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    „Das Potenzial ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft“

    Das Treffen des Päpstlichen Familienrates in Rom vom 29. November bis 1. Dezember stand in diesem Jahr im Zeichen der Jubiläen: Die Teilnehmer befassten sich anlässlich des 30. Jahrestags des Apostolischen Schreibens „Familiaris Consortio“ mit den Früchten des Textes. Auch das dreißigjährige Bestehen des Päpstlichen Rates für die Familie und die Vorbereitung auf den Weltfamilientag in Mailand 2012 standen auf der Tagesordnung. Regina Einig sprach darüber mit Renate Martin, die mit ihrem Mann Norbert seit 1980 dem Päpstlichen Rat für die Familie angehört.

    Renate Martin. Foto: Privat

    Das Treffen des Päpstlichen Familienrates in Rom vom 29. November bis 1. Dezember stand in diesem Jahr im Zeichen der Jubiläen: Die Teilnehmer befassten sich anlässlich des 30. Jahrestags des Apostolischen Schreibens „Familiaris Consortio“ mit den Früchten des Textes. Auch das dreißigjährige Bestehen des Päpstlichen Rates für die Familie und die Vorbereitung auf den Weltfamilientag in Mailand 2012 standen auf der Tagesordnung. Regina Einig sprach darüber mit Renate Martin, die mit ihrem Mann Norbert seit 1980 dem Päpstlichen Rat für die Familie angehört.

    Wie ist „Familiaris Consortio“ nach Einschätzung des Päpstlichen Rats für die Familie im deutschsprachigen Raum aufgenommen worden?

    Die Aufnahme von „Familiaris Consortio“ wurde bei der diesjährigen Generalversammlung nicht mit Blick auf einzelne Länder beleuchtet, sondern auf Kontinente bezogen, in diesem Fall also Europa. Im Vergleich mit zum Beispiel Asien hat es in Teilen Europas Mängel gegeben bei der Aufnahme. Nur einige europäische Bischofskonferenzen haben von Anfang an vorbildlich mit dem Schreiben gearbeitet, zum Beispiel die italienische. In Deutschland hat „Familiaris Consortio“ leider so gut wie keinen Eingang in die normale Seelsorge gefunden. Und auch heute noch würden die meisten Gläubigen die Frage, ob sie „Familiaris Consortio“ kennen, verneinen. Hoffen wir, dass Beiträge wie der von Bischof Tebartz-van Elst kürzlich in der „Tagespost“ ein neuer Anfang sind. Denn „Familiaris Consortio“ hat eher an Aktualität hinzugewonnen als verloren.

    Worauf führen Sie die mangelnde Annahme von „Familiaris Consortio“ zurück?

    Im Vergleich zu anderen Ländern tut man sich in Deutschland allgemein schwer mit päpstlichen Schreiben. Bei „Familiaris Consortio“ kam erschwerend hinzu, dass im Focus der deutschen Leser die Frage stand, inwieweit sich der Text von der Enzyklika „Humanae Vitae“ unterscheidet. Ich weiß von Theologen, die „Familiaris Consortio“ aufschlugen, „ihre“ kritischen Stellen heraussuchten, und das Dokument ungelesen beiseite legten, weil ja doch „nichts Neues“ darinstand. Zwischen dem Erscheinen von

    „Humanae Vitae“ und der Veröffentlichung von „Familiaris Consortio“ lagen damals gerade einmal dreizehn Jahre; heute, dreißig Jahre später, sehen wir die Dinge aus größerem Abstand. Viele konnten und wollten 1981 mit „Familiaris Consortio“ nichts anfangen, weil der Text die Positionen von „Humanae Vitae“ vertieft hat. Leider wurde dadurch der gesamte Reichtum von „Familiaris Consortio“ ad acta gelegt und ging für die Pastoral verloren.

    Wie beurteilen Sie die familiäre Kultur in Deutschland?

    Ein besorgniserregendes Faktum sind die Belastungen für das Familienleben durch Versuche, die Kinder möglichst früh aus den Familien herauszunehmen, damit Vater und Mutter möglichst hundertprozentig für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Hier wird der Mensch rein technisch gesehen als Objekt, mit dem man machen kann, was man will und nicht als organisches Wesen, das wachsen und sich seinen inneren Bedürfnissen entsprechend entfalten können muss. Das wird durch Maßnahmen wie die Väterzeit nur verschleiert. Natürlich ist es gut, wenn Väter sich mehr um ihre Kinder kümmern, aber de facto erleben wir einen unglaublichen Raubbau an den Familien. Ihnen fehlen Freiräume und Zeit und oft auch die finanziellen Mittel, in Ruhe beieinander zu sein. Kein Kinderhort kann ersetzen, was eine Familie jungen Menschen schenkt und was auch nicht durch „qualifizierte Elternzeit“ abends, wenn alle abgeschafft nach Hause kommen, ersetzt werden kann. Ich stand als Mutter, Beraterin, Helferin nach der Schule für die Kinder zur Verfügung, sodass wir nachmittags alles aufarbeiten konnten, was sie erlebt hatten. So konnten wir in der Familie abends unbelastet zum Beispiel auch den Advent feiern. Das Thema des Weltfamilientags „Familie: Die Arbeit und das Fest“ in Mailand im Mai 2012 ist mit Bedacht gewählt und rückt die gute und richtige Verteilung von Arbeit und Muße für die Familie wieder in den Blick.

    Betrachten Sie „Humanae Vitae“ auch heute als Schlüssel zum katholischen Familienbild?

    „Humanae vitae“ ist zweifellos ein Basisdokument der Kirche aus dem letzten Jahrhundert mit Blick auf die Regelung der menschlichen Fruchtbarkeit. Schlüssel für das katholische Familienbild ist aber eher das, was dort und später in „Familiaris Consortio“ zum Beispiel zur Sakramentalität der Ehe steht. Der Umgang mit der Sexualität ist nicht Schlüssel, sondern Konsequenz daraus. Die Frage der Empfängnisverhütung wird in „Humanae Vitae“ anders begründet als zuvor – nämlich vom Menschenbild her. Die Kirche erteilt „mechanistischen“ Menschenbildern eine Absage, die den Leib als für alles Mögliche verfügbar betrachten. Dagegen setzt sie den Personalismus und spricht vom Plan Gottes. Hinter „Humanae vitae“ stand schon vor 1968 Johannes Paul II. als Berater Pauls VI. Noch klarer ist dann die Sprache in „Familiaris Consortio“. Die Wurzel der Verhaltenheit gegenüber römischen Dokumenten mit Familiengeschmack ist allerdings von diesem Ausschnitt des Ehelebens her erfolgt, der Regelung der Fruchtbarkeit.

    Hat sich auch das Bild der Kirche von der Familie gewandelt?

    Man sollte da unterscheiden zwischen dem Bild der Ehe und dem Bild der Familie innerhalb der Kirche. Aber nicht das Bild hat sich gewandelt im Sinne von Veränderung, sondern der Blickwinkel ist anders geworden und die Wertung. Das kommt ein bisschen zum Ausdruck, wenn Johannes Paul II. von der „herrlichen Neuheit des Lebens in Ehe und Familie“ spricht (FC 51). Die Ehe wird nun stärker als Partnerschaft gesehen im Unterschied zu früher, als die Stellung der Frau der des Mannes untergeordnet war. Da Mann und Frau gleichermaßen die Gottebenbildlichkeit widerspiegeln, ist es auch nicht sinnvoll, von Hierarchie innerhalb der Ehe zu sprechen. Die Kirche bejaht, dass Väter nun stärker in die Erziehung eingebunden und Frauen auch für den Erhalt der Familie mitverantwortlich sind – soweit es nicht zum Schaden der Kinder ist. Bei den jüngsten Gesprächen in Rom wurde darüber hinaus stark hervorgehoben, dass die Familie selbst Subjekt der Evangelisierung ist, auch wenn sie zugleich Objekt der Seelsorge bleibt. Sie soll selbst evangelisierend wirken und ist, wie Kardinal Tettamanzi im Anschluss an „Familiaris Consortio“ unterstrich, nicht nur eine erlöste, sondern auch eine erlösende Gemeinschaft.

    Ist das Bild der Familie als evangelisierende Gemeinschaft nicht zu idealisierend? Viele Eltern leiden doch darunter, dass ihre Kinder den Glauben nicht angenommen haben.

    Weltkirchlich sieht die Situation anders aus. Aber auf Deutschland bezogen ist diese Sorge berechtigt. Man kann hier tatsächlich erschrecken, wie wenig religiöse Substanz bei der jungen Generation ankommt. Deswegen muss die Familie selbst auch den Glauben erst richtig kennenlernen, ehe sie ein pastoraler Träger werden kann. Und dass die Familie das kann, lässt sich durchgehend in den geistlichen Bewegungen beobachten. Aber auch in vielen Pfarreien darf man die Situation nicht zu pessimistisch sehen: wie viel Katechese wird allein in der Kommunion- und Firmvorbereitung durch Familien geleistet!

    Wo sollte die ordentliche Pastoral ansetzen, um die Familien zu schulen?

    Bei den ganz normalen Predigten. Vielleicht könnten auch Predigtreihen eine Hilfe sein, in denen die Berufung der Ehe und ihre Gottverbundenheit – zum Beispiel ausgehend von „Familiaris Consortio“ – dargestellt wird. Wir betrachten hier in Deutschland ja doch die Ehe mehr oder weniger als ein rein weltlich Ding – auch in der katholischen Kirche. Nimmt man „Familiaris Consortio“ in die Hand, sieht man, dass die Ehe eine echte Berufung durch Gott ist und sich durch eine besondere Gottesnähe ausgezeichnet. Ehepaare müssen das erst einmal erkennen und eine besondere Freude darüber entwickeln, dass sie Familie sind und damit eine ganz eigene göttliche Berufung geschenkt bekommen haben. Wichtig wären auch Familienkreise, die sich ernsthaft in religiöse Themen und ihre Umsetzung in den Alltag vertiefen. Und: Es braucht charismatische Priester, die die Familie lieben.

    Worin bestehen aus Sicht des Päpstlichen Rates die guten Früchte von „Familiaris Consortio“?

    Einmal im deutlicher erkennbaren Profil der christlichen Familien; zum anderen in der stärkeren Wahrnehmung der Mitverantwortung der Eheleute und ihrer Familie beim Apostolat und der Pastoral der Kirche. Je nach Weltgegend ist das mehr oder weniger offensichtlich. Insgesamt hat sich der geistliche Pegelstand für Ehe und Familie in der Kirche erhöht. Die Familie wird anders gesehen und kann deswegen auch anders handeln. Und das Potenzial von „Familiaris Consortio“ ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft!

    Wo sehen Sie im Pontifikat Benedikts XVI. die für Familien markanten Linien?

    Wo der Papst über die Familie spricht, ist die Kontinuität zum Pontifikat seines Vorgängers eindeutig zu sehen. Er setzt im Allgemeinen sehr tiefgründig von der Liebe her an und beschreibt die Familie als die kleinste Gemeinschaft, die durch ihr Leben aus der Liebe in unserer Welt die Liebe Gottes selbst sichtbar zu machen berufen ist. Wie zentral für die Kirche Benedikt XVI. die Familie sieht, hat er in der Ansprache, die er am 1. Dezember dieses Jahres dem Päpstlichen Rat für die Familie hielt, ausgedrückt. Ein Wort von Johannes Pauls II. abwandelnd, der in „Redemptor hominis“ ausführte: „Der Mensch ist der Weg der Kirche“ betonte Benedikt XVI.: „Die Familie ist der Weg der Kirche“. Familie als Hauskirche und die Kirche als Familie Gottes gehören von ihrem innersten Wesen her eng zusammen.