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    Demut mit Konsequenzen

    Newman „war eine außerordentliche Natur, von fast Goethescher Fülle der Anlagen, die zur siegreichen und erobernden Weltbegegnung und Welterfahrung bestimmt schien; bestimmt noch mehr, den „neuen“ Heiligen, der das freudige „Ja zur Welt“ verkörpert, entscheidend darzustellen. Aber, vom Geist und von der Gnade durchkreuzt, muss er die Weltüberwindung als Entsagung vollziehen und erlangt gerade in diesem Bruch, im Schicksal der Nichterfüllung, seine eigentümliche menschliche und christliche Vollendung.“ So zeichnet Ida Görres Newmans Gesicht in einem nachgelassenen Manuskript von 1944–48.

    Newman „war eine außerordentliche Natur, von fast Goethescher Fülle der Anlagen, die zur siegreichen und erobernden Weltbegegnung und Welterfahrung bestimmt schien; bestimmt noch mehr, den „neuen“ Heiligen, der das freudige „Ja zur Welt“ verkörpert, entscheidend darzustellen. Aber, vom Geist und von der Gnade durchkreuzt, muss er die Weltüberwindung als Entsagung vollziehen und erlangt gerade in diesem Bruch, im Schicksal der Nichterfüllung, seine eigentümliche menschliche und christliche Vollendung.“ So zeichnet Ida Görres Newmans Gesicht in einem nachgelassenen Manuskript von 1944–48.

    Tatsächlich ist Newmans Leben zunächst ein einziger Aufschwung zu englandweiter Bekanntheit. Der Erstgeborene (* 22. Februar 1801) von sechs Kindern eines Londoner Bankiers und einer französischstämmigen Mutter wurde ein glänzender Scholar in Oxford. Als anglikanischer Pfarrer und Prediger in der Universitätskirche St. Mary zog er Hörer bis aus London an. Ein unvergesslicher Sommer des Glanzes war ihm beschieden: Alle Zeugnisse über die Oxford-Jahre bezeugen eine unvergleichliche Anziehungskraft. „Die Wirkung seiner einzigartigen Verbindung von Genialität und religiöser Persönlichkeit hat weder vorher noch nachher ihresgleichen gehabt“ (Dean Lake). „Er war uns ein Prophet, er übte Königsgewalt über uns aus: ,Credo in Newmanum‘ war das Glaubensbekenntnis von Hunderten von Jünglingen; gab es jemals in der Geschichte etwas wie die Macht, die er in Oxford über uns hatte?“ „Das geringste Wort, das von seinen Lippen fiel, griffen wir mit Eifer auf und bewahrten es wie einen Geistesdiamanten“ – so sein Freund Ward.

    Dann setzte im August 1833 ein unerwarteter Aufstand in der anglikanischen Kirche ein: Eine Gruppe meist unbekannter junger theologischer Draufgänger veröffentlichte hinreißende Traktate für eine Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern. Nach Tract 90 brach ein Sturm los; sein Verfasser (wie auch der meisten anderen) hieß John Henry Newman. Auf Befehl seines Bischofs musste er aufhören und galt von nun an als „Pastetenbäcker, der vergiftete Brötchen angeboten hatte“.

    Worin bestand das „Gift“? Die kämpferische „Artus-Runde“ sah ihre Kirche im Würgegriff des Staates. Seit Heinrich VIII. sich 1534 selbst zum religiösen Oberhaupt der englischen Kirche ausgerufen hatte, waren Behörden, auch die Universitäten und das gesamte öffentliche Leben verpflichtet, ihre Staatstreue durch das Bekenntnis zu den 39 Glaubensartikeln des Anglikanismus und durch Sakramentenempfang nachzuweisen. Versäumnisse des Gottesdienstes wurden durch Geldstrafen „an den König“ gebüßt. Ebenso hing die Immatrikulation an den Universitäten vom Nachweis anglikanischer Beichte und Abendmahl ab; natürlich waren Katholiken dadurch von höherer Bildung ausgeschlossen. Dem Parlament lagen Anträge vor, das Common Prayer Book mit seiner noch weitgehend katholischen Überlieferung abzuschaffen; sektenhafte Freikirchen gleichberechtigt in das Kirchenrecht einzubeziehen; selbst Bischöfe hielten Dogmen wie Dreifaltigkeit und Sündenvergebung angesichts der Forderungen der „Vernunft“ für überholt. Newman bemerkte in seiner großartigen Apologia de vita sua 1865 (dt. 1922 von Maria Knoepfler, überarb. Neuauflage 2010), dass der Versammlungsraum der Oxforder Theologen „nach Logik stank“.

    Prophetisches Sendungsbewusstsein

    Die Tracts brandmarkten dies als Verrat der christlichen Lehre; sie waren „klare, knappe, strenge Anrufe an Gewissen und Vernunft (...) wie die kurzen, scharfen, schnellen Äußerungen von Menschen in Schmerz, Gefahr und drängender Not“. (Dean Church) In Tract 1 hieß es herausfordernd: Den Bischöfen „könnten wir, obwohl es für das Land ein trauriges Ereignis wäre, kein besseres Ende ihrer Laufbahn wünschen, als den Verlust ihrer Güter und das Martyrium“. Lytton Strachey, ein agnostischer Journalist, traf den Kern der Oxfordbewegung mit ironischer Feder: „Die neue, sonderbare Vorstellung, das Christentum wörtlich zu nehmen, entzückte ernsthafte Gemüter, aber es erschreckte sie auch. Wirklich und wahrhaftig jedes Wort zu meinen, wenn man das Athanasianische Credo wiederholte! Wie wunderbar!“

    In Newman erwachte ein erstaunliches, ja prophetisches Sendungsbewusstsein. „Ich habe ein Werk in England zu tun“ – diese rätselhaften Worte hatte er in einer lebensgefährlichen Krankheit in Sizilien 1833 im Fieber immer wieder gemurmelt. Es schnitt ihm in die Seele, wie die Wahrheit des Christentums durch Staatskirchentum und platte Aufklärung verunstaltet war, und er warf sich unter Verachtung aller üblen Folgen in den Kampf: „Möge es das Los derer sein, die ich liebe, im Herzen von einem oder zwei in jeder nachfolgenden Generation zu leben oder auch völlig vergessen zu werden, wenn es ihnen nur gelang, der Wahrheit den Weg zu bahnen.“

    Die Furcht vor dem Verlassen der angestammten Kirche

    Tatsächlich wurde Newman in seiner eigenen Kirche zum gehassten Aufrührer und Abtrünnigen; Bischöfe sprachen von einem „Werk des Satans“, von „Pestilenz“. Man unterstellte ihm, unter dem Vorwand der Erneuerung als heimlicher Papist die Jugend in die Arme Roms zu führen. Seine Antwort im Tract 90 lautete: „Nun gut, man grenze sich scharf und deutlich gegen die ,römische Verderbnis‘ und die päpstlichen Anmaßungen ab: Dann stünde es einem wohl frei, sich zu den alten Lehren zu bekennen.“ „Auf Kanzeln, an Speisetafeln, in Kaffeestuben und in Eisenbahnwagen wurde ich als Verräter entlarvt, der seine Lunte gelegt hatte und im Akt des Anzündens ertappt worden war. Zugleich ging in römisch-katholischen Kreisen der hässliche Verdacht um, der Verfasser und seine Freunde seien im Herzen längst katholisch, aber – nicht gewillt, ihre guten Pfründe aufzugeben – sie bemühten sich, mit logischen Taschenspielerkünsten ihren Verbleib in der Staatskirche zu rechtfertigen.“

    Und doch stieg Furcht in ihm auf – nicht vor dem möglichen Übertritt, aber vor seinem freiwilligen, der Wahrheit verpflichteten Ausscheiden aus der angestammten Kirche: „Wenn die in diesem Traktat vertretene Ansicht zum Schweigen gebracht würde, könnte ich nicht in der Kirche bleiben, und viele andere könnten es auch nicht...“ Und wieder: „Wenn unsre Vorgesetzten entweder gegen die Traktate sprechen oder ganz schweigen, wenn manche von ihnen die darin enthaltenen Prinzipien nicht bloß nicht billigen, sondern nicht einmal dulden, so müssen unsere Anhänger die Überzeugung gewinnen, dass sie entweder diese Prinzipien oder die Kirche aufgeben müssen. Wenn die Dinge sich nicht ändern, so prophezeie ich mit tiefer Betrübnis, dass nicht einige, sondern viele zur römischen Kirche übertreten werden.“

    In dem Werk „Die Arianer des vierten Jahrhunderts“ von 1834 hielt Newman fest, die Arianer der Gegenwart, welche die göttliche Natur Jesu leugneten, seien die reformatorischen Kirchen (freilich nicht in seinen Augen die anglikanische). Als die Angriffe gegen die Oxford-Bewegung immer schärfer wurden, gab Newman 1843 sein Amt in St. Mary auf und zog sich zur Überprüfung der Vätertheologie und der frühen Konzilien mit einigen jüngeren Theologen zu einem mönchischen Leben nach Littlemore in der Nähe von Oxford zurück. Das Studium der Quellen sollte die Wahrheit erweisen: die lückenlose Verankerung der anglikanischen Kirche im frühen Christentum und den unter großen intellektuellen Kämpfen gewonnenen Dogmen. Und dabei geschah das Undenkbare und Gefürchtete: Je länger Newman studierte, desto peinvoller, desto unabweislicher wuchs in ihm die Überzeugung, nicht die anglikanische, sondern die katholische Kirche sei Garant der geschichtlichen Überlieferung – und zwar unter Führung des Papstes, der mehrfach auf frühen Konzilien die Lehrmeinung entschieden hatte. Für Newman war die Umsetzung dieser Erkenntnis wie eine Häutung bei lebendigem Leibe. Das seelische Leiden vertiefte sich ins Unerträgliche, als einige seiner jungen Begleiter trotz seiner inständigen Bitten zur römischen Kirche konvertierten – für ihn die öffentliche Bloßstellung seines angeblich planmäßigen „Betrugs“. Der Bezug zu seinen Geschwistern zerbrach fast gänzlich; seine besten Freunde verstanden ihn nicht mehr. Einen von ihnen, John Keble, einen heiligmäßigen Mann, hatte Newman gebeten, seine Gewissenserforschungen zu lesen, um ihm den Punkt der inneren Abweichung und Verwirrung sagen zu können. Auch Keble wurde ihm gegenüber hilflos. Und Newman entschied sich blutenden Herzens zum Übertritt.

    Aber wohin ging er? Die katholische englische Kirche bestand zum größten Teil aus eingewanderten ungebildeten Iren der unteren sozialen Schicht, aus wenigen adeligen Familien, die in der unerhört grausamen Verfolgung unter Elisabeth I. beim alten Glauben geblieben waren (man denke an Maria Ward) und aus einigen anderen. Newman ging in ein verachtetes, zumeist unintellektuelles Ghetto weit unter seinem sozialen Stand, das war ihm bewusst. Die Entscheidung fiel in großer, bewegender Demut vor dem Rom des Petrus, das Newman in seinen jungen Jahren als Vertreterin Babylons gebrandmarkt hatte (sein Freund Hurrell Froude hatte ihn damals gewarnt, er werde seine Flüche noch bereuen). An einem späten regnerischen Abend, am 9. Oktober 1845, hörte er vom Eintreffen des italienischen Passionistenpaters Domenico Barberi in der Nachbarschaft, ließ nach ihm senden und bat den Überraschten, ihn in die Kirche aufzunehmen. Es bleibt geheimnisvoll, dass Barberi, mittlerweile selbst seliggesprochen, ausdrücklich als Missionar nach England gegangen war, um das Land für Rom zurückzugewinnen... Newmans Übertritt wirkte wie eine Bombe, bestätigte alle Vorurteile und erntete auch das Misstrauen der katholischen Kreise, bis hinauf zu Kardinal Wiseman. Es ist bekannt, dass Newman später einen Bischofssitz erhalten sollte, dieser Plan aber vereitelt wurde (wie viele andere): Man hatte ihn als „den gefährlichsten Mann in ganz England“ gebrandmarkt.

    Reformator der anglikanischen Kirche

    Aber diese wie unter einem Martyrium vollzogene Konversion löste den „zweiten Frühling“ der katholischen Kirche aus. „Die Fürbitte der Heiligen hat endlich Erfolg, das Geheimnis, mit dem die Vorsehung sich umgeben hat, ist enthüllt, die Stunde ist gekommen. Und wie die Menschen bei der Auferstehung Christi nichts merkten, weil er in der Mitternachtsstunde und in tiefer Stille auferstand, so wirkte der Herr auch in der Stille, als er das neue Werk seiner Barmherzigkeit unter uns vollbringen wollte, und er war auferstanden, ehe die Menschen es ahnten. (...) Er aber kam wie ein Geist über den Wassern. ER selbst ging über der finstern, brodelnden Tiefe hin und her und, wunderbar für das Auge und unfassbar für den Geist: Herzen erwachten und Augen belebten sich mit neuer Hoffnung, und Füße strebten zu der großen Mutter, die ihrer kaum noch gedacht und sie bereits verloren gegeben hatte“ (Predigt am 27.10.1850).

    Newmans unglaubliche und schmerzhafte Lebensleistung endete am 11. August 1890, als er nach Jahren immer wieder aufflammender Verleumdung im Oratorium Birmingham, fast blind geworden, unmerklich entschlief. Papst Leo XIII. hatte ihn 1879 zum Kardinal erhoben, und England bereitete ihm ein überwältigendes Totengeleit. Bis heute aber hängt in Oxford Newmans Bild – trotz seiner Konversion – unangefochten in der Reihe der bedeutenden Theologen Englands, als eines Reformators der anglikanischen Kirche, welcher ihr den Boden des ursprünglichen „katholon“ wiedergegeben hatte. Welch ein Weg und welch ein Drama des Gewissens! „...wir haben verstehen gelernt, wie innig Bekennertum mit Martyrium verbunden ist. Niemand predigt einer betrogenen Welt die Wahrheit, ohne dass er selbst zum Betrüger gestempelt wird. Wir kennen unsere Aufgabe und unser Geschick: Zeugnis zu geben und Schmähung zu ernten, als Auswurf der Menschheit behandelt zu werden und den Sieg davonzutragen. Das ist das Gesetz, das der Herr über alle Dinge mit der Verbreitung der Wahrheit verbunden hat: Ihre Apostel werden Martyrer, aber ihre heilige Sache triumphiert.“ (27.10.1850)