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    Damit Gott wieder ein Volk findet

    ,Wenn zwei leidenschaftliche und gescheite Menschen miteinander reden, kann etwas dabei herauskommen. Bischof Stefan Oster und Peter Seewald treten in ihrem als Gespräch angelegten Buch mit dem provokanten Titel „Gott ohne Volk?“ nicht gegeneinander an, sondern mühen sich gemeinsam, herauszufinden, was die Kirche in unseren Breitengraden mit der aktuellen Krise des Glaubens zu tun hat.

    Vor offenen Kirchentüren ist es leer geworden. Über existenzielle Erfahrungen finden jedoch auch heute Menschen Zugang z... Foto: KNA

    ,Wenn zwei leidenschaftliche und gescheite Menschen miteinander reden, kann etwas dabei herauskommen. Bischof Stefan Oster und Peter Seewald treten in ihrem als Gespräch angelegten Buch mit dem provokanten Titel „Gott ohne Volk?“ nicht gegeneinander an, sondern mühen sich gemeinsam, herauszufinden, was die Kirche in unseren Breitengraden mit der aktuellen Krise des Glaubens zu tun hat.

    Nämlich eine ganze Menge, worauf Peter Seewald in gewohnter Klarheit im Vorwort hinweist: „Die Kirche in Deutschland (beziehungsweise im ganzen deutschsprachigen Raum, Anm. d. Verf.) steht vor grundlegenden Veränderungen. Was morsch ist, bricht zusammen. Der bisherige Anpassungskurs hat den Niedergang nicht aufgehalten, sondern noch beschleunigt.“ Der Passauer Bischof ist nun niemand, der sich von einer derartigen Analyse den Schneid abkaufen ließe. Obwohl er in seiner Diözese noch einiges davon vorfindet, ist Oster klar, dass die Volkskirche alten Stils zu Ende ist: Wer als Kind katholischer Eltern aufwachse und Religionsunterricht, Erstkommunion- und Firmvorbereitung, womöglich das Mitleben in einer katholischen Jugendorganisation absolviert habe, der sei früher am Ende dieses Prozesses als zwanzigjähriger Mensch quasi ein „fertig ausgebildeter Gläubiger“ gewesen, bereit, Verantwortung in der Kirche zu übernehmen. Diese Karriere kommt heute aus verschiedenen Gründen, die mit der Person der Gläubigen ebenso wie mit dem bereits „rückgebauten“ Angebot der Kirche zu tun haben, nicht mehr zustande. Der Bischof nennt noch einen Hinter-Grund: „Unsere Kultur – Konsumkultur, Medienkultur, Ich-Kultur – ist in jedem Fall eine Art Generalangriff auf die Aufgabe des Menschen, Innerlichkeit zu finden. Wir leben in einer Zeit, in der jedes Bedürfnis so schnell wie möglich gestillt werden muss. Und bleiben dadurch konstant an der Oberfläche.“ Peter Seewald bringt die Entwicklung auf den Punkt: „Einst wurden aus Heiden Christen, jetzt werden aus Christen wieder Heiden.“

    Weichgespültes Evangelium hat keine Relevanz

    Von einem sind beide Autoren überzeugt: Einen Zugang zur christlichen Botschaft kann man heute nicht mehr lehrhaft vermitteln, sondern nur noch existenziell gewinnen. Nur wer selbst bis an den Grund seiner Persönlichkeit überzeugt ist vom Evangelium, kann es anderen vermitteln. Deswegen scheut Stefan Oster auch selbst nicht den autobiografischen Zugang – von Peter Seewald, der ja auf eine eigene, spannende Lebensgeschichte verweisen kann, mit behutsamen Fragen ans Tageslicht geholt: Die journalistische Vergangenheit des jetzigen Oberhirten, die Freundin, die er hatte, (die immer noch eine Freundin ist), der Beginn eines anderen Lebens durch das Interesse an der Philosophie, die Begegnung mit dem Philosophen Ferdinand Ulrich sowie mit Don Bosco und seinem Werk, dem er sich bald zugehörig fühlt. Stefan Oster kommt dabei rüber als einer, der nicht in einer anderen Welt lebt als die meisten Menschen seiner Generation, der nur etwas genauer hingehört und etwas konsequenter geantwortet hat. Und der jetzt unbefangen ausspricht, was wohl auch andere sehen, aber nicht benennen wollen: Die Kirche wächst überall da, wo es gelingt, den Menschen zu einer lebendigen Jesus-Beziehung zu verhelfen, weil an der ganzen Überlieferung des Glaubens festgehalten und nicht ausgewählt wird. „Ein weichgespültes Evangelium hat keine Relevanz, am Ende braucht es keiner mehr“, sagt er. Das ist nicht nur gut katholisch, es ist auch ganz auf der Linie des aktuellen Papstes. Der erregt Aufsehen damit, dass er ganz unbefangen den Teufel wieder in die theologische Rede zurückholt – ein völlig abwegiges Thema für die Zeitgeist-Theologen. Ebenso unbefangen erinnert Bischof Oster daran, dass ein Drittel der Jesusworte Gerichtsworte sind: „Das sagt er nicht einfach so, sondern weil er sieht, wohin ein Herz geht, das ihm nicht folgt.“ Daher widerspreche die Annahme eines Heilsautomatismus dem Neuen Testament in geradezu dramatischer Weise. Predigt Oster also die alte „Drohbotschaft“, die man fortschrittsselig nach dem letzten Konzil überwunden glaubte? Man könnte ihn nicht gründlicher missverstehen. Tatsächlich geht es ihm um etwas anderes: Gläubigkeit als Zuckerguss, „der irgendwie zusätzlich meine vielgestaltige Identität ausmacht“, wird in der verwirrenden und zunehmend verwirrten Postmoderne keine Chance mehr haben, nicht mehr tragfähig sein. Das richtige Selbstbewusstsein, einen echten Selbststand habe nur der, der sich in Christus festgemacht habe. Oster: „Denn genau das ist der Punkt: Bestimmt Christus mein Leben – oder sage ich: Wer Christus für mich sein soll, wie viel Platz er in meiner Seele haben darf, das bestimme ich immer noch selber? Nur: Vom Evangelium her ist völlig klar, dass Christus der absolute Mittelpunkt in meinem Leben sein will.“ Katholischer Fundamentalismus der echten Sorte, das ist das, was der Bischof von Passau im Angebot hat. Damit wird er sich nicht überall beliebt machen, zumal nicht im deutschen Gremien-Katholizismus, dem ja schon der Begriff Neuevangelisierung ein Gräuel ist. Oster geht sogar noch weiter und benutzt das böse M-Wort: „Das Versagen von Mission bewegt mich sehr. (...) Volkskirchliche Strukturen, wie wir sie (...) noch haben, antworten nicht besonders gut auf moderne Bedingungen. Deshalb auch das Versagen oder besser Ausbleiben von Mission.“

    Gott um Gottes Willen lieben lernen

    Mission als planvolles Bemühen, neue Christen hinzuzugewinnen, ist aber der Weg, etwas gegen die nach unten weisenden Zahlen zu unternehmen. Der Bischof teilt vor diesem Hintergrund seine Beobachtung mit, dass Kirche da wächst, wo klassische Formen der Frömmigkeit wiederentdeckt werden und nennt in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Anbetung, „Gott um Gottes willen lieben zu lernen“, wie er es nennt. Auf diesem Gebiet gibt es immerhin im deutschen Sprachraum einige Aufbrüche, die fast immer von neuen geistlichen Bewegungen getragen werden. Wie überragend die Bedeutung des Wachstums der Christus-Beziehung ist, begründet Oster so: „Ich muss, um ins Geheimnis führen zu können, selbst im Geheimnis stehen.“ Denn Institutionen könnten nicht umkehren, nur Einzelne. Das hört sich alles nicht nach einer neuen christlichen Massenbewegung an, aber den Vorwurf, die Volkskirche bewusst aufgeben zu wollen, lässt sich der Bischof nicht machen: „Die ,Kirche der Kleinen‘, das ist keine Elitekirche. Das ist die Kirche jener Kleinen, die alle Hoffnung auf Gott setzen. (...) Die so entschieden sind, dass sie nicht elitär sind, sondern jeden lieben können, jeden mitnehmen wollen – aber gleichzeitig nicht bereit sind, etwas von dem, was ihr Innerstes ist, preiszugeben.“

    Hier blitzt dann im intelligenten Zweier-Gespräch zwischen Bischof und Publizist eine Vision des Künftigen, ja ein Hoffnungsstreif für die Zukunft der Institution Kirche auf, deren Kassen zurzeit immer voller, deren Kultgebäude, Klöster und Seminare immer leerer werden. Der Bischof von Passau trägt ja nichts weniger als die Wahrheit vor – und stellt sich dabei an die Seite von Papst Franziskus – wenn er festhält: „Jesus hat uns ohne Zweifel aufgefordert, Menschen zu Jüngern zu machen und uns um die Verlorenen zu kümmern.“ Wann fangen wir an?

    Bischof Stefan Oster/Peter Seewald: Gott ohne Volk? Die Kirche und die Krise des Glaubens. Droemer Verlag, München 2016, 237 Seiten, ISBN 978-3-426-30103-6, EUR 14,99