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    „Damit aber löst man gar nichts“

    Rom (DT) Bei prächtigem Frühlingswetter und strahlendem Sonnenschein hat am Palmsonntag in Rom die Feier der „settimana santa“, der Heiligen Woche, begonnen – eine Zeit, in der sich die Päpste traditionellerweise eher in Schweigen hüllen. Aber die Wolken, die mit der vergangenen Bischofssynode über der Kirche aufgezogen sind, wollen sich nicht wegschieben lassen und entladen sich immer wieder in nervösen Reaktionen. So etwa, wenn Kardinal Vincent Nichols, der Vorsitzende der Bischofskonferenz von England und Wales, die etwa fünfhundert katholischen Priester seines Landes abmahnt, die in einem Offenen Brief die Väter der kommenden Bischofssynode gebeten hatten, sich klar und eindeutig zur unveränderlichen Morallehre der Kirche zu bekennen, damit die Verwirrung beseitigt und der Glaube bestätigt werde. Nicols ließ daraufhin in einem Kommunique mitteilen, „die Priester sollten nicht in der Presse eine Debatte über die Familiensynode im Oktober führen“, sondern müssten darüber mit ihren Bischöfen reden.

    In Rom hat mit dem Palmsonntag die Feier der Heiligen Woche begonnen. Doch die Familiensynode bleibt weiter Thema. Kürzl... Foto: dpa

    Rom (DT) Bei prächtigem Frühlingswetter und strahlendem Sonnenschein hat am Palmsonntag in Rom die Feier der „settimana santa“, der Heiligen Woche, begonnen – eine Zeit, in der sich die Päpste traditionellerweise eher in Schweigen hüllen. Aber die Wolken, die mit der vergangenen Bischofssynode über der Kirche aufgezogen sind, wollen sich nicht wegschieben lassen und entladen sich immer wieder in nervösen Reaktionen. So etwa, wenn Kardinal Vincent Nichols, der Vorsitzende der Bischofskonferenz von England und Wales, die etwa fünfhundert katholischen Priester seines Landes abmahnt, die in einem Offenen Brief die Väter der kommenden Bischofssynode gebeten hatten, sich klar und eindeutig zur unveränderlichen Morallehre der Kirche zu bekennen, damit die Verwirrung beseitigt und der Glaube bestätigt werde. Nicols ließ daraufhin in einem Kommunique mitteilen, „die Priester sollten nicht in der Presse eine Debatte über die Familiensynode im Oktober führen“, sondern müssten darüber mit ihren Bischöfen reden.

    Die Nerven liegen offensichtlich blank

    Dass die Nerven blank liegen – und zwar hauptsächlich in der Frage der Kommunionzulassung der Wiederverheirateten als Paradebeispiel dafür, wie sich die Lehre der Kirche angesichts der veränderten Lebenswirklichkeit der Menschen ebenfalls verändern oder fortentwickeln kann –, zeigt auch die Ankündigung des italienischen Verlags Cantagalli, rechtliche Schritte gegen Äußerungen des Historikers Alberto Melloni einzuleiten. Was war geschehen? Cantagalli hatte rechtzeitig vor der vergangenen Familiensynode die italienische Fassung des Buchs „In der Wahrheit Christi bleiben – Ehe und Gemeinschaft in der katholischen Kirche“ veröffentlicht, das unter anderem Beiträge der fünf Kardinäle Walter Brandmüller, Carlo Caffarra, Velasio De Paolis, Raymond Leo Burke und Gerhard Ludwig Müller enthält und sich kritisch mit den Thesen von Kardinal Walter Kasper auseinandersetzt. Melloni, einer der führenden Exponenten der „Schule von Bologna“, die die Texte des Zweiten Vatikanums nach der Hermeneutik des Bruchs interpretiert, hatte am 12. Februar dieses Jahres in einem Beitrag für die italienische Zeitung „Corriere Fiorentino“ behauptet, der Verlag Cantagalli habe „mit der Deckung von Kardinal Müller, dem Präfekten der Glaubenskongregation, in gutem oder schlechtem Glauben – das weiß nur Gott – versucht, ein Komplott gegen den Papst und gegen die Synode anzustiften, um nur wenige Stunden vor deren Beginn zu sagen, dass man über die Dinge, über die nach dem Willen von Franziskus diskutiert werden sollte, nicht diskutiert werden darf“. Mellonis Äußerungen verstärken den Eindruck, dass die letzte Synode in eine gewisse Richtung hin gelenkt werden sollte, und Cantagalli scheint nun entschlossen zu sein, die Behauptungen des Historikers gerichtlich überprüfen zu lassen.

    Die Stimmung ist nervös – und auch Papst Franziskus mag etwas unruhig geworden sein, als Ende Februar ein Brief von ihm an einen befreundeten argentinischen Abgeordneten bekannt wurde, in dem der Papst in Sorge über den zunehmenden Drogenhandel vor einer „Mexikanisierung“ seines Heimatlandes warnte. Die mexikanische Regierung war nicht amüsiert und legte diplomatischen Protest ein – was wiederum Franziskus bewogen haben mag, dem mexikanischen Fernsehsender „Televisa“ ein ungewöhnlich langes Interview zu geben, das am 6. März im Gästehaus Santa Marta aufgezeichnet und ab dem 12. März ausgestrahlt wurde. In diesem Interview geht der Papst erstmals direkt auf die Kommunionzulassung der wiederverheirateten Geschiedenen ein – und das gar nicht in dem Sinne, den Kardinal Kasper den Vätern der vergangenen Synode weisen wollte. „Die Familie steckt in der Krise“, sagt der Papst der mexikanischen Journalistin Valentina Alazraki in dem Gespräch, von dem nun auch erste Übersetzungen ins Englische und Italienische erscheinen.

    Franziskus: Die Erwartungen waren maßlos

    Franziskus wörtlich: „Wie kann man die Familien ,in Neuauflage‘ in das Leben der Kirche integrieren? Das heißt jene zweiten Verbindungen, die oft phänomenal laufen, während der ersten Verbindung kein Erfolg beschieden war. Wie integriert man sie? Damit sie in die Kirche gehen? Also vereinfacht man und sagt: ,Ach, sie geben den Wiederverheirateten die Kommunion‘. Damit aber löst man gar nichts. Das, was die Kirche will, ist, das man sich dem Leben der Kirche anschließt. Aber da gibt es einige, die sagen: ,Nein, ich will die Kommunion empfangen – und damit basta.‘ Eine Auszeichnung, ein Ehrenzeichen. Nein. Du musst dich integrieren. Es gibt sieben Dinge, die Personen in einer zweiten Verbindung dem geltenden Recht zufolge nicht machen können. Ich erinnere mich nicht an alle. Aber eines davon ist, Taufpate zu sein. Warum? Welches Zeugnis wollen sie damit dem Patenkind geben? Etwa zu sagen: ,Schau, mein Lieber, ich habe mich in meinem Leben geirrt. Jetzt bin ich in dieser Lage. Ich bin Katholik. Die Prinzipien sind diese und jene. Ich aber mache das und begleite dich.‘ Ein schönes Zeugnis! Aber was ist, wenn ein Mafioso kommt, ein Verbrecher, einer, der andere umgebracht hat...? Kann er dann Pate sein? Das sind Widersprüche!“

    Die Journalistin fragt auch nach den Erwartungen, die die Synode bei leidenden Paaren, bei wiederverheirateten Geschiedenen und bei Homosexuellen hervorgerufen hat. „Waren diese Erwartungen übertrieben?“ Und Franziskus antwortet: „Ich glaube, dass die Erwartungen maßlos waren. Die Synode über die Familie habe nicht ich gewollt. Der Herr hat sie gewollt. Es war seine Sache. Als mir Monsignor Eterovic, der damals der Synodensekretär war, die drei meistgewählten Themen brachte, sagte er mir, das von diesen wiederum ,Die Hilfe Jesu Christi für den Menschen von heute‘ das mit den meisten Stimmen gewesen sei. Gut, machen wir das. Das war der Titel der Synode. Wir haben weiter geredet, über die Organisation, und ich habe ihm gesagt: Machen wir es so, nehmen wir die ,Hilfe Jesu Christi für den Menschen und die Familie von heute‘. Und so sind wir verblieben, mit der Familie ein bisschen auf der zweiten Ebene. Als wir zur ersten Sitzung des postsynodalen Rats gegangen sind, hat man angefangen, über diesen Titel zu sprechen und danach über den Beitrag Jesu Christi für die Familie, und der Mensch von heute ist ein wenig außen vor geblieben. Am Ende wurde gesagt: ,Nein, warum diese Synode über die Familie...‘ – und es war dieselbe Dynamik, den Titel zu ändern. Ich habe geschwiegen. Am Ende bin ich mir bewusst geworden, dass es der Herr war, der das gewollt hat. Und er hat es mit Kraft gewollt. Weil die Familie in der Krise steckt.“

    „Der Herr will, dass wir das angehen“

    Franziskus erklärt in dem Interview auch, welcher Natur diese Krise ist: „Es sind vielleicht nicht die traditionellen Krisen, die Untreue oder, wie man in Mexiko sagt, das ,kleine Haus‘ und das ,große Haus‘. Nein, nein. Die Krise geht viel tiefer. Man sieht, dass die jungen Menschen nicht heiraten oder zusammenleben wollen. Sie machen das nicht aus Protest, sondern weil sie heute so sind. Danach, mit der Zeit, heiraten auch einige in der Kirche. Das will sagen, dass es eine Krise der Familie im Inneren der Familie gibt. Und von daher gesehen glaube ich, dass der Herr will, dass wir das angehen: die Vorbereitung auf die Ehe, die Begleitung derer, die zusammenleben, die Begleitung derer, die heiraten und ihre Familie gut führen, die Begleitung derer, die in ihrer Familie keinen Erfolg hatten und in einer zweiten Verbindung leben, die Vorbereitung auf das Sakrament der Ehe, nicht alle sind vorbereitet. Und wieviele Ehen, die sozial existieren, sind nichtig! Wegen mangelndem Glauben.“ So weit der Papst.

    Beobachter, die diese Worte von Franziskus aufmerksam gelesen haben, haben ebenfalls registriert, dass der Papst den stellvertretenden Direktor des römischen Familien-Instituts „Johannes Paul II.“, den spanischen Theologen José Granados, in den Kreis der Fachleute berufen hat, die das römische Synodensekretariat mit Blick auf die kommende Synode beraten sollen. Granados hat zur Kommunionzulassung der Wiederverheirateten ein Buch mitveröffentlicht, dass sich explizit gegen die entsprechenden Thesen von Kardinal Kasper richtet. Auch das ein Indiz dafür, dass sich in Rom vor der kommenden Familiensynode der Wind allmählich dreht.