• aktualisiert:

    Das Werk zweier Meister

    Eine Übersetzung des jungen Joseph Ratzinger eröffnet einen Zugang zum Werk des heiligen Thomas von Aquin. Von Clemens Schlip

    Thomas von Aquin - Präziser Denker
    Präziser Denker: Thomas von Aquin. Foto: KNA

    Dem jungen Joseph Ratzinger ist die in seiner Studienzeit noch dominante neuscholastische Tradition nach eigenem Bekunden fremd geblieben. Er fand seinen Meister stattdessen im heiligen Augustinus, mit dem er sich auch in seiner Dissertation beschäftigte. In seinen „Letzten Gesprächen“ geht Benedikt XVI. auf sein zunächst schwieriges Verhältnis zu Thomas von Aquin ein: „Was Thomas schrieb, das sind im Großen und Ganzen Schulbücher, und die sind irgendwie unpersönlich. Obwohl natürlich auch hier ein großes Ringen dahintersteht, das entdeckt man erst später.“

    Deshalb ist es durchaus überraschend, dass die wohl erste umfangreichere literarische Arbeit des jungen Ratzinger gerade die Übersetzung einer Schrift des Thomas von Aquin war. Die im Manuskript gut 100 Seiten umfassende erste deutsche Gesamtübersetzung der „Quaestio 2: De caritate (Untersuchung über die Liebe)“ entstand in Freising im Jahre 1947. Die wesentliche Anregung zur Übersetzung erhielt der Philosophiestudent von dem damaligen Präfekten im Freisinger Priesterseminar, Alfred Läpple. Zu einer Veröffentlichung kam es damals aber nicht. Hat die Übersetzung – die eine in jeder Hinsicht beachtliche Leistung darstellt – im Denken Ratzingers Spuren hinterlassen? Darüber lässt sich nur spekulieren. Immerhin ist es doch bemerkenswert, dass sich die erste Enzyklika des späteren Papstes wiederum mit der Liebe beschäftigte.

    Dass die im Freisinger Seminar entstandene Übersetzung gut 70 Jahre später nun doch in gedruckter Form erscheint, ist ein Anlass zur Freude. Und vielleicht ist es gar nicht so schlimm, dass es so lange gedauert hat. Denn so sorgfältig kommentiert wäre die Übersetzung damals wohl nicht erschienen.

    Herausgeber ist mit dem Regensburger Philosophiehistoriker Rolf Schönberger ein einschlägiger Spezialist, der die Übersetzung, die in der Reihe der Mitteilungen des „Institut Papst Benedikt XVI.“ erscheint, in Absprache mit dem Autor durchgesehen und terminologisch vereinheitlicht hat. Das genaue Ausmaß dieser nachträglichen Überarbeitung bleibt dem Leser allerdings verborgen. Schönberger steuert auch zahlreiche textkritische und inhaltserklärende Anmerkungen bei und erschließt den Text und einige damit zusammenhängende Fragen in einem umfangreichen Nachwort, in dem er auch auf die Entstehungsgeschichte der Übersetzung und Ratzingers Verhältnis zum Aquinaten eingeht.

    Die Übersetzung ist in der nun vorliegenden Form durchweg präzise und zielsprachenorientiert. Sie ist freilich stilistisch an vielen Stellen wesentlich eleganter als das sprachlich monotone und stilistisch wenig ansprechende lateinische Original des Thomas, der sicher ein großer Denker, aber ebenso sicher kein guter Prosaschriftsteller war. Die deutsche Übersetzung erhält dadurch eine Schönheit, die das Original nicht besitzt.

    Der vorliegende Text stammt aus den „Quaestiones disputatae“ (ungefähre Übersetzung: „erörterte Sachfragen“) des Thomas. Anders als in seinen beiden berühmteren Werken „Summa Theologiae“ und „Summa contra Gentiles“ geht es dem Aquinaten in den Quaestiones weniger um die Darstellung seiner eigenen Lehrmeinung als um die umfassende intellektuelle Erörterung von metaphysischen Sachfragen. In der zweiten „Quaestio“, der „Untersuchung über die Liebe“, behandelt er in insgesamt zwölf „Artikeln“ entscheidende Fragen zum Verhältnis zwischen Gott und den Menschen, die sich aus dem von ihm betrachteten Gegenstand ergeben. Das Spektrum reicht dabei von „Ist die heilige Liebe etwas Geschaffenes in der Seele oder ist sie der Heilige Geist selbst?“, über „Ist die heilige Liebe eine eigene Art von Tugend?“ bis „Kann die heilige Liebe in diesem Leben vollkommen sein?“ und „Sind alle zur vollkommenen heiligen Liebe verpflichtet?“.

    Wie man es von Thomas gewohnt ist, vollzieht sich der Gedankengang strikt logisch, unter stetem Rekurs besonders auf die Heilige Schrift und daneben auch auf große Philosophen und Theologen, die ihm vorangegangen waren (etwa Aristoteles und Augustinus). Thomas berücksichtigt alle nur denkbaren Detailfragen und möglichen Einwände und kommt zu präzisen Schlussfolgerungen. Hinsichtlich der Frage „Kann die heilige Liebe in diesem Leben vollkommen sein?“ lautet eine seiner Einsichten beispielsweise: „Die heilige Liebe ist in diesem Leben nicht schlechthin vollkommen, auch nicht vollkommen innerhalb der Möglichkeiten der menschlichen Natur, sondern nur den zeitlichen Gegebenheiten nach vollkommen. Was aber in dieser Weise vollkommen ist, kann gleichwohl wachsen, wie es etwa bei Knaben deutlich ist. Deshalb kann auch die heilige Liebe in diesem Leben immer noch zunehmen.“ Thomas erweist sich mit dieser Schlussfolgerung als Realist. Die vollkommene Gottesliebe ist für den Menschen in diesem Leben nicht zu erreichen. Warum ist das so? Auch das erfährt man von Thomas: „Nun kann der Mensch in diesem Leben ohne die Todsünde sein [...] und kann auch ohne die Beschäftigung mit weltlichen Gütern sein [...] Aber von der Last des vergänglichen Fleisches kann in diesem Leben niemand frei sein.“

    Auch bei Behandlung der ersten Frage – Ist die heilige Liebe etwas Geschaffenes oder der Heilige Geist? – stellt er am Ende fest, dass „unsere Liebe zu Gott […] nicht dem ganzen Reichtum seiner Liebenswürdigkeit zu entsprechen“ vermag. Und dennoch: „Der Habitus der heiligen Liebe ist in uns notwendig, soweit wir unsererseits Gott lieben; dies kommt anderen Geschöpfen nicht zu, auch wenn sie alle von Gott geliebt werden.“

    Auch wenn es bis zur Publikation der „Untersuchung über die Liebe“ 70 Jahre gedauert hat, ist die Mühe des Übersetzers letztlich doch nicht umsonst gewesen. Die philosophisch interessierte Öffentlichkeit aber ist nicht nur um eine gelungene Übersetzung dieser „Quaestio“ des heiligen Thomas reicher. Sie darf sich zugleich über ein Dokument freuen, das unser Wissen über den intellektuellen Werdegang des emeritierten Papstes um eine interessante Facette ergänzt. Wenn die Prominenz des Übersetzers dazu beitragen sollte, diesem Text des gerade in der zeitgenössischen deutschen Universitätstheologie eher vernachlässigten „Doctor Angelicus“ größere Aufmerksamkeit zu verschaffen, wäre das sehr zu begrüßen.

    Thomas von Aquin: Untersuchungen über die Liebe. Übersetzt von Joseph Ratzinger, herausgegeben von Rolf Schönberger. Schnell und Steiner, Regensburg 2018, 227 Seiten, ISBN 978-3-7954-3246-1, EUR 24,95

    Weitere Artikel