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    Das Ganze ist leichter als die Summe seiner Teile

    Was unterscheidet in der Vielzahl der zum „Jahr des Glaubens“ erschienenen Publikationen die besseren von den guten Neuerscheinungen? Die besseren unter ihnen nehmen die Glaubensnot des modernen Menschen zutiefst ernst – und meinen dennoch nicht, ihr dadurch abhelfen zu können, dass sie Schwieriges und Sperriges entweder abhobeln, „passend“ machen oder in ungeerdetem Enthusiasmus so tun, als seien wirklich ernst zu nehmende Glaubensprobleme nicht vorhanden. Die wirklich qualitätvollen Publikationen zum Credo gehen beherzt und mit Einfühlungsvermögen die große Mühe ein, den Menschen, so wie er ist, weitestmöglich zu begreifen und auf dieser Grundlage ihm den Glauben in seiner ganzen Fülle und Vollständigkeit zu erklären und plausibel zu machen, ohne auch nur ein Jota oder ein Häkchen davon zu verschweigen oder zu opfern.

    Glaubensvermittlung bedeutet Vertrautmachen: Im nördlichen Seitenschiff des Wormser Domes das spätgotische Relief, das d... Foto: KNA

    Was unterscheidet in der Vielzahl der zum „Jahr des Glaubens“ erschienenen Publikationen die besseren von den guten Neuerscheinungen? Die besseren unter ihnen nehmen die Glaubensnot des modernen Menschen zutiefst ernst – und meinen dennoch nicht, ihr dadurch abhelfen zu können, dass sie Schwieriges und Sperriges entweder abhobeln, „passend“ machen oder in ungeerdetem Enthusiasmus so tun, als seien wirklich ernst zu nehmende Glaubensprobleme nicht vorhanden. Die wirklich qualitätvollen Publikationen zum Credo gehen beherzt und mit Einfühlungsvermögen die große Mühe ein, den Menschen, so wie er ist, weitestmöglich zu begreifen und auf dieser Grundlage ihm den Glauben in seiner ganzen Fülle und Vollständigkeit zu erklären und plausibel zu machen, ohne auch nur ein Jota oder ein Häkchen davon zu verschweigen oder zu opfern.

    Bei publizistisch sehr eifrigen und fruchtbaren Schriftstellern – und auf dem Gebiet der Theologie und der geistlichen Literatur muss Andreas Wollbold als ein solcher gelten – hat man zuweilen die Befürchtung, dass irgendwann einmal ein Opus aus ihrer Feder hervorgehen könnte, das vielleicht nicht dem von diesem Autor gewohnten Niveau entspricht. Angesichts des neuen Buches von Wollbold erweist sich diese Angst als gegenstandslos. Sein aktuelles Werk, das den Leser zur Wiederentdeckung des christlichen Glaubens führen will, stellt sich den Arbeiten des Verfassers, die etwa die Spiritualität der heiligen Theresia vom Kinde Jesus und das katholische Priestertum betreffen, würdig zur Seite. Vielleicht ist Wollbolds Credo-Buch in gewisser Hinsicht sogar seine reifste literarische Leistung. Sie zählt ganz fraglos zu jenen Büchern über den Glauben, die diesen weder zu verbilligten Tarifen verkaufen noch ihn im Geringsten verharmlosen, sondern dazu angetan sind, bei den Menschen in der Zeit, für die es geschrieben ist, etwas auszurichten, ihnen Gottes Wahrheit näher zu bringen.

    Inspiriert von der bretonischen Legende von der Kathedrale der Stadt Ys, die erzählt, dass jener Dom einst im Meer versunken und dann wieder aufgetaucht sei – eine Geschichte, die Débussy zum markanten Klavierstück „La cathédrale engloutie“ angeregt hat, deutet Wollbold den katholischen Glauben als eine – zumindest in der westlichen Welt – von den Meeresfluten weltlicher Gesinnung verschlungene Kostbarkeit. Die Rede vom Übernatürlichen wird nicht gerne gehört, das Christentum allenfalls als ein Impuls zur Steigerung innerweltlichen Wohlbefindens akzeptiert. Dennoch kann dem Autor zufolge die Kathedrale des Glaubens wieder vom Meeresgrund emporsteigen, und ähnlich wie der Dom in der Geschichte von Ys wird ihr herrlicher Bau nichts von seiner Schönheit und Faszination verloren haben. Wichtig ist hierbei aber, dass der Mensch nicht an diesem Wunderbau der Wahrheit und Liebe Gottes herummanipuliert: „Man darf … nicht der Versuchung erliegen, die Kathedrale in einzelnen Steinen hervorholen zu wollen, um sich nicht am gewaltigen Ganzen zu überheben. Im Gegenteil, es ist eines der Geheimnisse des Christentums: Das Ganze ist leichter als die Summe seiner Teile. Ein einzelnes Dogma erscheint nämlich vielleicht hart für den Verstand, und ein Gebot, für sich allein genommen, mag auf den ersten Blick streng wirken. Als Teil der ganzen christlichen Lehre und des entsprechenden Lebens dagegen wird alles klar und leicht. Den christlichen Glauben neu zu entdecken heißt somit, nicht Bruchstücke zu bieten, Einzelstücke, die jeder nach Belieben auch für ganz andere Bauwerke gebrauchen könnte, sondern das Ganze zu sehen. Nur so strahlt die Schönheit des Christentums auf. Nur so begreift man auch den inneren Zusammenhang des Ganzen, seine Notwendigkeit.“

    Das Buch vermittelt den Eindruck, dass Wollbold den heutigen Menschen und sein Denken genauestens kennt, dass er ihn, wie es heute oft so schön heißt, „dort abholen“ möchte, „wo er steht“. Das Problem mancher Seelsorger heute ist nur, dass sie sich zwar an diese Standorte heutiger Menschen begeben, sich ihnen zur Seite stellen, den zweiten und wesentlichen Schritt aber vergessen oder nicht mehr wagen, jedenfalls unterlassen, das „Abholen“ nämlich, das Hinführen der Adressaten zu Christus. Hinsichtlich des zitierten Diktums von der „Abholung“ der Menschen sagt Wollbold deshalb nicht ohne feine Ironie: „Wenn sie im Regen stehen, holt man sie … zuerst einmal ins Trockene.“ Glaubensvermittlung bedeutet, dass die Suchenden unserer Zeit mit einer Wirklichkeit, der Wirklichkeit Gottes, vertraut gemacht werden, die außerhalb der Verfügungsmacht des Menschen liegt, die menschlichem Zugriff nicht unterworfen ist. Am Glaubensbekenntnis kann nichts geändert werden, denn Glaube ist nach Gottes Maß und nicht nach menschlichen Maßstäben – erhaben, ernst, provozierend, aber niemals bloß ein Zuckerguss zur „Versüßung des Lebens“. Nur weil Gottes Gedanken mit denen des Menschen öfter kontrastieren, können sie diesen aus den tödlichen Bahnen des ewigen Kreisens um sich selbst erlösen.

    Andreas Wollbold, von solcher Klarheit in den Grundsätzen geleitet, geht in verständlicher, lebensnaher und zuweilen humorvoller Weise das Credo mit seinen Lesern durch, wobei man feststellen kann, dass er sich gerade auch den besonders umkämpften Bereichen des katholischen Glaubens zuwendet. So widmet er sich über vier Seiten hinweg der Lehre von den Engeln, die in der Glaubensverkündigung weithin überhaupt nicht mehr vorkommen. Die Gottessohnschaft Jesu Christi wird nicht zugunsten eines Christusbildes von einem gescheiterten Idealisten, gar noch mit einem schwankenden Selbstbewusstsein, aufgegeben, dem Gott irgendwie durchzukommen hilft, damit er, wenn schon nicht real, so doch zumindest durch die kirchliche Predigt seiner Gedanken „ins Leben“ zurückkehrt – nein, Jesus Christus wird von Wollbold mit Klarheit so bekannt, wie es dem überlieferten Glauben der Kirche entspricht: Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch, und er ist der Heilsmittler. Diese Wahrheit vermag der Autor auch in packender Weise auf das Menschenleben zu beziehen. Er schreibt: „Beide Naturen gehören [in Christus] zusammen, denn er ist nur eine Person und nicht sozusagen eine gespaltene Persönlichkeit. Durch beide ist er der Erlöser der Menschen: Als Gott besitzt er die Macht, uns zu erlösen, und als Mensch bereitet er den Weg, um uns zu erlösen: durch die Hingabe seines Leibes am Kreuz. Als Gott ist er der Herr, als Mensch ist er zugleich auch das Vorbild, auf das man nur schauen muss, um alles zu wissen. Wie schwer musste er in Getsemani darum ringen, Ja zu sagen zum Willen des Vaters: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst (Mt 26, 39). Wie sollte ein Mensch darum nicht in ihm all seine Kämpfe wiederfinden.“

    Eingehend behandelt Wollbold auch die Jungfrauenschaft Mariens, die er nicht irgendwie doch für ein „biologistisches Missverständnis“ hält, sondern ausdrücklich mit der theologischen Tradition als vor, in und nach der Geburt Jesu bestehend verteidigt. Bemerkenswert sind Wollbolds Worte: „Die Avantgarde der Naturwissenschaften hat einen groben Materialismus längst hinter sich gelassen, der nur materielle, sinnlich erfassbare Ursachen gelten lässt. Selbst grundlegendste Kategorien wie der dreidimensionale Raum und die Zeit im Fluss von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, verlieren an den Rändern ihres Weltbildes Aussagekraft. Ebenso sind die physikalischen Grundkräfte nur mathematisch beschreibbar. Dadurch gehören sie eher in die Sphäre des Geistigen als des Materiellen. … Je weiter die Naturwissenschaft kommt, umso mehr entdeckt sie die Offenheit der Materie für den Geist“. Der Autor geht auch auf aktuelle Phänomene ein, thematisiert zum Beispiel die Ehrfurcht im Gotteshaus, um die es an manchen Orten nicht zum Besten steht, kritisiert eine unkirchliche Pseudomystik. Seine Ausführungen zur Ökumene oder zur Wirkkraft des heiligen Messopfers bezüglich der Verstorbenen sind von geradezu modellhafter Klarheit. Das mit Abstand Bedeutungsvollste an Wollbolds Darlegungen sind aber seine Gedanken zum Urfundament des Glaubens: „Worauf sich der Osterglaube gründet“, wo ganz klar auf zwei Seiten wichtigste Argumente dafür zusammengestellt werden, warum die Kunde von der Auferstehung keine Erfindung oder Halluzination der Apostel gewesen sein kann, und er auf die atemberaubende zeitliche Nähe des Auferstehungsbekenntnisses des heiligen Paulus zum Osterereignis zu sprechen kommt: Paulus verfasste den ersten Korintherbrief im Jahre 57, erwähnt aber in dem berühmten 15. Kapitel dieses Briefes, dass er nur ein Auferstehungsbekenntnis weitergibt, das er selbst schon empfangen hat. Dieser Empfang aber muss im Gefolge seiner Bekehrungen geschehen sein, die man vielleicht auf das Jahr 36 ansetzen darf. Wollbold vermag seine Entschiedenheit und Eindeutigkeit in einer Weise zum Ausdruck zu bringen, dass ihm kein redlicher Leser deswegen gram sein kann. Viele wirklich Suchende werden ihm danken, dass er immer wieder Probleme und Herausforderungen der Jetztzeit aufgreift und nicht in einem Wolkenkuckucksheim verbleibt. Und sie werden ihm Dank wissen auch für seine schnörkellose, heute seltene Klarheit. Wegen eben letzterer werden auch viele entschiedene Katholiken froh sein, die sehr darunter leiden, dass manche ihrer Hirten den Glauben in verschwommener Weise lehren. Ein großartiges Buch!

    Andreas Wollbold: Die versunkene Kathedrale. Den christlichen Glauben neu entdecken. Media Maria Verlag, Illertissen 2013, 285 Seiten, EUR 19,95