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    Byzantinische Verhältnisse

    Im Vatikan versteht man die Welt nicht mehr. Ein Gnadenakt des Papstes. Im Geiste väterlicher Barmherzigkeit. Als Hirtendienst an der Einheit der Kirche. Und jetzt das. Während das Thema der Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe aus den italienischen Medien weitgehend verschwunden ist, klingen die Nachrichten aus Deutschland immer bedrohlicher. Auf dem Absatz, so scheint es, hat sich die Heimat Benedikts XVI. von „ihrem“ Papst abgekehrt. Immer wütender suchen die Medien weiteres Öl, um das Feuer anzufachen. Waren da nicht antisemitische Äußerungen des Großonkels Joseph Ratzingers, von denen sich der Papst nie distanziert hat? Ist der neue Linzer Weihbischof nicht extremultrakonservativ? Im Vatikan registriert man erschüttert die Gründlichkeit, mit der sich Deutschland seiner Sympathien für diesen Papst entledigt.

    Im Vatikan versteht man die Welt nicht mehr. Ein Gnadenakt des Papstes. Im Geiste väterlicher Barmherzigkeit. Als Hirtendienst an der Einheit der Kirche. Und jetzt das. Während das Thema der Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe aus den italienischen Medien weitgehend verschwunden ist, klingen die Nachrichten aus Deutschland immer bedrohlicher. Auf dem Absatz, so scheint es, hat sich die Heimat Benedikts XVI. von „ihrem“ Papst abgekehrt. Immer wütender suchen die Medien weiteres Öl, um das Feuer anzufachen. Waren da nicht antisemitische Äußerungen des Großonkels Joseph Ratzingers, von denen sich der Papst nie distanziert hat? Ist der neue Linzer Weihbischof nicht extremultrakonservativ? Im Vatikan registriert man erschüttert die Gründlichkeit, mit der sich Deutschland seiner Sympathien für diesen Papst entledigt.

    Hintergrunddossier zirkuliert in der Kurie

    Und man fragt sich, wie es dazu kommen konnte. Im vatikanischen Staatssekretariat, so schrieb jetzt der immer gut informierte „vaticanista“ der Tageszeitung „Il Giornale“, Andrea Tornielli, zirkuliere seit Tagen ein wenige Seiten umfassendes Dossier, das angeblich die Hintergründe des „Falls Williamson“ offen lege. Das Papier spiele weder die Ungeheuerlichkeit der Äußerungen des Lefebvre-Bischofs herunter und leugne auch nicht die Tatsache, dass die zeitliche Nähe der Ausstrahlung des Interviews und der Veröffentlichung des Dekrets mit der Aufhebung der Exkommunikationen zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar die Gefühl der jüdischen Welt besonders stark verletzt haben muss. Aber es habe auch Kräfte gegeben, die diesen Skandal inszeniert hätten, heiße es in dem Dossier, das folgende Lesart der Ereignisse gebe.

    Erst am Ende des etwa einstündigen Interviews, das der schwedische Journalist Ali Fegan mit Richard Williamson am 1. November 2008 im bayerischen Priesterseminar der Pius-Bruderschaft führte, habe der Interviewer den Bischof an dessen Leugnung der Gaskammern und des millionenfachen Judenmords erinnert, die Williamson vor Jahren in Kanada gemacht habe. Der Bischof machte daraufhin die unsäglichen Aussagen, die dem Vatikan heute so schwer im Magen liegen.

    Das Dossier schließt nun nicht aus, dass das schwedische Fernsehen einen Hinweis erhalten habe, am vergangenen 21. Januar werde man in Rom das Dekret unterzeichnen, das die vier Lefebvre-Bischöfe vom Kirchenbann befreie. Jedenfalls erfolgt genau an diesem Tag die Ausstrahlung des Williamson-Interviews, im Rahmen einer Sendung „Uppgrad Granskning“ (Auftrag Überprüfung), in dem auch die französische Journalistin Fiammetta Venner zu Wort kam. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Caroline Fourest, so heißt es in dem im Vatikan kursierenden Dossier, sei sie in der Homosexuellen-Bewegung tätig und habe im vergangenen September, kurz vor dem Frankreich-Besuch des Papstes, ein Buch mit dem Titel „Les nouveaux soldats du pape“ (Die neuen Soldaten des Papstes) veröffentlicht, in dem das Opus Dei, die Legionäre Christi, die Traditionalisten, vor allem aber die Lefebvrianer und Benedikt XVI. heftig angegriffen werden.

    Das Dossier des Vatikans, so schreibt Tornielli, weist auch darauf hin, dass am 19. Januar bei Spiegel-online unter der Überschrift „Problem für den Papst“ ein Artikel erschien, in dem der Hergang und auch die Inhalte jenes skandalösen Interviews wiedergegeben wurden, das Williamson dem Stockholmer Journalisten gegeben hatte. Der Spiegel-Artikel kündigte auch an, dass das schwedische Fernsehen SVT 1 das fragliche Interview zwei Tage später ausstrahlen und auch im Internet zeigen werde. Der Zentralrat der Juden in Deutschland sei über die Äußerungen Williamsons informiert worden, hieß es bei Spiegel-online.

    Das Dossier des Vatikans zum „Fall Williamson“, von dem Tornielli berichtet, legt also nahe, dass die zeitliche Nähe zwischen der Ausstrahlung des Interviews und der Veröffentlichung des Dekrets kein Zufall war und dass es Verbindungen zumindest zwischen schwedischem Fernsehen, französischen Papstkritikern und einer deutschen Nachrichtenredaktion gab. Was das Dossier aber nicht erklärt, ist, was zwischen dem 21. Januar – Tag der Sendung sowie der Unterzeichnung des Dekrets – und der Veröffentlichung des Dekrets am Samstag, den 24. Januar, geschah. Hierzu gibt Tornielli nur die lapidare Feststellung des Dossiers wieder, als das Williamson-Interview im Internet zu kursieren begonnen habe, sei das Dekret bereits dem eigens nach Rom zitierten Oberen der Pius-Bruderschaft, Bischof Bernard Fellay, ausgehändigt worden und man hätte es nicht mehr zurückziehen können. Die verhängnisvollen Äußerungen Williamson seien bekannt gewesen, schreibt Tornielli, aber zwischen dem 21. und dem 24. Januar sei „niemand in den heiligen Palästen auf deren Tragweite und vor allem auf deren Konsequenzen aufmerksam geworden“.

    Ungebremst auf den Medien-GAU zugerast

    Genau das aber ist es, was viele jetzt wissen wollen. Der Vatikan unterhält eine Diplomatie mit Niederlassung in aller Herren Länder (auch Schweden), von der man bisweilen sagt, sie sei die beste der Welt. Der Vatikan ist in der Medienarbeit aktiv und betreibt Fernsehen, Zeitung sowie Radio – letzteres mit zahlreichen Sprachredaktionen – in eigener Regie. Der Vatikan steht in Verbindung zu Päpstlichen Universitäten und arbeitet mit Orden und geistlichen Bewegungen zusammen, die alle so etwas wie ein Ohr zur Welt darstellen. Der Vatikan hat ein mächtiges Staatssekretariat und zahlreiche Kongregationen, Kommissionen und Räte, überall also Mitarbeiter, die täglich „online“ sind. Und der Vatikan hat eine Päpstliche Gendarmerie, in der es eine Abteilung „Staatssicherheit“ gibt, worin manche schmunzelnd den Geheimdienst des Papstes sehen möchten. Zwar hat der Präsident der Päpstlichen Kommission „Ecclesia Dei“, Kardinal Dario Castrillón Hoyos, der die Aufhebung der Exkommunikation über längere Zeit federführend betrieben habe, gegenüber der Tageszeitung „Corriere della Sera“ erklärt, dass er nichts von Bischof Williams gewusst und immer nur mit dem Pius-Oberen Fellay verhandelt habe. Auch das Interview Williamsons sei ihm bis zur Aushändigung des Dekret nicht bekannt gewesen. Aber es ist schlichtweg unvorstellbar, dass niemand in den zahllosen Büros des Vatikans am 22. und 23. Januar bemerkt hat, dass der Vatikan ungebremst auf einen Medien-GAU zurast – und Papst Benedikt auf den bittersten Augenblick seines Pontifikats. An diesen beiden Tagen lief das Willamson-Interview überall im Internet und Andrea Tornielli hatte bereits voran in „Il Giornale“ geschrieben, dass das Dekret mit der Aufhebung der Exkommunikation am Wochenende veröffentlicht werden soll.

    Was sich dahinter verbirgt, ist ein großes Kommunikations-Defizit hinter den heiligen Mauern. Und zwar ein zweifaches: Zum einen scheint es im Vatikan und in dessen Nähe nicht üblich zu sein, zum Telefon zu greifen und die zuständigen Stellen zu warnen, wenn Gefahr im Verzug ist. Zum anderen stellt sich die Frage: Wen ruft man an? Wer sind denn die „zuständigen Stellen“, wenn es um Politik, Diplomatie, Medienarbeit und Skandal-Vermeidung geht?

    Wenn es um Kommunikation und Medienarbeit geht, fließen in der römischen Kurie die Signale von oben nach unten. Der Direktor des vatikanischen Presseamts, Pater Federico Lombardi SJ, bekommt vom Staatssekretariat mitgeteilt, was er bekannt zu geben hat. Selten hat er Gelegenheit, auch selber zu berichten, wie das Medienecho auf bestimmte Ereignisse ist, etwa nach Papstreisen, wenn man im Staatssekretariat wissen will, wie der Heilige Vater „angekommen“ ist. Ansonsten ist er ein viel beschäftigter Mann, leitet neben dem Presseamt auch das Fernsehen und die Redaktionen von Radio Vatikan. Und die „Sala stampa“, wie man das vatikanische Presseamt nennt, schließt um vierzehn Uhr seine Pforten.

    Das Staatssekretariat selber ist eine unzugängliche Behörde – nicht nur äußerlich, mit den Schweizer Gardisten, die das Bronzetor unter den Kolonnaden bewachen. Es heißt, im Staatssekretariat würden die Meldungen der wichtigsten Nachrichtenagenturen der Welt gelesen. Wer das tut, und wo, das weiß man nicht. Der Leiter dieser Behörde, Kardinalstaatssekretär Bertone, ist ein sympathischer Theologe, aber kein Fachmann im Umgang mit der modernen Medienwelt. Gegenüber der katholischen Tageszeitung „Avvenire“ erklärte er jetzt, „dem Papst und allen seinen Mitarbeitern“ sei auch künftig an „guten Beziehungen“ zum Judentum gelegen. Zur Aufregung in der jüdischen Welt meinte er unbekümmert: „Wir haben nicht so einen Katastrophen-Eindruck“, und fügte zu den Äußerungen Williamsons hinzu, die Pius-Bruderschaft habe sich von den Äußerungen ihres Mitbruders distanziert und den Papst um Verzeihung gebeten. Benedikt XVI. selber habe sich in der Generalaudienz der vergangenen Woche klar geäußert. „Die Angelegenheit ist aus meiner Sicht beigelegt“, so Bertone wörtlich. Man hat nicht den Eindruck, einen Krisen-Manager zu hören.

    Es gibt weitere „zuständige Stellen“, doch diese sind nicht vernetzt. Kardinal Walter Kasper, als Präsident des Ökumene-Rats und Leiter des Büros für die Beziehungen zum Judentum am Umgang mit Schismatikern mit zum Teil antisemitischen Tendenzen interessiert, hat von der Aufhebung der Exkommunikation Williamson und dessen Holocaust-Leugnung aus den Medien erfahren. Zum „Fall Williamson“ meinte er jetzt gegenüber Radio Vatikan: „Man hat da vorher im Vatikan zuwenig miteinander gesprochen und nicht abgecheckt, wo die Probleme auftreten.”

    Wer hätte miteinander sprechen müssen? Neben Staatssekretariat, Presseamt, Einheitsrat und Glaubenskongregation, in der die Akten über den Bruch mit den Lefebvre-Bischöfen liegen, sicherlich auch die federführenden Behörden: die für die Traditionalisten zuständige Kommission „Ecclesia Dei“ und die Bischofskongregation, deren Präfekt, der erfahrene Kurienkardinal Giovanni Battista Re, das Dekret für die Lefebvre-Bischöfe unterschrieben hat. Zwar hat sich Kardinal Re am Tag nach der Veröffentlichung des Dekrets vor Zeugen darüber beklagt, „Ecclesia Dei“-Chef Castrillon-Hoyos habe ihn über den Tisch gezogen (DT vom 29. Januar). Aber unterschrieben hat er doch – obwohl er als ehemaliger Substitut im Staatssekretariat so ziemlich alle Minen kennt, auf die der Vatikan treten kann.

    Byzantinische Verhältnisse, die hat es in der römischen Kurie immer gegeben. Aber sie leisten es nicht mehr, in einer blitzschnell agierenden Medienwelt angemessen auf Krisen zu reagieren. Der „Osservatore Romano“ hat in einem Kommentar das „falsche Drehbuch“ beklagt, nach dem die Aufhebung der Exkommunikationen erfolgt. Anders als nach der „Regensburger Vorlesung“ des Papstes, als eine verkürzende Meldung der Nachrichten-Agentur „Reuters“ die muslimische Welt in Aufruhr versetzte, war das „falsche Drehbuch“ diesmal rechtzeitig zu lesen: In dem Spiegel-Artikel „Problem für den Papst“ vom 19. Januar. Dort war bereits das ganze Szenario ausgebreitet – die Äußerungen Williamsons eingeschlossen –, in das Papst und Kurie hinein getappt sind. Manche sagen, sämtliche Alarmsysteme des Vatikans hätten versagt. Offensichtlich gibt es die aber gar nicht. Höchste Zeit, hier entsprechende Strukturen zu schaffen.

    Von Guido Horst