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    Christus, die Mitte der Geschichte

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Der heilige Bonaventura. Wilhelm Ziegler und Thomas Schmid, um 1530 Diözesanmuseum Rottenburg-Stuttgart. Foto: KNA

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Im liturgischen Kalender ist der 15. Juli der Gedenktag des heiligen Bonaventura da Bagnoregio, Franziskaner, Kirchenlehrer, Nachfolger des heiligen Franz von Assisi bei der Leitung des Ordens der Minderbrüder. Er schrieb die erste offizielle Biografie des „Poverello“, und am Ende seines Lebens war er auch Bischof dieser Diözese Albano. In einem seiner Briefe schreibt Bonaventura: „Ich gestehe vor Gott, dass der Grund, der mich das Leben des seligen Franziskus vor jedem anderen lieben ließ, darin besteht, dass es den Anfängen und dem Werden der Kirche ähnlich ist“ (Epistula de tribus quaestionibus, in: Opere di San Bonavenura, Introduzione generale, Rom 1990, S. 29). Diese Worte verweisen uns direkt auf das Evangelium vom heutigen Sonntag, das die erste Aussendung der zwölf Apostel durch Jesus vorlegt. „Jesus rief die Zwölf zu sich – erzählt der heilige Markus – und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. ... Und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen“ (Mk 6, 7–9). Nach seiner Bekehrung setzte Franz von Assisi dieses Evangelium wörtlich in die Praxis um und wurde ein treuester Zeuge Jesu; und da er in besonderer Weise mit dem Geheimnis des Kreuzes verbunden war, wurde er in einen „anderen Christus“ verwandelt, wie ihn eben der heilige Bonaventura darstellt.

    Das ganze Leben des heiligen Bonaventura wie auch seine Theologie haben in Jesus Christus den inspirierenden Mittelpunkt. Diese Zentralität Christi finden wir auch in der zweiten Lesung der heutigen Messe (Eph 1, 3–14), dem berühmten Hymnus aus dem Brief des heiligen Paulus an die Epheser, der so beginnt: „Gepriesen sei Gott, der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel“. Der Apostel zeigt also, wie dieser Plan des Segens in vier Schritten verwirklicht wurde, die alle mit demselben, auf Christus bezogenen Ausdruck „in ihm“ beginnen. „In ihm“ hat uns der Vater erwählt vor der Erschaffung der Welt; „in ihm“ haben wir die Erlösung durch sein Blut; „in ihm“ sind wir Erben geworden, vorherbestimmt „zum Lob seiner Herrlichkeit“; „in ihm“ empfangen alle, die an das Evangelium glauben, das Siegel des Heiligen Geistes. Dieser paulinische Hymnus enthält die Sicht der Geschichte, zu deren Verbreitung in der Kirche der heilige Bonaventura beigetragen hat: die ganze Geschichte hat als Mittelpunkt Christus, der jedem Zeitalter auch Neuheit und Erneuerung gewährleistet. In Jesus hat Gott alles gesagt und gegeben, da er aber ein unerschöpflicher Schatz ist, hört der Heilige Geist nie auf, sein Geheimnis zu offenbaren und im Heute zu verwirklichen. Daher geht das Werk Christi und der Kirche nie zurück, sondern stets voran.

    Liebe Freunde, bitten wir die allerseligste Maria, die wir morgen als Unsere Liebe Frau auf dem Berge Karmel feiern werden, damit sie uns helfe, wie der heilige Franziskus und der heilige Bonaventura großherzig auf den Ruf des Herrn zu antworten, um sein Evangelium des Heils mit Worten und vor allem anderen mit dem Leben zu verkündigen.

    Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

    Ganz herzlich grüße ich die Pilger und Besucher deutscher Sprache. Im Hallelujavers des heutigen Sonntags singt die Kirche: „Der Vater unseres Herrn Jesus Christus erleuchte die Augen unseres Herzens, damit wir verstehen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind“. Oft sind unsere Augen gehalten, unser Schauen bleibt in der sichtbaren Welt mit ihren Begrenzungen gefangen. Gott will unseren Blick weit machen für das Große, für das Leben in Fülle, das nur er geben kann. Er selbst will unser Glück und unsere Freude sein. Öffnen wir dem Herrn im täglichen Gebet unser Herz, damit seine Liebe in uns immer mehr wachsen kann. Gott segne euch alle!

    Aus dem Italienischen von Ludwig Ritter