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    Damit Christus die Menschen versöhne

    Für die Päpste ist die Botschaft von Weihnachten auch immer eine politische Botschaft. Von Guido Horst

    Papst Franziskus - Urbi et Orbi
    Der Stadt und dem Erdkreis: Der Papst spendet am ersten Weihnachtsfeiertag den traditionellen Segen „Urbi et Orbi“. Foto: dpa

    Rom (DT) Ein Besuch beim emeritierten Papst Benedikt XVI. kurz vor dem Weihnachtsfest, eine Christmette, in der sich seine Predigt um das Kind in der Krippe drehte, eine Botschaft zum Segen „Urbi et Orbi“ am Weihnachtsfeiertag, in dem die Not leidenden Kinder in den Krisengebieten dieser Welt im Mittelpunkt standen, und auch ein wenig Ärger wegen der Angriffe auf seinen wichtigen Berater, Kardinal Rodriguez Maradiaga aus Honduras: Es war ein Fest im Stil von Papa Bergoglio. Auch noch ein wenig geprägt von seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurie, in der Franziskus Klage geführt hatte über die Mitarbeiter in der Kurie, die ihn nicht verstehen oder sogar Widerstand leisten. Der Papst sprach politische und soziale Themen an, stellte sie jedoch immer wieder in das Licht des Evangeliums, das den Blick dafür schärfe, als Christ die prekären Lagen vieler Menschen anders anzugehen als es die Welt tut.

    Weihnachten sei die Zeit, so hatte Franziskus in der Christmette gesagt, „die Kraft der Angst in eine Kraft der Liebe zu verwandeln, in eine Kraft für eine neue Auffassung von Nächstenliebe“. Der Glaube dieser Nacht lasse Gott als den erkennen, der überall dort anwesend sei, wo man glaube, er sei abwesend. „Er ist ein unerkannter, nicht erkennbarer Gast, der in unseren Städten, in unseren Vierteln, in unseren Bussen unterwegs ist und an unsere Türen klopft. Und eben dieser Glaube drängt uns, einer neuen Auffassung des Sozialen Raum zu geben und keine Angst zu haben, neue Formen der Beziehung auszuprobieren, in denen niemand das Gefühl haben muss, in dieser Welt keinen Platz zu haben.“ Weihnachten, so der Papst, sei die Zeit, die Kraft der Angst in eine Kraft der Liebe zu verwandeln, in eine Kraft für eine neue Auffassung von Nächstenliebe. Nämlich in die Nächstenliebe, die sich nicht mit der Ungerechtigkeit zufriedengebe, als wäre sie etwas Normales, sondern die den Mut hat, inmitten von Spannungen und Konflikten zu einem „Haus des Brotes“, zu einem Raum der Gastfreundschaft zu werden.

    Was in Deutschland der zweite Weihnachtsfeiertag ist, wird in Rom als Fest des heiligen Stephanus begangen. Etwa zwanzigtausend Menschen hatten sich nochmals auf dem Petersplatz zusammengefunden, um mit Franziskus den Engel des Herrn zu beten. So wie Stephanus Gott gebeten habe, seinen Geist aufzunehmen, sagte der Papst in seiner Ansprache, sollten auch die Gläubigen vor dem Jesuskind in der Krippe beten, dass der Herr, Jesus Christus, unseren Geist aufnehme. Jesus sei der Mittler. Er versöhne nicht nur mit dem Vater, sondern auch untereinander. Er sei die Quelle der Liebe, die zur Gemeinschaft mit den anderen öffne und alle Konflikte und Ressentiments beseitige. Hier wich der Papst von seinem vorbereiteten Redetext ab: „Wir wissen doch, wie hässlich Ressentiments sind. Sie richten so viel Schaden an unter uns! All das beseitigt Jesus; er sorgt dafür, dass wir uns lieben. Das ist das Wunder Jesu!“

    Wem die Ansprache des Papstes in diesen Weihnachtstagen zu politisch und sozial war, den wies man in den Sozialen Medien auf die letzte Weihnachtsbotschaft von Benedikt XVI. als amtierender Papst hin: Mit der Erscheinung des göttlichen Kindes habe sich vor zweitausend Jahren die Wahrheit gezeigt, hatte der deutsche Papst zum Segen „Urbi et orbi“ am Weihnachtsfeiertag 2012 gesagt. Die Wahrheit sei hervorgesprosst und trage Liebe, Gerechtigkeit und Frieden. „Ja, möge der Frieden hervorsprossen für die Bevölkerung Syriens“, so damals Papst Benedikt, „die zutiefst verletzt und geteilt ist durch einen Konflikt, der nicht einmal die Wehrlosen verschont und unschuldige Opfer hinwegrafft. Noch einmal rufe ich dazu auf, das Blutvergießen zu beenden, die Hilfeleistungen für die Flüchtlinge und die Evakuierten zu erleichtern und auf dem Weg des Dialogs eine politische Lösung für den Konflikt zu verfolgen. Möge der Frieden in dem Land hervorsprossen, in dem der Erlöser geboren wurde; Er gebe Israelis und Palästinensern den Mut, allzu vielen Jahren der Kämpfe und Spaltungen ein Ende zu setzen und mit Entschiedenheit den Verhandlungsweg einzuschlagen.“ Und: „Mögen in den Ländern Nordafrikas, die auf der Suche nach einer neuen Zukunft einen tiefgreifenden Umbruch erleben – im besonderen in Ägypten, diesem geschätzten und durch die Kindheit Jesu gesegneten Land – die Bürger gemeinsam Gesellschaftsformen aufbauen, die auf die Gerechtigkeit und auf die Achtung der Freiheit und der Würde jedes Menschen gegründet sind.“

    Die Welt hat sich seit 2012 nicht viel verändert und wie Benedikt damals, so rief auch Franziskus jetzt wieder dazu auf, die Epiphanie, das Erscheinen Gottes in dieser Welt, zum Anlass zu nehmen, die Welt zu verändern, Brücken zu bauen und den Samen des Evangeliums dort einzupflanzen, wo Leid, Zwietracht und Ungerechtigkeit herrscht. Weihnachten ist ein besinnliches Fest. Aber für die Päpste war und ist es immer auch ein Anlass, sehr mit dem Blick auf die Zustände in dieser Welt zu reden.

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