermeintlichen Reformstau in der Kirche wies Kasper zurück. „Der Spruch ,an der Basis geht es voran, oben wird gebremst‘ ist schlicht ignorant“, stellte der Kardinal fest. Dass die meisten Reformvorschläge aus katholischen Mündern ausschließlich binnenkirchliche Perspektiven berücksichtigen, wird mittlerweile von vielen als ungesunde Abschottung empfunden. „Auch wir Christen haben die Wirklichkeit Gottes in der Welt verdrängt und verdunkelt“, kritisierte Kardinal Kasper und bedauerte, dass die nachkonziliare Diskussion hinter die positiven Ansätze des Zweiten Vatikanischen Konzils in rein innerkirchliche Strukturfragen zurückgefallen sei. Als „Selbsttäuschung“ bezeichnete er die Meinung, dass Menschen ohne Beziehung zur Kirche an diesen Querelen interessiert seien. „Wir brauchen eine theozentrische Wende in der Theologie und in der Praxis der Kirche“, erklärte er. Nicht Strukturreformen, sondern die Gottesfrage gehört also an die erste Stelle der katholischen Agenda.

    Eine zunehmende Polarisierung in der Kirche macht er an der Publikation von Memoranden und Gegenerklärungen fest. Ein Trend, dem sich auch ein Kardinal nicht immer entziehen kann. Kaspar selbst hatte den Unterzeichnern des Theologen-Memorandums vom Januar 2011 in einem viel beachteten Zeitungsartikel widersprochen.

    Anzeichen für einen Übergang von der Volkskirche zur Minderheitenkirche zeigen sich jeden Sonntag in katholischen und evangelischen Gotteshäusern. Im schrumpfenden Messbesuch und dem steigenden Altersdurchschnitt der Kirchgänger verortete Kardinal Kasper eine „tickende Zeitbombe“. Im Vergleich zwischen dem epochalen Wandel in der Gegenwart und dem Ende der feudalen Reichskirche nach den napoleonischen Kriegen und den Umbrüchen ließ der ehemalige Theologieprofessor die Geschichte als Lehrerin aufscheinen. Ohne Geburtsschmerzen keine neuen Anfänge. Unrecht und bittere Erfahrungen hatten am Ende der Reichskirche gestanden, aus der die milieugestützte Volkskirche hervorging. Diese jedoch sei ein „Fels in der Brandung“ gewesen, in der die Menschen in den Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts Halt und geistige Heimat gefunden hätten, unterstrich der Kardinal.

    Dass schmerzliche Abschiede aus dem Pfarreialltag in Deutschland kaum noch wegzudenken sind, davon kann nahezu jede katholische Gemeinde ein Lied singen. Doch sind es nicht diese Verlusterlebnisse, sondern der Mangel an „konkreten und zugleich realistischen Zukunftsvisionen“, die dem Kardinal Sorge bereiten. An positiven Beispielen der Nachfolge Christi in der Kirche des 21. Jahrhunderts fehlt es nicht. Glaubt man Kardinal Kasper, so ist wohl eher die eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit vieler Katholiken in Deutschland eine nicht zu unterschätzende Hürde. Andere Ortskirchen, andere Sichtweisen: Das deutsche Staat-Kirche-Verhältnis etwa sei international „kaum zu vermitteln“. Auch mit den neuen geistlichen Bewegungen tut man sich nach Kaspers Erfahrung nördlich der Alpen schwerer als andenorts.

    Hoffnungen setzt der Kardinal auf das missionarische Wirken kreativer und qualifizierter Minderheiten. Wie könnte es ihnen gelingen, einen Mittelweg zu finden zwischen innerkirchlichen Lagern, ohne von polarisierenden Kräften vereinnahmt zu werden? Der Kardinal empfahl, zweigleisig zu fahren: Die Kirche brauche geistliche Erneuerung und konkrete Reformen zugleich, um weder in sinnlosen Aktionismus noch in weltflüchtigen Spiritualismus abzugleiten.

    Wie weit der Weg noch ist, zeigte die anschließende Diskussion. Sorgen über die nicht selten defätistische Stimmung im Klerus, Murren in den Gemeinden über mangelnde Transparenz bei Personalentscheidungen und vieles mehr machen den Pfarreien landauf, landab zu schaffen. Kasper räumte „Dialogschwierigkeiten zwischen Rom und der Basis“ ein. Diese müssten jedoch in Deutschland gelöst werden. Gegen pauschale Kritik am Vatikan verwahrte sich der Kardinal. In Deutschland werde viel zu wenig gedolmetscht, was Rom meine. Auch sei vielen Katholiken nördlich der Alpen zu wenig bewusst, dass es „etwas Großes ist, zu einer Weltkirche zu gehören“. Die Weigerung, über den nationalen Tellerrand zu blicken, hat Folgen: In den vatikanischen Dikasterien sind hochrangige Mitarbeiter aus dem deutschsprachigen Raum heute kaum noch anzutreffen. Für diesen Mangel machte der ehemalige Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen auch die Personalpolitik der deutschen Diözesen verantwortlich. Mit Nachdruck plädierte der Kardinal dafür, qualifizierte Theologen für den Dienst an der Kurie freizustellen.

    Ungerupft kam auch die Kurie nicht davon. Dominus Iesus habe die Sache „furchtbar schlecht formuliert“, so der Kardinal, doch habe der Papst in seinem letzten Interviewbuch selbst nachkorrigiert, indem er mit Bezug auf die evangelische Seite von einer „anderen Art, sich als Kirche zu bezeichnen“ gesprochen habe. Auch den Begriff Entweltlichung in der Freiburger Konzerthausrede bewertete Kardinal Kasper als „nicht glücklich“. Benedikts Stoßrichtung deckt sich Kaspars zufolge jedoch mit einer umfassend katholischen Sichtweise: Die Kirche dürfe nicht zu sehr mit weltlichen Strukturen verflochten sein. Dass viele Ortskirchen allerdings der Kirche in Deutschland in eben diesem Punkt problematische Entwicklungen bescheinigen, steht außer Frage.

    Bei aller Kritik an deutschen Eigenheiten redete der Kardinal jedoch dem vielbeklagten Defätismus in der Kirche nicht das Wort, sondern ermutigte zum Durchhalten: Das Konzil habe den Weg der Kirche in die Zukunft nicht in Flutlicht getaucht, sondern den Gläubigen eine Laterne in die Hand gegeben, die „nur in dem Maß leuchtet, als wir selbst voranschreiten“.