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    Dem Gewissen eines Katholiken entgegengesetzt

    Der emeritierte Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, hat – aus menschenrechtlicher Sicht zu Recht – pastorale Richtlinien des Vatikans kritisiert. Michaela Koller

    Abkommen zwischen China und dem Vatikan
    Der ehemalige Erzbischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen, der sich nun im Ruhestand befindet. Die Kirche in der Volksr... Foto: Vincent Yu (AP)

    Der emeritierte Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, hat – aus menschenrechtlicher Sicht zu Recht – pastorale Richtlinien des Vatikans kritisiert, die dieser mit Blick auf die staatliche Registrierung des Klerus in China am 28. Juni veröffentlichte. Der 87-Jährige brach am nächsten Tag nach Rom auf, um Papst Franziskus persönlich seine Bedenken vorzutragen, die er auf Chinesisch, Italienisch und Englisch auf seinem Webblog verbreitet. Der Papst erweise sich als „grenzenlos großzügig“ gegenüber dem „allzu machtvollen Druck der Regierung“, so lautet die Kritik des Kardinals. Abwehr gegen die Einmischung der Kommunistischen Partei Chinas in innerste Angelegenheiten der Kirche ist ebenso geboten wie ehrliche Kritik an der Unmenschlichkeit des Regimes gegenüber Millionen religiöser Bürger.

    Zen: Authentische katholische Glaubenslehre in Gefahr

    Die authentische katholische Glaubenslehre ist prinzipiell in Gefahr, wie Zen überzeugend darlegt. Obwohl in der „Untergrundkirche“ mehr interne religiöse Freiheit herrscht, wird in den pastoralen Richtlinien geraten, der Aufforderung zur staatlichen Registrierung zu folgen, wenn auch mit einer Einschränkung: Die Gläubigen sollten erklären, dass die Prinzipien der Unabhängigkeit, der Autonomie und der Selbstverwaltung, denen die staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften nach kommunistischer Diktion zu folgen haben, dort unwirksam seien, wo die katholische Lehrmeinung untergraben wird.

    Die Kirche in der Volksrepublik ist gespalten zwischen einer staatlich registrierten und anerkannten Einheit und der sogenannten „Untergrundkirche“. Bischöfe, Priester und andere Katholiken, die ihren Glauben nicht in der Illegalität leben möchten, werden durch das staatliche Meldeverfahren zum Beitritt in die Chinesisch-Patriotisch Katholische Vereinigung gezwungen, die durch die Kommunistische Partei Chinas (KPC) kontrolliert wird. Bereits Papst Benedikt XVI. hat mit seinem Brief an die chinesischen Katholiken vom 27. Mai 2007 die Einheit als Ziel bestätigt und zugleich unabdingbare Voraussetzungen dafür festgestellt.

    Zen fürchtet äußeren Abfall vom Glauben

    Kardinal Zen kritisiert, auf diese Weise könne nicht nur die Abkehr von der Morallehre, sondern selbst der äußere Abfall vom Glauben gerechtfertigt werden. Wegen ihrer Kritik an der Parteilinie sind tatsächlich bereits prominente Repräsentanten der Christen in China verhaftet worden, deren offizieller Status sie nicht vor Willkür verschonte. Wer erklärt, er kooperiere mit den Behörden, stimmt der kommunistischen Politik im Großen zu, wie etwa bis Ende 2015 der Ein-Kind-Politik und seit Anfang 2016 der Zwei-Kind-Obergrenze. Einen Gewissensvorbehalt erkennen die KPC und die von ihr kontrollierten Staatsorgane nicht an, denn alle Entscheidungen sind ihren Interessen unterzuordnen.

    Es ist nicht so, als wüsste es Rom nicht besser: Die neuen Richtlinien unterscheiden sich in einem Punkt vom erwähnten Schreiben des Vorgängers von Papst Franziskus. Auch Benedikt XVI. lehnte die staatliche Anerkennung nicht prinzipiell ab. Jedoch warnte er schon damals: „In nicht wenigen konkreten Fällen jedoch, wenn nicht sogar fast immer, greifen im Anerkennungsverfahren Organe und Einrichtungen ein, die die beteiligten Personen dazu verpflichten, Haltungen anzunehmen, Handlungen zu setzen und Aufgaben zu übernehmen, die dem, was das Gewissen eines Katholiken gebietet, entgegengesetzt sind.“ Benedikt XVI. empfahl nicht die staatliche Registrierung generell, sondern überließ die Entscheidung „dem einzelnen Bischof nach Anhörung des Presbyteriums“.

    Situation der Religionsfreiheit hat sich noch verschlechtert

    Seit damals hat sich die Situation der Religionsfreiheit jedoch noch verschlechtert. Im Jahr 2016 gab Staats- und Parteichef Xi Jinping erstmals die Anweisung, die Religionen zu „sinisieren“, das heißt „chinesisch zu prägen“. Dabei wird jedoch die atheistische Ein-Parteien-Herrschaft als integraler Kernbestandteil der chinesischen Kultur begriffen. Nur fünf Bekenntnisse sind überhaupt anerkannt und sämtliche führenden Vertreter mussten sich seither zur ideologischen Kontrolle durch die KPC bekennen.

    Das schärfere Vorgehen gegen die Religionen zeigt sich gegenüber den Christen außer durch willkürliche Festnahmen durch Abbruch von Kirchenbauten, Demontage von Kirchturmkreuzen, Einschränkungen beim Bibelkauf und durch die penible Kontrolle des Katecheseverbots für Kinder und Heranwachsende unter 18 Jahren. Jüngst schritten sogar örtliche Behörden bei Beerdigungen und Hochzeiten ein, nahmen die Personalien der Gäste auf und drohen ihnen mit Inhaftierung. Der Vatikan sollte, wenn er diese Opfer schon nicht würdigt, sich wenigstens mit anderen Religionsgemeinschaften solidarisch zeigen, deren Angehörige aktuell in Massen hinter Gittern landen, wie die muslimischen Uiguren.

    Von Michaela Koller

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