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    „Dass alle Wege nach Santiago führen, ist eine Herausforderung

    Auf dem Jakobsweg zu pilgern verbindet: Fromme und kirchenferne Zeitgenossen machen sich seit Jahren auf den Weg, Buch und Film thematisieren das Phänomen und auch Päpste pilgerten an das Apostelgrab. An der Universität Regensburg betrachteten Teilnehmer aus Spanien, Mexiko, Peru und Deutschland kürzlich zusammen mit Experten aus Spanien, Frankreich und Deutschland in einem Workshop die Geschichte des Jakobswegs und seine Bedeutung für Kunst, Literatur, Religion und die europäische Identität. Über die Impulse dieses ersten Treffens für die Compostela Group of Universities, einem weltweiten Netzwerk von rund 70 Universitäten, sprach Regina Einig mit Hubert Pöppel. Er lehrt am Forschungszentrum Spanien an der Universität Regensburg.

    Jacobsweg in Brandenburg
    ARCHIV - Im Garten einer Pilger-Herberge in Sieversdorf (Brandenburg Oder-Spree) hängt eine Jakobsmuschel, das Zeichen f... Foto: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild)

    Auf dem Jakobsweg zu pilgern verbindet: Fromme und kirchenferne Zeitgenossen machen sich seit Jahren auf den Weg, Buch und Film thematisieren das Phänomen und auch Päpste pilgerten an das Apostelgrab. An der Universität Regensburg betrachteten Teilnehmer aus Spanien, Mexiko, Peru und Deutschland kürzlich zusammen mit Experten aus Spanien, Frankreich und Deutschland in einem Workshop die Geschichte des Jakobswegs und seine Bedeutung für Kunst, Literatur, Religion und die europäische Identität. Über die Impulse dieses ersten Treffens für die Compostela Group of Universities, einem weltweiten Netzwerk von rund 70 Universitäten, sprach Regina Einig mit Hubert Pöppel. Er lehrt am Forschungszentrum Spanien an der Universität Regensburg.

    Der Jakobsweg scheint seit Jahren der Deutschen liebster Pilgerweg zu sein: Gibt es aus Sicht des Wissenschaftlers noch Forschungsbedarf?

    Ob der Jakobsweg rein zahlenmäßig unser liebster Pilger- und Wallfahrtsweg ist, daran zweifle ich. Rom, Jerusalem, Lourdes, Fátima, Altötting und Kevelaer fallen mir da als mächtige Konkurrenten ein. Richtig ist aber sicher, dass über die Reise zum Heiligen Jakobus ans Ende der Welt, wie das Mittelalter meinte, am meisten geschrieben wird. Von Pilgern, von Wissenschaftlern und vielleicht auch von Kritikern. Dass aus wissenschaftlicher Sicht so viel geschrieben wird, bestätigt für sich genommen schon den Forschungsbedarf. Ich sehe diesen zum Beispiel in der Frage der kirchen- und sozialgeschichtlichen Kontexte der Zeit der Auffindung des Grabes Anfang des 9. Jahrhunderts, oder in der kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Frage nach den Motiven der Pilger im Mittelalter, und natürlich auch bei dem so erstaunlichen Phänomen des Wiederauflebens der Jakobspilgerei in jüngster Zeit.

    Teilen Sie die in Spanien häufig zu hörende Einschätzung, niemand habe die Jakobswege durch Spanien gründlicher erforscht als die Deutschen?

    Ganz ohne Zweifel hat die Deutsche St.-Jakobus-Gesellschaft mit ihren seit dreißig Jahren erscheinenden und inzwischen über zwanzig Bänden umfassenden Jakobus-Studien ein gerüttelt Maß zu unserem heutigen Wissen über den Jakobsweg beigetragen. Die Namen Klaus Herbers und Robert Plötz stehen stellvertretend dafür. Der Erlanger Mittelalterhistoriker Klaus Herbers hat überdies durch seine Herausgebertätigkeit wichtiger Quellen internationales Renommee erlangt. Und in jüngerer Zeit hat sich der Kieler Romanist Javier Gómez-Montero durch eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Publikationen zum Jakobsweg hervorgetan. Doch jetzt kommt ein großes Aber: Die Forschung zum Jakobsweg ist genauso international wie der Weg selbst. In Italien hat Paolo Caucci ein Leben lang über Santiago gearbeitet, in Frankreich Adeline Rucquoi, viele in Spanien. Also Ja und Nein: Ja, die Deutschen haben viel geforscht und, mit Hape Kerkeling, auch viel zum Boom des Jakobswegs beigetragen. Und nein, die Einschätzung der Spanier würde ich trotzdem eher als ein nett gemeintes Kompliment ansehen. Wissenschaft ist per se nicht an Grenzen gebunden, und die zu Santiago erst recht nicht.

    Welchen Anteil hatte Johannes Paul II. bei der Wiederentdeckung des Jakobswegs Anfang der achtziger Jahre?

    Einen ungeheuer großen Anteil. Schon Franco hatte versucht, den Weg wieder zu beleben, nachdem es mindestens zwei Jahrhunderte sehr ruhig um ihn geworden war. Aber der erste Besuch eines Papstes in Santiago de Compostela wurde als so etwas wie eine offizielle Anerkennung und internationale Öffnung angesehen. Direkte Auswirkungen auf die Pilgerzahlen hatte dies jedoch noch nicht. Den Jakobsweg als Massenphänomen gibt es erst seit den neunziger Jahren, und dies ist ein Ergebnis mehrerer Faktoren und Initiativen: die Ausrufung zum ersten europäischen Kulturweg, der Weltjugendtag, die Neuausschilderung des Weges beziehungsweise der Wege, die Ernennung zum Weltkulturerbe und, dazwischen, fast möchte ich sagen: leider, wurde auch das Buch von Paolo Coelho zu einem bestimmenden Faktor für den Boom.

    Inwieweit kann der Jakobsweg als identitätsstiftend für Europa heute gelten?

    Wenn der Europarat einen Weg zum ersten europäischen Kulturweg deklariert, wenn die UNESCO einen Ort zum Weltkulturerbe erklärt, wenn die Europäische Union einer Stadt die Gelegenheit gibt, sich als Kulturhauptstadt zu präsentieren, dann hat dies Gewicht. Eine Stadt, ein religiös-kulturell-historisches Phänomen wird dadurch zu einem privilegierten Teil der Geschichte des heutigen Europas. In dieser Erzählung über das Werden Europas hat der Jakobsweg natürlich zu Recht seinen Platz. Neben, um ein paar vielleicht willkürliche Beispiele zu nennen, Rom, Karl dem Großen, dem Dreißigjährigen Krieg, der Aufklärung und den maßgeblich von Deutschen verursachten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Wirklich identitätsstiftend kann der Jakobsweg für Europa allerdings nur sein, wenn er etwas anzubieten hat. Das einstmals Zentrale, das Proprium des Jakobsweges, die Verehrung des Apostels kann das nicht mehr sein. Für unser Studierendentreffen in Regensburg haben wir als mögliches identitätsstiftendes Element, das der Jakobsweg anzubieten hat, das gemeinsame und friedliche Überschreiten von Grenzen in den Mittelpunkt gestellt – und damit sind nicht allein die innereuropäischen Grenzen gemeint. Also nicht Mauern errichten, sich abschotten, sich einigeln. Im Gegenteil: selbst hinausziehen, Europa und die Welt erlaufen und erfahren, und gleichzeitig den neuen Pilgern, den Reisenden, Flüchtenden und Vertriebenen, auf irgendeine Weise Gastfreundschaft anbieten.

    Wie erklären Sie sich den Anachronismus in Europa: In den säkularisierten Gesellschaften des Westens laufen der Kirche die Mitglieder weg, aber auf dem Jakobsweg scheinen sich alle problemlos einfinden zu können?

    Die Mittelalter- und Frühneuzeitexperten auf unserem Treffen haben sehr schön herausgearbeitet, dass die Pilger früherer Zeiten zwar ohne Zweifel als Gläubige zum heiligen Apostel Jakobus gepilgert sind. Das war sozusagen der gemeinsame Nenner von allen. Aber zusätzlich hatte auch damals schon fast jeder und jede von ihnen noch andere Motive. Die Anbahnung von Handelskontakten, diplomatische Angelegenheiten oder eine Art Bildungsreise zu absolvieren wären Motive für die reicheren und höherstehenden Pilger. Der heimatlichen Enge zu entgehen, die Welt und andere Leute kennenzulernen, einfach auszusteigen aus dem mühseligen Trott oder simple Neugier könnte man für die ärmeren anführen. Nehmen Sie jetzt aus diesen Motivbündeln früherer Zeiten das Gemeinsame und Verbindende heraus; die, sagen wir es einmal etwas überspitzt und polemisch, amtskirchlich empfohlene Verehrung von Reliquien mit dem Ziel des Erwerbs eines vollen Ablasses. Sie werden sehen, es bleibt ein sehr heterogenes Gemisch übrig, das durchaus Ähnlichkeit mit den Gründen hat, warum wir in die Welt hinausziehen. Und setzen Sie jetzt da hinein die Sehnsucht nach Spiritualität oder, noch schwächer, die Sinn- und Bedeutungssuche des Einzelnen, der immer wieder auf sich selbst verwiesen wird. Ich glaube, die daraus resultierenden, ganz unterschiedlichen, nicht mehr auf einen wirklich definierten Kern und Nenner zu bringenden Motivbündel der heutigen Pilger erklären ganz gut das Phänomen, das Sie ansprechen.

    Ist der Massentourismus – insbesondere auf dem französischen Camino – eine Belastung für die Kulturschätze oder eher eine Chance?

    Barcelona wehrt sich völlig zu Recht gegen den Massentourismus. Mallorca wehrt sich mit noch viel größerem Recht gegen den Sauftourismus. Aber in beiden Fällen sprechen wir von Millionen Besuchern auf vergleichsweise kleinem Raum. Der Camino Francés ist 800 Kilometer lang. Er verträgt ganz sicher 200 000 oder auch 300 000 Pilger und Touristen pro Jahr. Ja, die Verbindung von Pilger- und Kulturreise, um eines der Motivbündel der letzten Frage herauszuschälen, wäre beziehungsweise ist sogar ein gelungenes Beispiel für einen sanften, nachhaltigen, sich selbst tragenden und die Städte auf dem Weg wirtschaftlich fördernden Tourismus. Dass alle Wege nach Santiago führen und es dann zu bestimmten Zeiten in der Stadt eng, laut und hektisch werden kann, ist sicherlich eine Herausforderung. Aber auch da haben uns die Mittelalterexperten auf unserem Treffen aufgeklärt: Schon in alten Zeiten gab es genau dieses Phänomen, und beklagt haben sich die Pilger, also diejenigen, die das mutmaßliche Problem verursacht haben. Nichts Neues also unter dem Sternenweg.

    Welche Thesen/Resultate des Symposions halten Sie persönlich für besonders wichtig?

    Dass die Rückbesinnung auf den Jakobsweg uns dazu führen kann, Grenzüberschreitungen und Multikulturalität als etwas Bereicherndes anzusehen, und dass wir lernen können, mit heterogenen Auffassungen von Religionen, von Religiösem und von spirituellen Erfahrungen produktiv umzugehen.