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    „Dem Weiterleben des Glaubens dienen“

    Exzellenz, im Erzbistum Paderborn ist bereits im Jahr 2004 mit der „Perspektive 2014“ ein intensiver Dialogprozess über eine Pastoral für die Zukunft auf den Weg gebracht worden.

    Erzbischof Hans-Josef Becker. Foto: KNA

    Exzellenz, im Erzbistum Paderborn ist bereits im Jahr 2004 mit der „Perspektive 2014“ ein intensiver Dialogprozess über eine Pastoral für die Zukunft auf den Weg gebracht worden. Sie betonen, dass die „anstehenden Veränderungen auch als geistlicher Prozess, als ein Wachsen auf Gott hin, zu verstehen“ seien. Was bedeutet dies konkret?

    Mein Anliegen war es von Anfang an, dass die – notwendigen – Strukturveränderungen nicht als Selbstzweck verstanden werden. Sie dienen einem zentralen Anliegen: dem Weiterleben des Glaubens in unserer Ortskirche. Denn: Je mehr in der Kirche einschneidende Veränderungen in einem geistlichen und nachdenklichen Miteinander aller beteiligten Ebenen angegangen werden, je mehr wir die Veränderungsprozesse mit einem ehrlich gemeinten wechselseitigen Lernen verbinden, desto mehr wird deutlich, dass es um „mehr als Strukturen“ geht. Die Art etwa, wie Entscheidungen getroffen werden, wie Kommunikation geschieht, wie Prozesse transparent sind, ist ganz wesentlich für die Art und Weise, wie Veränderungen wahrgenommen werden. Die Bistumsebene darf die Gemeinden und Einrichtungen, vor allem die Gläubigen und Priester, Diakone und die im pastoralen Dienst tätigen Laien nicht allein lassen. Die strukturellen Veränderungen fordern das Miteinander aller Beteiligten ganz neu heraus – und darin muss dann das gemeinsame Beten, das Sich-Ausstrecken auf Gott und die Frage nach seinem Willen, ganz selbstverständlich Platz finden. Ich sehe bereits an vielen Beispielen, dass es gelingen kann, die Gründung eines neuen pastoralen Raumes oder andere Veränderungen auch durch eine liturgische Feier Gott anzuvertrauen. Und nicht selten erfahren sich hier bislang eher in überschaubaren Gruppen versammelte Gläubige als wirkliche größere Glaubensgemeinschaft. Das alles macht mich hoffnungsfroh, dass nach und nach die geistliche Dimension in den Veränderungen erkennbar wird.

    Es ist immer wieder die Rede von der Vielfalt der Berufungen in der Kirche. Wie finden diese unterschiedlichen Charismen in die Reformprozesse Eingang?

    Berufung ist für mich in den ersten Jahren unseres Perspektivprozesses das Schlüsselwort geworden, in dem sich viele Anliegen bündeln lassen: Erneuerung des Taufbewusstseins, geistliche Wege der Entscheidungsfindung, vertrauensvolles Miteinander von Priestern und Laien, von Bistumsebene und Gemeinden, christlicher Weltdienst. Deshalb habe ich im November 2009, zur Zwischenbilanz unseres Perspektivprozesses, die „Pastoral der Berufung“ als Zentralkriterium für die pastorale Weiterentwicklung formuliert und seither in verschiedenen Schreiben an Haupt- und Ehrenamtliche weiter differenziert. Dieser Impuls wird derzeit auf allen Ebenen des Bistums, ganz bewusst auch in der Fortbildung und Unterstützung von Priestern und Laien, in der Arbeit mit Gremien und Gruppen, vor allem im Aufbauprozess der pastoralen Räume, intensiv zum Thema gemacht. Ich spüre aus vielen Rückmeldungen, dass damit ein Weg beschritten wurde, der viel Resonanz und Interesse, natürlich auch manche Fragen, hervorbringt. Der Glaube wird neu zum Thema! Wie Papst Johannes Paul II. sagte, wachsen die vielen Berufungen in der Kirche nur gemeinsam. Wir sind also dabei, den Berufungsbegriff als zentrales pastorales Kriterium in den strukturellen Veränderungen zu verankern – schon allein das führt zu einer geistlichen Tiefendimension, für die ich sehr dankbar bin.

    In Mannheim wurde jetzt mit einer Auftaktveranstaltung ein Gesprächsprozess über die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland begonnen. Wo finden sich Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede auf regionaler und überregionaler Ebene?

    Wir haben im Erzbistum bereits eine Menge an Erfahrungen sammeln können und hatten vor kurzem einen Tag mit Vertretern und Vertreterinnen aus den ersten neu entstandenen pastoralen Räumen, der mich sehr ermutigt hat. Bewusst haben wir in Paderborn das Psalmwort gewählt „Denn wir schauen aus nach dir“ (Ps 33, 22). Dieses fand sich auch in dem Tagungsheft der Veranstaltung in Mannheim. Auch einige Fragen, die dort in den Gruppen besprochen wurden, finden sich bei uns ganz ähnlich. Mein Anliegen ist es, dass Glaube und Berufung, auch das Miteinander in der Kirche als Gemeinschaft zum Thema werden – und natürlich die Frage, was wir als Kirche der heutigen Welt geben können und was wir umgekehrt aus der heutigen Welt als Impulse für die Pastoral erhalten.

    Wie sieht der Austausch zwischen den verschiedenen Diözesen über bisherige Erfahrungen mit Reformschritten aus?

    Es gibt natürlich viele Gespräche, etwa auf der Ebene der Seelsorgeämter. Es gibt Treffen der diözesanen Verantwortlichen für verschiedene Bereiche. Insgesamt lässt sich natürlich auch die jeweilige Besonderheit jedes Bistums erkennen. Geschichte, Land und Leute prägen. Das Erzbistum Paderborn etwa ist sehr heterogen: Wir haben stark katholisch geprägte Landstriche genauso wie Flächendiaspora, wir haben viele kleinere Ortschaften, aber auch Großstädte. Die regionalen Unterschiede erfordern eine pastorale Differenzierung. Ich meine also nicht, dass im Bistum zentral Organisationsformen oder Pastoralkonzepte verordnet werden sollten. Wohl aber möchte ich bestimmte inhaltliche Fragestellungen und Themenschwerpunkte überall verankert wissen. Überdiözesane Themen sind die Fragen nach einer künftigen Sozialgestalt des kirchlichen Lebens, nach künftigen Wegen zum Christwerden und Christ bleiben, Fragen der Katechese und alles, was das vertrauensvolle Miteinander in der Kirche aufbauen kann. Im Erzbistum Paderborn sind bereits eine Reihe von konkreten Initiativen im Rahmen der „Perspektive 2014“ entstanden: das Citykloster in Bielefeld oder auch die jungen Kirchen an verschiedenen Orten.

    Sind schon erste missionarische Impulse durch diese Initiativen spürbar?

    Missionarisch Kirche sein ist eines von vier Feldern, in die ich die „Pastoral der Berufung“ gegliedert habe. Dazu gehören neue pastorale Orte, an denen Menschen mit der Kirche in Berührung kommen. Dazu gehören auch die von Ihnen angesprochenen Projekte. Da wächst aber auch noch vieles Andere. So gibt es schon seit Jahren einen diözesanen „Tag der Neugetauften“, eine Kinderwallfahrt und andere Initiativen. Unsere katholischen Schulen spielen eine wichtige Rolle. Es geht darum, in die Gesellschaft hineinzuwirken, neu als Kirche präsent zu werden. Wir müssen diesen Weg natürlich im Bewusstsein gehen, aus Sicht der Zeitgenossen eine von vielen Gruppen zu sein – umso „zugänglicher“, also differenzierter, muss die Pastoral sein. Größere Räume und größere Pastoralteams, so hoffe ich, ermöglichen das. Und moderne Kommunikationsmittel bieten da auch Möglichkeiten, die es bis vor kurzem noch nicht gab.

    Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem Papstbesuch in Deutschland für eine missionarische Belebung der Kirche?

    Ich selbst werde an allen Stationen des Papstbesuches teilnehmen. Von den Weihbischöfen des Erzbistums ist Weihbischof Matthias König in Berlin dabei, Weihbischof Hubert Berenbrinker im Wallfahrtsort Etzelsbach im Eichsfeld sowie in Freiburg. Auch Mitglieder unseres Metropolitankapitels werden teilnehmen. Ich weiß darüber hinaus, dass sich viele Menschen aus dem Erzbistum auf den Weg machen werden. Hier möchte ich mit dem Leitwort des Papstbesuches in Deutschland antworten: „Wo Gott ist, da ist Zukunft“. Auch in schwierigen Zeiten dürfen wir darauf vertrauen, dass uns von Gott her immer neu Zukunft geschenkt wird. Ich bin zuversichtlich, dass es Benedikt XVI. gelingen wird, der Kirche in Deutschland dies zu verdeutlichen und ihr so Mut zu geben für die Wegstrecke, die vor ihr liegt. Zugleich hoffe ich, dass die Gesamtgesellschaft durch Christen, die so von neuem Mut und neuer Glaubensfreude bestärkt sind, bereichert wird.