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    Das Haus Gottes als Gesamtkunstwerk

    Wer eine Kathedrale betritt und das Gewölbe über sich erblickt, schaut in den Himmel. Es ist ein symbolischer Himmel, Abbild und Abglanz dessen, was der Schöpfer aller Kreaturen dem gläubigen Menschen am Ende seines irdischen Lebens bereitet. Wie die runde Wölbung das Firmament repräsentiert, so finden sich in der Kathedrale weitere Symbole in Fülle. Diesen Symbolraum unter vielem anderen erfahrbar zu machen, hat sich der in München lebende Autor und Publizist Johannes Thiele mit seinem im Pattloch Verlag erschienenen bildgewaltigen Werk „Kathedrale“ vorgenommen.

    Die Kathedrale von Reims, Abbildung aus dem besprochenen Band. Foto: iStock/Pattloch

    Wer eine Kathedrale betritt und das Gewölbe über sich erblickt, schaut in den Himmel. Es ist ein symbolischer Himmel, Abbild und Abglanz dessen, was der Schöpfer aller Kreaturen dem gläubigen Menschen am Ende seines irdischen Lebens bereitet. Wie die runde Wölbung das Firmament repräsentiert, so finden sich in der Kathedrale weitere Symbole in Fülle. Diesen Symbolraum unter vielem anderen erfahrbar zu machen, hat sich der in München lebende Autor und Publizist Johannes Thiele mit seinem im Pattloch Verlag erschienenen bildgewaltigen Werk „Kathedrale“ vorgenommen.

    Schon der farbenprächtige Umschlag nimmt den Betrachter augenblicklich gefangen. Er verführt dazu, das Buch sogleich in die Hand zu nehmen und aufzuschlagen, es Seite für Seite durchzublättern. Der Blick in einen mit bunten Glasfenstern geschmückten Chorraum verspricht da nicht zu viel: Der Band ist durchgehend mit kunstvollen Fotografien und weiteren Darstellungen illustriert, was seine besondere Attraktivität ausmacht.

    Der Betrachter soll sich vom Diesseits lösen können

    Im Gegensatz zu ihren Vorgängermodellen aus der Romanik mit ihren gedrungenen, festungsartigen Mauern, streben die sakralen Bauten im Hoch- und Spätmittelalter in die Höhe. Sie versinnbildlichen damit das Himmlische Jerusalem auf Erden, was vor allem auch Ausdruck eines veränderten religiös-geistlichen Hintergrunds war: Der Gläubige sollte sich vom Diesseits lösen und sich Gott vollends hingeben. Das Aufwärtsstreben gen Himmel der gotischen Kathedrale wurde durch drei geniale architektonische Neuerungen ermöglicht: dem Kreuzrippengewölbe, dem Strebewerk, das die Wände von außen abstützte, sowie – als auffälligstes Konstruktionselement – den hohen Spitzbogenfenstern, die durch ihr buntes Farbenspiel auf gleichsam mystische Weise den Innenraum mit Licht durchfluteten. Diese Elemente waren mehr als nur Stilmittel, sie dienten der Entmaterialisierung, indem sie dazu beitrugen, die Wandflächen aufzulösen und dadurch ein neues Raumgefühl schufen.

    Zunächst widmet sich der Autor all den Umständen, unter anderem auch den widrigen, die den Bau der Kathedrale bedingten. Wer bezahlte die Kathedralen? Wie sah der Alltag der am Bau beteiligten Handwerker, der Maurer-, Schreiner- und Schmiedemeister, Bleigießer, Glasmaler und Tafelmaler aus? Das sind nur einige der detailliert behandelten Fragestellungen. Auch dem politisch-ökonomischen Spannungsfeld, dem sich die Kirche im Mittelalter ausgesetzt sah, weicht der Verfasser nicht aus, wenn er Machtinteressen, Staatsraison und Ständeneid kritisch beleuchtet – Aspekte, die beim Bau einer Kathedrale eine nicht unwesentliche Rolle spielten.

    Ein besonderes Augenmerk richtet Thiele auf die Deutung der Symbolik und der unterschiedlichen Symbole, die sich hier auf den verschiedensten Ebenen entfalten. Die Kathedrale, der „Stein gewordene Glaube“ und „sichtbare Ausdruck einer göttlichen Weltordnung und eines universalen Heilsplans“ wird als „lebender Körper“ beschrieben, mit Augen (Fenster), Kopf (Chorraum), Herz (Altar) und Armen (Seitenschiffe). Die Kathedrale als großer Symbolraum ist überreich an diesen Symbolen und Allegorien, die dem Menschen des Mittelalters – übrigens ganz im Gegensatz zum heutigen – nicht unbekannt waren. Sie diente als „Glaubensbauwerk“, in dem das gesamte christliche Weltbild der damaligen Zeit abgebildet und anschaulich gemacht werden sollte. Darstellungen des Weltgerichts finden sich hier ebenso wie die Personifikationen der Tugenden und Laster als auch Hinweise auf die Wunder Christi. Himmel und Hölle, Gut und Böse: nichts wurde ausgespart. Thiele berichtet vom ikonografischen Programm der Kathedrale, er führt uns ein in die Gestaltung der Rosettenfenster, erläutert, wo uns immer wieder typologische Ordnungen begegnen, nach denen Dinge und Ereignisse des Neuen Testaments bereits im Alten vorgebildet waren.

    Bei Thieles Werk handelt es sich weniger um eine nüchterne Analyse oder eine bloß architektonische, historische Schilderung dessen, was den materiellen „Körper“ der Kathedrale ausmacht. Man kann das Buch vielmehr als eine Art spiritueller Bestandsaufnahme verstehen, um sich diesen Palästen des Glaubens in einer eher meditativen Weise zu nähern, was auch in der Sprache des Autors zum Ausdruck kommt. Da, wo andere prosaisch Fakt an Fakt reihen, schmückt Thiele jede noch so kleine Steinskulptur, die in einer Nische der Kathedrale ihr ewiges Dasein fristet, mit einer glanzvollen, fast schon barocken (Sprach-) Ornamentik aus und haucht ihr so Leben ein. Besonders dort zieht eine solche Ausdrucksweise den Leser in den Bann, wo voller Empathie die Wirkung der Kathedrale auf den Besucher nachgezeichnet wird.

    Kritiker werden sich möglicherweise an der etwas einseitigen Betrachtungsweise des Verfassers in Bezug auf liturgische Vollzüge stören. Für Thiele ist die heilige Messe in allererster Linie Mahlfeier, „Mahlsakrament“, „Danksagung“, „Dankgabe“, „Lob Gottes für seine Taten“. Folgerichtig ist im Abschnitt „Das Herz der Kathedrale“, in dem es um Eucharistie und Altar geht, mehrmals pro Seite vom Mahl die Rede, nur an einer Stelle taucht der Begriff Messopfer etwas verschämt und auch nur in Klammern auf. Auch Thieles lapidare Beschreibung der überlieferten Messliturgie wird nicht ungeteilte Zustimmung bei seiner Leserschaft finden, wenn er etwa von „unverständlichem Latein“ spricht sowie von Priestern, die – so seine Perspektive – „mit dem Rücken“ zur Gemeinde zelebrierten.

    Die Kathedrale ist ein Gesamtkunstwerk, alles in ihr – auch die Liturgie – bildet eine Einheit. Für Ernst Ullmann stellt sich dieses harmonische Gefüge folgendermaßen dar: „Die von Sternen übersäten Gewölbe, leuchtende Wände, überirdisches Licht, Farbe und Kostbarkeit der Ausstattung, die Vereinheitlichung und Durchsichtigkeit des Hauptraumes, die großen Zahlenordnungen, das kristallhaft Klare, das Schweben, das Sonnenfenster, die porta coeli – all dies zusammen gibt ein sinnenhaftes Bild des Himmels in der Gestalt der Himmelsstadt, das himmlische Jerusalem. Die großen Bildzyklen, die plastischen wie die der Glasfenster, ergänzen es. Geistliche Musik und Liturgie fügen sich dem Bilde ein, gleichsam als Abglanz himmlischer Musik und einer himmlischen Liturgie.“

    „Wer eine Kathedrale betritt, fällt aus der Zeit. Buchstäblich.“ Und wer dieses opulente Bilder- und Lesebuch aufschlägt, fällt ebenfalls aus der Zeit. Er fühlt sich hineingenommen in eine Epoche, in der Himmel und Erde sich noch berührten. „Kathedrale“ ist kein nüchternes Sachbuch. Das will es auch nicht sein. Es ist ein assoziativ dahingleitendes Erzählwerk – es nimmt den Leser und Bildbetrachter mit auf eine ausgedehnte Reise durch den Werdegang eines Bauwerks, das uns auch heute noch – selbst wenn wir gar nicht gläubig sind – in den Bann schlägt und uns daran gemahnt, dass es jenseits des vergänglichen irdischen Lebens noch ein anderes, ein ewiges, geben muss. Das Straßenbild unserer Städte wandelt sich alle paar Jahre, die Bauten der Moderne machen immer wieder Neuem Platz, einzig die Kathedrale verharrt dort, wo sie schon immer stand. Die Kathedrale als Metapher.

    Johannes Thiele: „Kathedrale: Die Kunst den Himmel zu berühren“, Pattloch, München, 2010, gebunden, 272 Seiten, ISBN 978-3-629-02247-9, EUR 29,95