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    Das Schweigen der Mönche

    Durch das dunkle, nur schwach vom roten Schein des Ewigen Lichts beleuchtete Kirchenschiff hallen Schritte. Ein Mönch in weißer Kukulle schreitet gemessen durch das Mittelschiff der Abteikirche. Unter dem Dachreiter, der das Langhaus der Kirche krönt, hängen zwei Glockenseile vom Gewölbe herab. Bruder Bernhard ergreift das stärkere von beiden und zieht daran, bis die größere der zwei Glocken im Dachreiter mit hellem Ton dreimal erklingt, um die Brüder zusammenzurufen. Die Uhr zeigt vier – vier Uhr nachts.

    Durch das dunkle, nur schwach vom roten Schein des Ewigen Lichts beleuchtete Kirchenschiff hallen Schritte. Ein Mönch in weißer Kukulle schreitet gemessen durch das Mittelschiff der Abteikirche. Unter dem Dachreiter, der das Langhaus der Kirche krönt, hängen zwei Glockenseile vom Gewölbe herab. Bruder Bernhard ergreift das stärkere von beiden und zieht daran, bis die größere der zwei Glocken im Dachreiter mit hellem Ton dreimal erklingt, um die Brüder zusammenzurufen. Die Uhr zeigt vier – vier Uhr nachts.

    Bruder Bernhard, der Glöckner von Mariawald, hat den Weg aus seiner Klosterzelle in das Gotteshaus um diese frühe Morgenstunde schon einige tausend Male in seinem Mönchsleben gemacht. Sein Läuten versammelt in dieser Stunde die Brüder zur Vigil, dem Nachtgebet, mit dem der Tag in der Abtei beginnt. Bis der normale Werktag um 19.30 Uhr mit der Komplet, dem Abendgebet und dem anschließenden „Salve Regina“ endet, wird Bruder Bernhard noch siebenmal die Glocke läuten, die größere zu den „großen“ Gebetszeiten – Vigil und Laudes am Morgen und Vesper am Abend – und dazwischen die kleine Glocke, die zu Terz, Sext, Non und Komplet ruft.

    Wenige Minuten später öffnet sich die Seitentür des Mönchschors zum Kreuzgang hin und es ziehen – ebenfalls in weiße Kukullen gehüllt – die übrigen Mönche ein. Jeder verneigt sich vor dem Altar mit dem Tabernakel und nimmt seinen angestammten Platz im Chorgestühl ein: Dom Josef – der Ordensobere – vorne und dahinter seine Mitbrüder. Die Mauern des Kirchenschiffs werfen in dem ansonsten völlig leeren Gotteshaus den Schall als Echo zurück und lassen akustisch die kleine Zahl der Sänger stärker erscheinen als sie ist: „Preist den Herrn, ihre Werke alle des Herrn“, so ertönt der Lobpsalm in deutscher Sprache. Das Chorgebet vereint nämlich alle, die Priester- und die Brüder-Mönche, die man früher einmal „Konversbrüder“ nannte. Nicht nur des Lateins wegen beteten beide damals getrennt. Jetzt erschallt das Gotteslob gemeinsam: „... Ihr Werke des Herrn, lobet ihn und erhebt ihn in Ewigkeit.“

    Mit der Vigil hat für die Mönche in Deutschlands einziger Trappistenabtei ein 16-Stunden-Tag begonnen, der ganz unter der Mönchsregel des heiligen Benedikt steht: „Ora et labora – bete und arbeite!“ Und bei den Trappisten – nach Benediktinern und Zisterziensern der dritte Orden nach der benediktinischen Regel – kommt noch das Bemühen um das Schweigen hinzu.

    Dem Gebet ist nichts anderes vorzuziehen, so hat es der Vater des abendländischen Mönchtums in seiner Regel festgelegt. Und so verbringen die Trappisten jeden Tag mindestens fünf Stunden im Gebet – beim gemeinschaftlichen Psalmodieren zu den kirchlichen Gebetszeiten, in stiller Betrachtung der Heiligen Schrift in der Abgeschlossenheit der Zelle, beim Wandeln im Kreuzgang oder der Klausur.

    Neben das Gebet hat Benedikt in seiner Regel in nicht minderem Rang die körperliche Arbeit gestellt. Auch ihr sind etwa fünf Stunden pro Tag vorbehalten. Eigentlich sollen Klöster gemäß dem Willen des Mönchsvaters unabhängig sein – ja sogar vom Überschuss des selbst Erwirtschafteten das finanzieren, was sie nicht herstellen können. Als die Kommunität in Mariawald noch stark genug war, betrieben die Mönche eine intensive Land- und Forstwirtschaft. Schmiede, Schreinerei, Brauerei, Käserei und Bäckerei erlaubten, alle anfallenden Arbeiten in der Abtei „mit Bordmitteln“ zu besorgen.

    Doch mit der abnehmenden Zahl der Mönche war vieles davon einfach nicht mehr zu machen. Alte Brüder starben, einige verließen – auch verunsichert durch manche Änderungen des Klosterlebens im Anschluss an das Zweite Vatikanische „Reform“-Konzil – die Gemeinschaft. Der Nachwuchs wurde spärlicher, wie in anderen Orden auch. Weltweit 2 200 beträgt die Zahl der „Zisterzienser der strengen Observanz“, wie die Trappisten offiziell heißen. Dreizehn davon beten und arbeiten in Mariawald. Knapp über 40 ist der jüngste, Dom Josef, der Obere. 84 Lebensjahre zählt der älteste, Pater Klaus, der im hauseigenen Krankenrevier betreut wird.

    Dom Josef bleibt gleichwohl zuversichtlich: „Die Ordensgeschichte war immer von Höhen und Tiefen gekennzeichnet; zur Zeit sind wir sicher in einem Tal, aber es wird auch wieder aufwärtsgehen.“ Zwei Postulanten leben derzeit im Kloster, und vier weitere Kandidaten möchten sich der Gemeinschaft anschließen. Das geht nicht ohne eine Zeit intensiver Prüfung und des gründlichen gegenseitigen Kennenlernens; denn schließlich soll die Gemeinschaft ja lebenslang halten.

    Dass mit der kleinen Zahl der Mönchsgemeinde alle vorgenannten „Wirtschaftszweige“ nicht aufrechtzuerhalten waren, leuchtet ein. So war die Gemeinschaft ganz froh, dass sie die bislang land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen an den neu entstandenen „Nationalpark Eifel“ verpachten konnte. Was geblieben ist und unter der Leitung angestellter Fachkräfte nach den Regeln des Marktes gemanagt wird, ist die gut sortierte Buchhandlung, die Produktion von Kräuterlikören, der Klosterladen, in dem die selbsthergestellten Produkte wie Roggen- und Vollkornbrot, selbstgeschleuderter Bienenhonig und natürliche Hautcreme, aber auch feine Trüffelpralinen zum Kauf angeboten werden und natürlich die Klostergaststätte, deren deftiger Erbseneintopf ein Geheimtipp unter Eifelwanderern ist. Mit dem Erlös werden alle Aufwendungen für den Erhalt der Abtei finanziert; Zuschüsse oder sonstige finanzielle Hilfen des Bistums oder der öffentlichen Hand gibt es nicht.

    Einfach und gesund wie die Kost für die Klostergäste und Touristen ist auch die Nahrung der Mönche: Salat und Gemüse, Klosterbrot, dazu Sonntags und an Hochfesten eine Fisch- oder Eierspeise. Zum Trinken gibt es Wasser, Tee und auch Bier. Fleisch steht nicht auf dem Speiseplan, allenfalls in Ausnahmefällen für Kranke. „Ganz ungesund kann unsere Nahrung nicht sein“, lächelt der Obere, „denn unsere Brüder werden zumeist recht alt.“ Auf dem kleinen Mönchsfriedhof neben dem Wirtschaftshof des Klosters hebt sich ein frischer Grabhügel, mit ein Paar Feldblumen versehen, von der Schmucklosigkeit der übrigen Gräber ab. Hier wurde unlängst Bruder Gabriel begraben. Er starb im Alter von 95 Jahren. Die sterbliche Hülle eines Trappisten wird der Erde so übergeben, wie er sie bei seiner Geburt betreten hat: ohne Sarg, nur in seine Kukulle gehüllt. Dass Trappisten zu Lebzeiten im Sarg schliefen, ist übrigens eine der vielen Legenden, die vom Leben der Ordensleute erzählt werden.

    Das Leben im Zisterzienserorden der Strengen Observanz, den nach ihrer Gründungsabtei „La Trappe“ benannten Trappisten, ist kein einfaches. Jeden Tag das Chorgebet und das Bemühen um Schweigen mutet an wie ein Kontrastprogramm zu einer immer hektischer und lauter lärmenden Welt. Und doch übt gerade diese Lebensform Anziehungskraft auf die heutigen Menschen aus – auch dann, wenn ihnen der Gedanke, einer Berufung zu einem Leben als Ordenschrist zu folgen, durchaus fern liegt. Kloster auf Zeit, eine Phase des Atemholens der Seele – das ist es, was viele suchen, auch in Mariawald. Fast das ganze Jahr über beherbergt der Gästeflügel des Klosters Menschen, die unter einem geistlichen oder seelischen „Burn-out-Syndrom“ leiden. „Wir nehmen solche Suchenden gerne bei uns auf“, sagt Dom Josef, „aber Urlaub ist das nicht.“ Der junge Obere der Mönchsgemeinschaft weiß, wovon er spricht.

    Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein Junge aus einer katholischen Frankfurter Familie, der als Kind Messdiener war, dann aber – wie so viele junge Menschen – seine kirchenferne Lebensphase hatte, als Student der Betriebswirtschaft glaubte, den Ruf Gottes zur Nachfolge vernommen zu haben. Nach mehreren Umwegen fand er sich im Gästeflügel der Eifelabtei wieder, wo er sich, im Leben und Beten an der Seite der Mönche von damals, seiner Berufung sicher wurde. Der Student von einst hieß Josef Volberg – heute heißt er Dom Josef und ist der Obere der Trappistenabtei.

    Von Helmut S. Ruppert