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    „Das Beste daraus machen“

    Erbil (DT) „Das ist jetzt die Stunde der Bewährungsprobe für uns Priester. Wir müssen jetzt alles geben“: Father Douglas ist chaldäischer Geistlicher. Er wurde in Bagdad geboren. Seit Sommer vergangenen Jahres leitet er ein Lager für christliche Flüchtlinge, die vor dem „Islamischen Staat“ geflohen sind. Das „Mar Elia Centre“ liegt inmitten von Ankawa, dem christlichen Stadtteil der kurdischen Regionalhauptstadt Erbil im Nordirak. Hierher ist ein Großteil der über 120 000 Menschen aus Mossul und Umgebung geflüchtet. Viele solcher „Zentren“ – von „Lagern“ sprechen die Christen ungern – gibt es in der Gegend. Doch das Zentrum von Father Douglas sticht heraus. Nicht so sehr äußerlich. Wohncaravans haben auch anderenorts längst die Zelte ersetzt, in denen die Flüchtlinge zu Beginn hausen mussten. Doch das Mar Elia Centre will mehr als „nur“ Essen und Unterkunft bieten.

    Erbil (DT) „Das ist jetzt die Stunde der Bewährungsprobe für uns Priester. Wir müssen jetzt alles geben“: Father Douglas ist chaldäischer Geistlicher. Er wurde in Bagdad geboren. Seit Sommer vergangenen Jahres leitet er ein Lager für christliche Flüchtlinge, die vor dem „Islamischen Staat“ geflohen sind. Das „Mar Elia Centre“ liegt inmitten von Ankawa, dem christlichen Stadtteil der kurdischen Regionalhauptstadt Erbil im Nordirak. Hierher ist ein Großteil der über 120 000 Menschen aus Mossul und Umgebung geflüchtet. Viele solcher „Zentren“ – von „Lagern“ sprechen die Christen ungern – gibt es in der Gegend. Doch das Zentrum von Father Douglas sticht heraus. Nicht so sehr äußerlich. Wohncaravans haben auch anderenorts längst die Zelte ersetzt, in denen die Flüchtlinge zu Beginn hausen mussten. Doch das Mar Elia Centre will mehr als „nur“ Essen und Unterkunft bieten.

    „Ich will, dass die Menschen von dieser Situation profitieren. Natürlich ist es schlimm, alles verloren zu haben. Und zwar nicht nur Besitz, sondern auch das Vertrauen in die Heimat und die Zukunft hier. Aber man muss das Beste daraus machen. Als christliche Gemeinschaft sind wir zudem auf die schlechten Seiten des Lebens vorbereitet. Der Blick aufs Kreuz zeigt das.“ Father Douglas berichtet, wie die Menschen im vergangenen Sommer angekommen sind, wie verzweifelt sie waren. Dramatische Fluchtszenen durch die sommerliche Gluthitze des Irak lagen hinter ihnen. Die Angst, dass der IS weiter vorstoßen würde, saß tief. Viele sind deshalb gegangen. „Zu Beginn lebten hier 240 Familien. Jetzt sind es noch 110. Sehr viele haben den Irak bereits verlassen.“

    Bei den Verbliebenen hat Father Douglas indes Wert darauf gelegt, dass sie sich auf die neue Situation einstellten. „Ich dulde hier keine Gewalt. Wenn sich zwei Männer streiten oder prügeln, dann müssen sie gehen. Das klingt hart. Aber es muss sein, wenn wir hier vorankommen wollen. Es gibt zwei Arten von Menschen, positive und negative. Ich kümmere mich um die Positiven. Wir alle wissen, was vorgefallen ist. Wer sich nur beklagt, der kann gehen. Wer hingegen will, dass sein Leben weitergeht, der ist hier richtig.“ „Tough Love“ nennt der Priester diese Art des Vorgehens, Zuckerbrot und Peitsche sozusagen. „Die Leute machen mit. Aber sie nennen mich dafür Feldwebel oder Schwiegermutter“, berichtet er lachend.

    Besonders um die Kinder kümmert sich der Priester. „Erwachsene Menschen tun sich schwerer mit der Lage. Aber die Kinder passen sich leichter an. Ihnen müssen wir eine Zukunft bieten.“ Father Douglas ist erfreut, dass die Kinder ruhiger sind als noch vor einigen Monaten. „Die Kinder waren anfangs sehr mitgenommen. Ich erinnere mich, wie wir gleich nach ihrer Ankunft im August Spielzeug verteilt haben. Wir haben uns gefreut, ihnen etwas geben zu können. Aber sie haben um die Spielzeuge gerangelt. Innerhalb weniger Minuten war alles kaputt. Wir sahen daran, wie tief die Verlustgefühle der Kinder gingen.“

    Seither sind einige Monate vergangen. Father Douglas hat in dieser Zeit viel unternommen, um den Kindern ein Gefühl der Hoffnung zu geben. „Ich will, dass, wenn sie später an die Zeit hier zurückdenken, sie sich nicht an IS erinnern, sondern an die Sprachen, die sie gelernt haben.“ Tatsächlich wurde seither ein reges Bildungs- und Freizeitprogramm geschaffen. Englisch und Französisch wird von Freiwilligen unterrichtet. „Wir konnten mit Bücherspenden eine Bibliothek einrichten, die fremdsprachige Bücher bereithält. Es ist wichtig, dass die Kinder lesen. Arabische Kinder lesen kaum.“ Neuerdings wurde auch ein Musikzimmer eröffnet. Westliche Instrumente hängen hier neben einheimischen wie der Oud, einem Saiteninstrument. „Aber wir wollen natürlich auch, dass die Kinder Spaß haben. Jeder liebt Filme. Deshalb veranstalten wir sonntags Kino. Dabei gibt es Popcorn. Das ist immer schon nach fünf Minuten weg. Beliebt sind auch unsere Gesangswettbewerbe. Bald eröffnen wir außerdem ein Volleyballfeld.“

    In Kürze macht ein Kindergarten auf, der sich um die Kleinsten kümmert. Dahinter steckt eine schöne Geschichte. „Eines Tages kam ein kurdischer Muslim zu mir, ein wohlhabender Geschäftsmann. Er sagte mir, dass er sich schuldig fühle für das, was Muslime Christen angetan hätten. Was er tun könne? Ich habe ihm dann gesagt, dass wir einen Kindergarten brauchen. Er hat das dann finanziert.“

    Doch nicht nur die Kinder hat Father Douglas im Blick. Junge Frauen zum Beispiel lernen in Kursen, als Friseurinnen zu arbeiten. Insgesamt geht es dem Priester darum, den Menschen, die Menschen zur Eigeninitiative zu bewegen. „Es ist nichts schlimmer, als den ganzen Tag trüben Gedanken hinterherzuhängen.“ Es freut ihn, dass viele Männer Arbeit in Erbil und Umgebung gefunden haben und so wieder zum Familienunterhalt beitragen können. „Das gibt ihnen ihre Würde zurück.“

    Father Douglas ist dabei realistisch. „Viele unserer Leute werden gehen. Ich würde sagen, dass 50 Prozent der Flüchtlinge über kurz oder lang den Irak verlassen wollen. Vor allem die Jungen wollen weg. Meiner Schätzung nach werden weitere dreißig Prozent hier in Kurdistan bleiben und sich ein neues Leben aufbauen. Nur zwanzig Prozent werden in ihre alten Dörfer zurückgehen, wenn sie denn befreit werden.“

    Doch trotz dieser im Grunde nicht sehr positiven Diagnose will sich Father Douglas weiterhin mit aller Kraft für die Menschen einsetzen. „In dieser Stunde bin ich als Priester für den ganzen Menschen verantwortlich, seine Seele, aber auch seinen Leib. Ich setze mich für beides ein.“ Kraft schöpft der Geistliche aus seinem Glauben, aber auch aus allen Zeichen, die zeigen, dass das Leben weitergeht. „Fünf Kinder wurden hier mittlerweile geboren. Eines wurde auf meinen Namen getauft.“