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    Charisma sprengt Grenzen

    Apg 2, 1–11

    Apg 2, 1–11

    1 Kor 12, 3b–7.12–13

    Joh 20, 19–23

    Vier Bilder assoziiere ich zu diesen Texten: den alten habsburgischen Wahlspruch plus ultra („immer noch darüber hinaus“), das bei den Trinitätstheologen geläufige Bild des Wasserrades, die Rede von Leere und Fülle und die Hospitäler zum „Heiligen Geist“. „Plus ultra“, „immer weiter“ steht auf einer spanischen Ziegelkachel auf meinem Schreibtisch. Was dieser Wahlspruch einst historisch bedeutete, lässt sich gut erkennen, denn rechts und links von den Worten stehen die beiden Säulen des Herkules, in Gibraltar zu finden, über die hinaus das Kaiserreich strebte (nach Amerika). Theologisch aber bedeutet der Spruch sehr viel mehr und sehr Grundsätzliches. Ein Jesuitenpater meinte neulich, der Spruch klänge ganz nach ignatianischer Mystik. So habe ich ihn immer begriffen. Denn der Gott der Christen ist ein dynamischer, vorwärtsdrängender Gott, der erst dann sein Ziel erreicht haben wird, wenn er die ganze Schöpfung mit seiner Herrlichkeit erfüllt. Dann erst wird er alles in allen Dingen sein. Denn Gott strebt aus sich heraus, indem er den Sohn sendet und dann als Heiliger Geist die Menschen mitreißt in seine verwandelnde Gegenwart hinein. Wenn man so will und das Wort richtig und ohne Beigeschmack versteht, ist Gott ein imperialistischer Gott. Er ist nicht damit zufrieden, im Tabernakel und in den Herzen der Glaubenden zu sein. Nicht zuletzt die Prozessionen zu Fronleichnam machen auch dem letzten Gläubigen deutlich, dass Gott nicht nur in der Kirche wohnen will, sondern „die Welt“ für sich will. Und der Heilige Geist, als der Gott für das „immer noch weiter“ steht, bedeutet – wie stets in der Bibel, wenn von Gottes Geist die Rede ist –, das Überspringen aller Grenzen. Und dabei geht es um die Grenzen zwischen Juden und Heiden (Pfingsten), um die Grenzen zwischen Gott und Mensch (Menschwerdung, Osternacht „in qua terrenis caelestia, humanis divina iunguntur“, das heißt in der Himmel und Erde, Gott mit den Menschen verbunden wird) und um die zwischen Mensch und Mensch (Kirche in der universalen Mission).

    „Plus ultra“ hat aber auch eine qualitative Bedeutung: Es bedeutet, dass Gott den Menschen immer stärker ergreift und sich angleicht, ihn in sich hineinverwandelt, und zwar in Richtung Liebe und Unsterblichkeit. Weil nach dem ersten Korintherbrief die Liebe „bleibt“, sind ewiges Leben, Lieben und Geliebtwerden identisch. „Plus ultra“ bedeutet auch, dass Gott mehr will als nur diese eine Schöpfung. Er hat schon begonnen mit der neuen, zweiten Schöpfung. Deshalb gibt es auch schon einen neuen, zweiten Adam. Gott will mehr als das, was jetzt besteht, nämlich eine Schöpfung ohne Tod.

    Und das „Plus ultra“ führt auch den einzelnen Menschen über die Grenzen seines Könnens hinaus. Das nennt man Charisma, und Paulus begründet im 12. Kapitel des ersten Korintherbriefs die Charismen im Wirken des Heiligen Geistes. Denn Charismen nennt man jedes staunenerregende, eben außergewöhnliche Wirken von Christen, das missionarische Wirkung hat, eben weil man es sich nicht erklären kann und weil es zum Himmel weist. – Bei uns Menschen werden, auch wenn wir Gott nie begegnen, auf drei unterschiedliche Weisen die Grenzen aufgehoben: durch den Tod, durch die Liebe und durch das Fest. Denn diese drei sind die großen Gleichmacher. Das Christentum greift sie auf, verändert sie aber nicht in ihrer die Grenzen sprengenden Rolle. Der Tod wird in der Taufe vorweggenommen (so Paulus nach Röm 6), und hier gibt es kein Ansehen der Person. Die Liebe wird direkt in Gott selbst begründet: Gott ist die Liebe, und die Liebe ist Gott. Das ist alles, was nach manchen christlichen Weisen über Gott gesagt werden kann. Und das Fest, das alle gleich macht, gibt es in jeder Messe und in der himmlischen Seligkeit.

    Das zweite Bild für Pfingsten ist das alte Bild des Wasserrads. Große hölzerne Wasserräder trieben die Getreidemühlen an. Durch eigens angelegte hölzerne Kanäle wurde Wasser über die Räder geleitet. Als Bild für die Dreifaltigkeit bedeutet das: Der Vater ist das ganze Mühlhaus, das alles beherbergt, der Sohn die Achse, um die sich alles dreht, der Heilige Geist das Wasser, das die Mühle bewegt. Für sich genommen ist Wasser schwach und läuft sogleich davon. Doch über die Holzbretter des Rades geleitet vollbringt das schwache Wasser Unglaubliches. So ist es mit dem Geist, der für sich genommen ein Lüftchen ist, aber das große Mühlrad bewegen kann. Um den Sohn dreht sich alles, denn er ist das Haupt des Leibes, der Kirche. In diesem Bild kommt besonders zum Ausdruck, wie das Wirken des Heiligen Geistes das Ziel des ganzen „Unternehmens Offenbarung“ ist.

    Wie der Heilige Geist mit Leere und Fülle zu tun hat, sagt die Pfingstsequenz: „Sine tuo numine nihil est in homine“ („Ohne deine ausstrahlende Gegenwart ist und bleibt der Mensch leer“). Und der Introitus zu Pfingsten hieß früher: „Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis, Halleluja“. So wird im frühen Christentum, auch schon im Neuen Testament, Gott „die Fülle“ genannt. Denn wo er wirkt, herrscht keine beängstigende Leere. Ein eigenartiges, geradezu physikalisches Bild. Auch der Johannesprolog sagt es: „Aus seiner Fülle haben wir empfangen Gnade um Gnade“. Was ist das, diese göttliche Fülle, die erfüllen will? Wohl auch geballte Vitalität. Paulus selbst kann sprechen von einer „Last“, von einem „Gewicht“ an Herrlichkeit – wieder stark physikalisch orientierte Wörter. Versuche, Gottes Majestät nicht nur mit Bildern des Königshofes zu beschreiben, sondern mit eindrücklichen Bildern aus der Welt der Dinge. So mutig in der Wahl der sprachlichen Formulierungen war kaum je eine Mystik der späteren Jahrhunderte.

    Schließlich: Der Heilige Geist als Heiler, als Arzt. Daher der Name vieler Hospitäler „zum Heiligen Geist“. „Heile, was verwundet, was verletzt ist“, sagt die Pfingstsequenz. Die sanfte Weise, in der Gottes Geist dieses wirkt, wird immer wieder mit Öl verglichen und umgekehrt. Die Salbung mit Öl ist immer wieder auch Bild der Herabkunft des Geistes Gottes auf Menschen, schon im Buch Jesaja. Verschiedene Öle sind bis heute grundlegende Heilmittel. Daran sollte man sich erinnern, denn der Name „Christus“ oder „die Christen“ bezieht sich inhaltlich auf das Gesalbtsein mit Öl. Die Wirkungen von Öl und Geist fließen hier buchstäblich ineinander. Gottes Geist heilt, so wie das Pusten der Eltern bei Kindern die Schmerzstelle heilt. Denn im Hebräischen (ruach) wie im Griechischen (pneuma) ist Geist immer etwas wie Atem; das Deutsche kennt diese enge Bindung des „Geistes“ (welches auch immer) an den Atem leider nicht. Denn eine Zweiteilung im Menschen (Geist und Stoff) ist den biblischen Sprachen unbekannt. Leben, Geist und Leib sind immer ein vielschichtiges Ganzes.

    Der Geist als Arzt

    Die zentrale Stelle für die Anschauung vom Geist als Arzt im frühen Christentum ist die von Jesus bei seinem ersten Auftreten in Nazareth zitierte Stelle Jes 61, 1f: „Der Geist des Herrn ist auf mich gekommen. So hat Gott mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Armen die frohe Botschaft zu verkündigen, den Gefangenen die Freiheit und den Blinden das Augenlicht zu geben. Die Gefolterten soll ich befreien.“ Denn nach Jesu Auslegung hat schon der Prophet Jesaja die besondere Messianität Jesu angekündigt: Dieser Messias ist der Gesalbte aufgrund der Salbung durch Gottes Geist. Und diese Salbung kommt den Menschen immer auch physisch zugute. „Den Blinden das Augenlicht zu geben“ steht für alle Gebrechen des Menschen leiblicher und geistiger Art. Auf diese Weise gleicht der Heilige Geist auch hier die Unterschiede aus, und zwar hier die Unterschiede zwischen Gott und Mensch. Der Mensch wird von all dem befreit, was ihn niederdrückt und einschränkt. Denn durch den Geist Gottes erhält der Mensch Anteil an Gottes eigener Lebensqualität. Gott ist daher nicht nur der Schöpfer, der auch seine Schöpfung ernährt und wachsen lässt. Weit darüber hinaus repariert Gott auch alles Geschaffene und befreit die Menschen von aller Unfreiheit. Er ist die reine Güte und die reine Freude am Schenken. Alles, was er will, besteht darin, auch die Menschen zu dieser Freude am Schenken zu bewegen, sie anzustecken, dass sie so handeln wie er. Daher besteht „Sünde“ eigentlich nur darin, zwar zu empfangen, aber nicht weiterzuschenken, zwar zu nehmen, aber das Genommene für sich allein zu „verbraten“, sich alles schenken zu lassen, aber dann zu mauern, wenn es um andere geht. Der Heilige Geist ist ein zusätzliches Medikament, das die Menschen in die Lage versetzt, so zu handeln. Insofern handelt Gott selbst nach dem Prinzip „plus ultra“: Er hat uns erschaffen und erlöst, aber er bietet immer noch mehr. Denn wie Eltern, die um die Zuneigung ihrer Kinder kämpfen, wie Partner, die ihre erste Liebe bewahren wollen, will er unser Herz, kämpft er um ein kleines Dankeschön. Und das wäre, wie es die Liturgie sagt, „billig und recht, angemessen und heilsam“. Klaus Berger