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    Den Anschein eines Religionskrieges vermeiden

    Berlin (DT) „Der Krieg im Nahen Osten bedroht die seit 1 400 Jahren in der Region bestehende religiöse Vielfalt.“ Diese in der deutschen Öffentlichkeit kaum vernehmbare Sicht des Nahostkonfliktes äußerte Patriarch Béchara Pierre Kardinal Rai, Oberhaupt der mit Rom verbundenen Maronitischen Kirche mit Sitz im Libanon, bei einer Veranstaltung der Deutschen Bischofskonferenz in der Katholischen Akademie Berlin am Montagabend, bei der außer ihm noch Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und Erzbischof Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, über die Frage „Ende der religiösen Pluralität? Zur Zukunft der Christen im Nahen Osten“ sprachen.

    Berlin (DT) „Der Krieg im Nahen Osten bedroht die seit 1 400 Jahren in der Region bestehende religiöse Vielfalt.“ Diese in der deutschen Öffentlichkeit kaum vernehmbare Sicht des Nahostkonfliktes äußerte Patriarch Béchara Pierre Kardinal Rai, Oberhaupt der mit Rom verbundenen Maronitischen Kirche mit Sitz im Libanon, bei einer Veranstaltung der Deutschen Bischofskonferenz in der Katholischen Akademie Berlin am Montagabend, bei der außer ihm noch Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und Erzbischof Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, über die Frage „Ende der religiösen Pluralität? Zur Zukunft der Christen im Nahen Osten“ sprachen.

    Kardinal Rai bot zunächst einmal einen Überblick über die jetzige Lage der Christen im Nahen Osten. Auf den vielversprechenden „Arabischen Frühling“ sei ein „Bürgerkrieg terroristischer Gruppen gegen Regierungstruppen“ gefolgt, der von Saudi-Arabien und dem Iran unterstützt werde. Im Hintergrund bleibe der israelisch-palästinensische Konflikt bestimmend, der aller UN-Resolutionen zum Trotz seit Jahrzehnten schwele. Der Krieg in Syrien zerstöre die Infrastruktur und die Entwicklungsprojekte und habe Millionen Flüchtlinge zur Folge. Aber die Kriege im Nahen Osten bedrohten nicht nur die Sicherheit und den Frieden, sondern auch die kulturelle Identität einer Region, deren Grundierung christlich sei. Denn die Länder des Nahen Ostens seien christlich geprägt gewesen – 600 Jahre, ehe sich dort der Islam ausbreitete.

    Einen besonderen Einblick bot das Oberhaupt der Maronitischen Kirche in die Lage des Libanon. Das kleine Land, das lediglich vier Millionen Einwohner habe, müsse nun 1, 5 Millionen syrische Vertriebene sowie 500 000 palästinensische Flüchtlinge aufnehmen. „Stellen Sie sich die Folgen vor, wenn in die Bundesrepublik Deutschland 40 Millionen Flüchtlinge kämen. Warum muss das kleine Land Libanon die Hauptkonsequenzen der Kriege in diesen Ländern tragen?“

    Eindringlich rief der maronitische Patriarch von Antiochia die Staatengemeinschaft und den UN-Sicherheitsrat dazu auf, dem Krieg in Syrien ein Ende zu setzen. Damit verbunden sei aber auch der Wiederaufbau der vom IS zerstörten Infrastruktur und die Rückkehr der Flüchtlinge nicht nur in ihre alten Besitztümer, sondern auch mit allen Bürgerrechten. Im Hinblick auf die Fragestellung der Veranstaltung betonte Kardinal Rai, dass die Vertreibung der Christen aus dem Nahen Osten nicht nur das Ende des religiösen Pluralismus bedeuten, sondern auch 2 000 Jahre alten christlichen Wurzeln ein Ende setzen würde. Um diese Entwicklung abzuwehren, könne das Zusammenleben von Christen und Muslimen im Libanon als Vorbild dienen, wo paritätische Institutionen für die religiöse Vielfalt bürgten.

    Dennoch bereite die Zukunft der Christen im Nahen Osten größte Sorge, weil mit dem von terroristischen Organisationen vertretenen Fundamentalismus die gemäßigten Instanzen des Islam zerstört würden. Die internationale Staatengemeinschaft müsse viel ernsthafter als bislang dafür sorgen, dass in den Ländern des Nahen Ostens die theokratischen durch demokratische Regime ersetzt würden. Die zu wünschende Stabilität dieser Länder werde dazu führen, dass allen Einwohnern unabhängig von ihrer Religion die vollen Bürgerrechte zuerkannt würden.

    Die Bedeutung der Anerkennung gleicher Bürgerrechte für alle Menschen betonte ebenfalls Volker Kauder. In einem Gespräch mit Bischof Tawadros II. habe der koptische Patriarch von Alexandrien betont, dass „wir uns in erster Linie als Ägypter betrachten, erst dann als Christen, als Kopten“. Dies stimme auch mit der Vorstellung des ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi überein: „Wir sind alle Ägypter“. In der Diskussion über Religion sei die Beziehung des Einzelnen von der Gesellschaftsform zu unterscheiden. Kauder verdeutlichte diesen Unterschied durch die verschiedenen Positionen im UN-Sicherheitsrat: „Die muslimischen Staaten wollen die Religion schützen. Wir hingegen wollen das individuelle Recht auf Religionsfreiheit schützen.“ Aus dem einen folgten Theokratien, aus dem anderen demokratische Regime.

    Eins machte der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende deutlich: „Solange es nicht gelingt, Krieg und Terror in Syrien zu beenden, wird es in der ganzen Region keinen Frieden geben.“ Aus politischer Sicht stelle sich die Frage, wie Religionsfreiheit zu erreichen sei. In Ägypten habe eine stabile Regierung gezeigt, dass ein starker Staat das Menschenrecht auf Religionsfreiheit gewähren könne. Aber ein starker Staat könne ebenso die Religionsfreiheit unterdrücken, so etwa Saudi-Arabien.

    Wie kann die Destabilisierung Syriens beendet werden? Hier stellte Kauder fest, dass Europa und die Bundesrepublik nur beschränkt dazu beitragen könnten. Denn die „zwei Hauptparteien hier sind Saudi-Arabien und der Iran. Dazu kommt, dass zwischen den Vereinigten Staaten und Russland kaum Handlungsgemeinsamkeiten erreicht werden können, weil Putin den Nahen Osten als sein Feld betrachtet, wo er weltpolitisch handeln kann.“ Im Zusammenhang mit der Zukunft Syriens nannte Kauder die mögliche Trennung zwischen Schiiten und Sunniten „eine Horrorvorstellung“. Damit würden nicht nur die Christen zwischen die Fronten geraten. Dies sei darüber hinaus verheerend für die gesamte Region.

    Auch wenn eine Lösung nicht ohne Bodentruppen zu erreichen sei, solle vermieden werden, dass diese aus Europa kämen. In der muslimischen Welt werde Europa als christliche Region wahrgenommen. „Wir wollen jeden Anschein eines Religionskrieges zwischen Christen und Muslimen vermeiden.“ Bei einem Besuch im Vatikan habe Benedikt XVI. ihn gebeten, sich dafür einzusetzen.

    Ein positives Signal nannte der deutsche Politiker, dass in der muslimischen Welt wahrgenommen werde, dass muslimische Flüchtlinge nicht von ihren Glaubensbrüdern, sondern von den europäischen Staaten aufgenommen würden. Allerdings plädierte Volker Kauder dafür, dass die Flüchtlinge möglichst nahe an ihrer Heimat aufgenommen werden sollten. „Dadurch erhöht sich wesentlich die Chance, dass sie in ihre Heimat zurückkehren.“ Wichtig sei dabei, die Bedingungen zu verbessern, unter denen Flüchtlinge etwa in Jordanien leben.

    Damit die Kriege in Syrien und anderen Ländern des Nahen Osten beendet würden, so Erzbischof Ludwig Schick, muss jeder seinen Beitrag leisten. Nicht nur Politiker oder auch Wirtschaftsleute müssten das tun, was in ihrer Macht stehe. Auch alle Menschen hätten die Verpflichtung, für den Frieden zu beten. Das Füreinanderbeten sei ein Zeichen der Solidarität, das als Ziel auch das Miteinanderbeten haben müsse. Denn religiöse Pluralität äußere sich in Gemeinschaft und Dialog. Die Christen könnten dabei ihre Sendung erfüllen, indem sie die Frohe Botschaft der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude verkündeten. „Der Mensch braucht die Botschaft der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit.“ Deshalb stünde religiöse Vielfalt nicht im Gegensatz zur christlichen Mission: „Wir wollen die Botschaft Christi zu den Menschen bringen.“ Dies geschehe vor allem dadurch, dass die Gemeinden vor Ort gestärkt würden. „Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe.“ Alle drei Referenten waren sich in der Einschätzung einig, dass terroristische Aktionen nicht als religiöses Treiben angesehen werden dürfen. Eine Lösung für die Konflikte der Region und damit auch für die Zukunft der Christen im Nahen Osten erfordert darüber hinaus die Trennung von Religion und Staat. „Solange der Koran als Quelle des bürgerlichen Lebens gilt, wird es keine Lösung geben.“